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Alexander von Wyttenbach:
Die Vernunft als Untertan des Unbewussten.
Betrachtungen, herausgegeben und mit einem Geleitwort versehen von Peter A. Rinck.
135 Seiten; €14,90 [DE]
BoD Norderstedt.
ISBN 978-3-7357-4122-6

Alexander von Wyttenbach:
Die Vernunft als Untertan des Unbewussten

Kapitel 14
Die Lernfähigkeit als anatomi­scher und genetischer Vorgang

uch wenn man davon ausgeht, daß der Mensch vom Unbe­wußten geleitet wird, darf man die Lernfähigkeit seines Unbe­wußten nicht übersehen. Die Lernfähigkeit des Menschen ist der Grundpfeiler der menschlichen Evolution.

Doch — wie lernt der Mensch? Mit seinen Hirnfor­schungen hat der spätere Nobelpreisträger Santiago Ramón y Cajal den Grund­stein für unser beginnendes Verstehen komplizierter Hirnfunktio­nen gelegt.

Einen der besten Überblicke über seine Forschungen und Ge­danken gab er 1894 in seiner Croonian Lecture an die Royal So­ciety of London, wo er folgende Ansicht äußerte:

„Geistige Übung ermöglicht eine stärkere Entwicklung der Pro­toplasmasystems und der Nervenkollateralen im genutzten Gehirn­gebiet. Auf diese Weise können bereits bestehende Verbindungen zwischen Zellgruppen durch Vermehrung der endständigen Zweige der protoplasmatischen Anlagen und Nervenkollateralen verstärkt werden.“ [31]

Lange Zeit war dieses Postulat umstritten und nicht allgemein anerkannt, bis ein weiterer Nobelpreisträger, Eric Kan­del, viele Jahrzehnte später bahnbrechende Erkenntnisse gewann, die für das Verständnis der Evolution der Menschheit einen großen Fortschritt darstellen [32].

Kandel unterschied zwischen Kurzzeit- und Langzeitgedächt­nis. Beim Kurzzeitgedächtnis interagieren die Nervenzellen auf ex­terne Reize lediglich über chemische Botenstoffe. Wiederholt sich aber die äußere Anregung, verstärken sich ihre Synapsen, was zu einer dauerhaften Funktion beträgt — eine Voraussetzung des Lernens.

Diese Lernfähigkeit ist die Erklärung für die große Anpassungs­fähigkeit des Menschen und bleibt bis ins hohe Alter erhalten. Sei­ne „Plastizität“ erlaubt es dem Gehirns, sich anatomisch den Anrei­zen und den Anforderungen der Außenwelt anzupassen und damit zu „lernen“.

Jedermann hat die Erfahrung gemacht, daß Fä­higkeiten die er sich einmal angeeignet hat (zum Beispiel ein Musikinstrument zu spielen oder eine Sportart zu betreiben) zwar bei Nichtgebrauch in Vergessenheit geraten, bei Bedarf jedoch rasch wieder abberufen werden können. Nichts ist für den Lernprozeß richtiger als der Volksspruch „Übung macht den Meister“, was auf die Mühen des evolutionären Lernprozeß hindeutet. Damit die anatomischen An­passungen entstehen, müssen die Reize, die Informationen über längere Zeit wiederholt oder durch emotionale Erlebnisse verstärkt, das Gehirn erreichen. Einmalige emotionale Traumata und Kata­strophen wie Erdbe­ben, Überschwemmungen, Kriege, Gewalt- und Morderlebnisse können durchaus den Menschen ein Leben lang im Gedächtnis prä­gen.

Der Musikunterricht gibt uns ein deutliches Beispiel dafür, wie sehr die Wiederholung wirkt. Man hat festgestellt, daß der Erfolg der Musikstudenten bei den Prüfungen direkt proportional zur An­zahl Übungsstunden ist und vom Alter abhängt, in dem das Studi­um begonnen hat. Dem Menschen ist somit die Möglichkeit gege­ben, sein unbewußtes Verhalten zu prägen.

Er ist in der Lage Hemmschwellen gegen seinen Tötungsin­stinkt aufzubauen; Voraussetzung für diesen Lernprozeß ist die Möglichkeit in einem Umfeld aufzuwachsen und leben zu können, in dem ein ansteckender Konsens der Gruppe darüber herrscht, daß man nicht töten darf. Ein Mensch der von Kindesalter an in ei­ner Gesellschaft mit der Erfahrung aufwächst, daß Gewalt eine norma­le Überlebensstrategie darstellt und Totschlag zum Alltag ge­hört, wird diese Hemmschwelle trotz Verboten nicht aufbauen; äußerer von der Vernunft geleiteter Zwang reicht dazu nicht. In einer sol­chen Gesellschaft können erfahrungsgemäß kaum Ordnungs­kräfte aufgebaut werden, die tatsächlich willens wären das Tö­tungsverbot durchzusetzen. Viele Völker sind mit diesem Problem konfrontiert.

Die heutige Anschauung, die an eine mögliche Resozialisierung von Schwerverbrechern, besonders von gemeingefährlichen Se­xualverbrechern und Wiederholungstätern glaubt, bleibt ein Wunschtraum. Wie stark der Einfluß der Indoktrinierung des Um­feldes mit seinem Gruppenverhalten auf das sich entwickelnde Ge­hirn sein kann, wird in Gemeinschaften deutlich, die Selbstmordat­tentäter hervorbringen: eine Beeinflussung des Unbewußten, eine Gehirnwäsche, die in der Lage ist, sogar den natürlichen Selbster­haltungstrieb zu überwinden.

Die in fortgeschrittenen Zivilgesellschaften gesetzliche Ahn­dung des Mordes und Abschaffung der Todesstrafe ist nicht als Re­sultat eines Zwangs durch die Vernunft zu verstehen, sondern als Resultat eines kulturellen Lernprozesses und Ausdruck des erreich­ten Konsenses darüber im kollektiven Unbewußten der Bevölke­rung.

Es ist allerdings zu unterstreichen, daß damit der Tötungsin­stinkt im kollektiven Unbewußten nicht gezähmt ist und jederzeit wieder zum Vorschein kommen kann.

Der Lernprozess setzt sehr früh ein

Eine weitere bedeutungsvolle Erkenntnis der Neurowissen­schaft ist, daß die Anpassung der Anatomie des Gehirns sehr früh, bereits kurze Zeit nach der Geburt einsetzt, die Zuneigung der Mutter spielt in der Natur eine wichtige Rolle.

Experimente mit von der Mutter getrennten Affenbabys aus den sechziger Jahren haben gezeigt, daß sie neben dem Schoppen ver­zweifelt nach Kuschelersatz suchen und Verhaltensstörungen auf­weisen.

Neue Beobachtungen bei Mäusen haben überraschende Ergebn­isse gezeigt. Mäuse, die durch die Mutter besonders fürsorg­lich be­handelt wurden, erwiesen sich in ihrem Verhalten im Ver­gleich zu vernachlässigten wesentlich reblausresistenter.

Diese physische Nähe und Fürsorge der Mutter hat bei den Mäusen zudem zu feststellbaren Veränderungen der Gene geführt, die an die nächste Generation vererbt werden.

Beim Kind beeinflußt die Liebe und Zuneigung der Mutter in dieser frühen Phase vor allem die emotionale Ebene und spielt bis zum dritten Lebensjahr eine entscheidende Rolle in der Heranbil­dung des Selbstwertgefühls des jungen Wesens, was natürlich sein Verhalten mitbestimmt.

Die Zuneigung und Führung durch den Vater in einem Alter, in dem das Kind sich mit der Außenwelt auseinanderzusetzen be­ginnt, trägt wesentlich zu einem stabilen seelischen, emotionalen und sozialen Gleichgewicht des Kindes bei. Zu den Werkzeugen zur Bildung des Gehirnes der Kleinkinder gehören auch anregende Spielzeuge. Leider produziert die Industrie oft Spielwaren, die vor allem die Erwachsenen ansprechen, die aber den Kindern nur ge­ringe Gestaltungsmöglichkeiten bieten und sie schnell langweilen.

Zum Zeitpunkt der Einschulung sind im Gehirn des Kindes be­reits wichtige Pflöcke für die Persönlichkeitsentwicklung für das ganze Leben gesetzt. Die heutige Familienpolitik, die im Sog der „Gender“-Ideologie, die den materiellen Wohlstand und die „Selbst­verwirklichung“ beider Eltern zu Lasten der Bedürfnisse des Kin­des fördert, zeugt von einer totalen Unkenntnis des menschlichen Wesens mit seinen unbewußten Bedürfnissen und vergißt, daß — wie in der Natur — auch für den Menschen die Sorge um die Nachkom­men die wichtigste Aufgabe überhaupt ist.

Die Familie im traditio­nellen Sinn als Urzelle der menschlichen Gemeinschaft ist kein Kulturprodukt, sondern entspricht einer na­turgegebenen Notwen­digkeit für die Betreuung der Nachkommen – eine Betreuung, die so lange dauern muß, bis die Nachkommen in der Lage sind, sich alleine zu behaupten. Wenn man sie als über­holt bezeichnet, ver­gißt man die Tatsache, daß die Betreuung der Nachkommen in der Tierwelt, zu der ja auch der Mensch gehört, seit Jahrtausende tief im kollektiven Unbewußten verankert ist und nicht einer Mode oder dem Zeitgeist entsprechen kann.

Dem Zeitgeist entsprechend stehen vor allem die heutigen Wunschvorstellungen an materiellen Gütern bei Erwachsenen im Vordergrund. Daß in unserer Gesellschaft ein unbewußtes Unbeha­gen gegenüber der Institution der Familie vorhanden ist, äußert sich in der Politik mit der Forderung nach Familien- und Kinderzu­lagen sowie Kindertagesheimen durch den Staat. Dabei wird über­sehen, daß Bedürfnisse der Kinder im Bereich des Unbewußten und der Emotionen (mit anderen Worten nach Liebe durch Bezugs­personen) niemals mit Geld des Staates oder Institutionen wie Kin­derkrippen gleichwertig befriedigt werden können.

Drogenkonsum, Gewaltbereitschaft und Hooliganismus der heutigen Jugend sind die Quittung einer Fehlentwicklung. Ein be­sonderes Problem für den emotionalen Lernprozeß der kommen­den Generationen stellt die zunehmende Zahl von Scheidungskin­der, Patchwork-Familien und wie erörtert, von alleinerziehenden Eltern dar, vom Wunsch homosexueller Paare nach Kinderadoption gar nicht zu sprechen. Die in der klassischen Familie enge fürsorgliche Bindung zwi­schen Eltern und Nachkommen — mit gemeinsamen Mahlzeiten — geht verloren, worunter die menschliche Bindungsfä­higkeit als Er­wachsener sich nur schlecht entwickeln kann; auch die natürliche Autorität der Eltern und der Erwachsenen leidet un­ter wechselnden Partnerbeziehungen.

Studien zeigen, daß Scheidungskinder allgemein zur Beliebig­keit ihrer affektiven Bindungen neigen, öfter unter Depressionen leiden und einem höheren Risiko von Ehescheidungen ausgesetzt sind, eine Hypothek, die sie das ganze Leben belastet. Man soll da­bei natürlich die Vergangenheit nicht idealisieren, auch früher ver­lief in Familien das Zusammenleben oft nicht zum Besten. Meist erschwerten aber soziale und materielle Zwänge eine Scheidung und eine Trennung der Ehepaare, was die Eltern zu einem Modus vivendi der Toleranz zwang. Studien zeigen, daß eine nicht harmo­nische Familie — wenn keine Gewalt oder Alkoholismus im Spiel sind — für die Kinder immer noch vorteilhafter ist als der Schmerz einer Trennung der Eltern. Auch in der Vergangenheit gab es durch frühen Tod eines Elternteils alleinerziehende Eltern, doch ein Schicksalsschlag mit der entsprechenden Trauerverarbeitung, kann vom Kind besser verarbeitet werden als eine Trennung von Eltern im Streit.

Die Erziehung als Lernprozeß

Die Erziehung als Lernprozeß der Nachkommen ist ein unter Päd­agogen und Experten höchst umstrittenes Kapitel, das wesent­lich vom Zeitgeist geprägt wird und zu nie endenden, oft irrationa­len politischen Auseinandersetzungen geführt hat und heute noch führt. Leider werden dabei die Erkenntnisse der verschiedenen psycholo­gischen und naturwissenschaftlichen Studien der Forschung nicht zur Kenntnis genommen.

Wenn man den Lernprozeß, wie beschrieben, als dauerhafte An­passung des Gehirns an äußere Anregungen versteht, wirft dies ein neues Licht auf die Anforderungen an die Erziehung. Wie auch bei den Tieren findet der Lernprozeß des Menschen nicht mit Anweis­ungen, sondern vor allem durch Nachahmung statt. Es ist da­mit eine große Herausforderung und Verantwortung für die Erwachsen­en im allgemeinen und für die Eltern im besonderen, mit ihrer Zu­neigung, Liebe und ihrem Verhalten dem Nachwuchs als Vorbilder zu dienen und ein optimales Umfeld und die notwendige Motivati­on für den Lernprozeß der Heranwachsenden zu bieten.

Man weiß, daß bei Tieren der Lernprozeß nur mit der Beloh­nung gefördert werden kann, man kann keinen Hund ohne eine Wurst in der Hand dressieren. Das ist beim Heranwachsenden nicht anders, die beste Förderung des Lernens ist eine Belohnung des Lernerfolges. Die herausragende Bedeutung der Vorbildfunkti­on der Eltern liegt auf der Hand. Daß es in unserer Gesellschaft ein Familienproblem gibt, wird in der Politik wahrgenommen. Will man unseren Nachkommen eine für das Leben bessere menschliche Grundlage liefern, kann nur eine Politik helfen, die nicht nur mate­rielle Anreize, sondern auch sozial bessere Voraussetzungen für ein Familienleben schafft, das es den Eltern ermöglicht, den Kindern ge­nügend Zeit zu widmen. Dies kollidiert heute leider mit der herr­schenden „Gender“-Ideologie, die in der Erwerbstätigkeit die wich­tigste Selbstverwirklichung sieht.

Das Bildungssystem

Neben der Familie hat mit der Einschulung auch das Bildungssy­stem eine wichtige Funktion in der Entwicklung des Menschen. Ein Pfeiler der schulischen Bildung ist die Sprach- und Lese­kompetenz, denn, wie Carl Popper dies formulierte: „Gehirn macht Sprache, und Sprache macht Gehirn.“

Sprache ist eine Voraussetzung des abstrakten Denkens, die Klarheit in der Sprache ist die Klarheit der Gedanken. Um diese Kompetenz zu erreichen steht ein gründlicher, vertiefter Unterricht in der Muttersprache im Vordergrund.

In jeder Sprache liegt die Jahrhunderte zurückreichende Kultur ei­nes Volkes verborgen. Nach wie vor bildet dabei für die westliche Kultur das Lateinische als Wurzel unserer Sprachen ein unter­schätztes, unübertroffenes Mittel zur Förderung der Sprach­kompetenz. Erst nach der Muttersprache können die heute notwen­digen Kenntnisse der Fremdsprachen gelehrt werden.

Europäische Untersuchungen von Schülern haben einen er­schreckender Man­gel an Schreib- und Lesekompetenz ans Licht gebracht, und selbst die Sprachkompetenz der Medienschaffenden läßt heu­te mehr als nur zu wünschen übrig.

Einen zweiten Pfeiler zur För­derung der Entwicklung der menschlichen Gehirnfunktion bilden solide Grundkenntnisse der Mathematik. Auch hier sollen nicht zu viele, sondern vor allem so­lides Grundwissen und Kompetenzen vermittelt werden, die das mathe­matische Denken prägen.

Die zwei erwähnten Pfeiler der Bildung stellen das Rüstzeug dar, das den Menschen von den übrigen Lebewesen unterscheidet und den evolutionären Lernprozeß im Unbewußten ermöglicht. Fä­higkeiten, die dem Menschen aber keine Orientierung geben kann, denn sein Denken und Verhalten wird von den Emotionen beein­flußt. Zugang zu seinem Unbewußten hat der Mensch nur in seinen Darstellungen und Offenbarungen. Eine schulis­che Ausbildung, die den heranwachsenden Jugendlichen nicht an die emotionale Ebene heranführt, ist einseitig und nicht menschen­würdig. Gerade in der Zeit einer Blüte der Wissenschaft und Tech­nik darf auf die Orien­tierung des Menschen durch das Unbewußte mit seinen Gefühlen nicht verzichtet werden. Die hu­manistischen und künstlerischen Schul­fächer sollten dabei eine unverzichtbare erzieherische Rolle spie­len. Ganz allge­mein gilt im heutigen Schulunterricht die Ten­denz zu viel — wenn auch wünschenswertes — Wissen zu vermit­teln, es werden zu viele Fächer gleichzeitig unterrichtet, was nicht ins Langzeitge­dächtnis gespeichert werden kann.

Oft orientieren sich die Lehr­programme zu sehr an die ver­meintlichen Bedürfnisse des späteren Berufslebens. In einer Zeit der raschen Veränderung des Wissens wäre es wichtiger, Jugendli­chen die Fähigkeit zu vermitteln, selbständig zu denken, zu beur­teilen und zu wäh­len.

Neue Herausforderungen der Informationstechnologie

Die Entwicklung der Informationstechnologie mit der weltweiten Echtzeitübertragung von Informationen über das Internet stellt für die Mensch­heit eine Zeitwende dar, wie im 19. Jahr­hundert die Er­findung der Dampfmaschine, die die Befreiung der Menschen von der körperli­chen Arbeit eingeleitet hat.

Dieser rasche Fortschritt überfordert heute die meisten Men­schen, doch dank ihrer Fähigkeit mit Unbe­kanntem umzugehen, sind sie in Zukunft sicherlich in der Lage, auch diese neue Situati­on zu mei­stern. Die neuen Technologien stellen effiziente Werk­zeuge dar und sind, wie jedes Werkzeug, weder Segen noch Fluch, sondern — richtig angewandt — nur nützlich. Ihr Gebrauch will aber gelernt sein, denn sie bergen viel­fältige Gefahren.

Hier soll an die Weis­heit Buddhas erinnert werden, der die Sin­nesempfindungen, die Wahr­nehmung der Sinnesempfindungen, die Körperlichkeit, die Bewußtheit und die Regungen des Geistes als das Wesen des Men­schen definiert hat, womit er auf intuitivem Wege die heutigen wis­senschaftlichen Erkenntnisse vorwegnahm.

Entgegen der Theorie Descartes' stellt der Mensch eine Einheit von Körperlichk­eit, Emotionen und Ratio dar. Es gibt kein rationa­les Denken ohne Phantasie und Beteiligung von Emotionen, also des Unbewußten, und keine Emotionen ohne Körpergefühle. Der Mensch lebt und kommuniziert mit seiner Umwelt nur mittels sei­ner Körpersinne und zwar nicht nur mit Hören und Sehen, sondern mit allen Sinneswahrnehmungen wie Riechen, Tasten, Hören und Kör­persprache, die zur realen Kommunikation dazugehören.

Die au­diovisuellen Medien ermöglichen nur eine beschränkte virtuelle, immaterielle Kommunikation und Interaktion: Die Infor­mationen besitzen keine körperliche, gegenständliche Dimension, die sie zu einer Botschaft des Unbewußten und einer menschli­chen Erfah­rung werden lassen.

Solange Kinder und Jugendliche sich für kurze Zeit mit Compu­terspielen amüsieren oder ihre Neugier am PC befriedigen, ist we­nig einzuwenden. Wenn sie aber regelmäßig mehrere Stunden am Tag vor dem PC, einem Handy, Tablet oder mit Computerspielen verbringen, gehen sie ein großes Risiko für die Entwicklung ihres Gehirnes ein.

Neueste Untersuchungen haben gezeigt, daß Kinder, die über­mäßige Zeit vor Bildschirmen verbringen, einen kleineren Vorder­hirnlappen entwickeln, eine besorgniserregende Erkenntnis.

Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind klar, ihre Sprach­kompetenz verkümmert zum SMS und Computerjargon. Daß die heranwachsenden Generationen das Lesen eines Buches verlernen, ist ein weiterer fataler Verlust für ihre Entwicklung und Individua­tion.

Erschreckend und ein Beispiel des Realitätsverlustes ist die Antwort vieler Jugendlicher auf die Frage, wie viel Freunde sie hätten — die Antwort lautet, sie hätten hunderte von Freunden über Facebook ge­wonnen. Sie verwechseln dabei den Sinn des engli­schen Wortes „friend“ (Bekannter, seltener „Freund“) mit dem ähn­lichen klingenden deutschen Begriff. Die sterilen und oberflächlic­hen Internet-Kontakte über Facebook entspricht nicht der wahren Interaktion unter Menschen, von Freunden. Sie lernen nicht mehr, was eine wah­re Freundschaft unter Menschen in der Not bedeuten kann. Der Verlust des Be­zugs zur Realität dürfte in der Regel wohl wichtiger sein als der Einfluß des Inhaltes der Spiele oder des In­ternets an sich. Der Ausdruck „Social Network“ ist dabei irrefüh­rend.

Nicht unerwähnt darf dabei auch bleiben, daß der Bildschirm ein gefährliches Suchtpotential hat. Noch gefährlicher wird es al­lerdings dann, wenn besonders Kinder und Jugendliche via Face­book mit Pornographie und Mobbing konfrontiert wer­den. Aus Deutschland ist ein Fall von pornographischem Mobbing gegen ein zwölfjähriges Kind bekannt, das es zum Selbstmord ge­trieben hat, wobei der Schuldige nicht identifiziert werden konnte.

Man kann sich Facebook als eine riesige Halle vorstellen, in die man über Internet eintritt und in der viele Menschen versam­melt sind, die man nicht persönlich, also mit allen Sinnen, kennt. Ver­hängnisvoll ist dabei, daß man aus dieser Halle nie mehr austret­en kann. Wenn man sich belästigt oder bedroht fühlt, kann man nicht mehr flüchten.

Besonders die Jugend, die zu Hause, im geborgenen Zimmer in diesen virtuellen Raum eintritt, ist sich dieser Gefahren nicht im Geringsten bewußt. Die Devise für Kinder und Jugendliche kann somit nur lauten: Bildschirm ja, aber nicht im eigenen Zimmer, sondern in einem gemeinsamen Raum, die Eltern müssen ihnen beim Gebrauch dieses außerordentlichen Werkzeugs helfen und beistehen. Die Zeit vor dem Bildschirm muß beschränkt werden, denn neue Untersuchungen haben gezeigt, daß eine übermäßige Benutzung der neuen multifunktionalen Handys mit Internet-Ver­bindung besonders bei Jugendlichen kognitive Schäden anrichten können.

Spätestens hier wird die Bedeutung der Familie für den Schutz des Nachwuchses vor den modernen Gefahren deutlich, mit Eltern die genügend Zeit ihren Kindern widmen müssen.

Werbung und Computerspiele auf Abwegen

Es soll hier noch auf ein Phänomen hingewiesen werden, das sich besonders in den USA ausbreitet — die sich an Kinder wenden­de Werbung. Werbeagentur betreiben eine systematische Forschung über wie man Kinder ab dem zweiten Lebensjahr in ihren Konsum­wünschen beeinflussen kann. Um das Konsumverhalten von Ki­nern zu beeinflussen, untersucht man mit Videokameras, wie Kin­der, je nach ihrem Alter, auf verschiedene Werbung rea­gieren.

Wenn man be­denkt, daß kleine Kinder noch nicht in der Lage sind, Werbebotschaften kritisch zu beurteilen, ent­spricht dies einer Ge­hirnwäsche, die womöglich das ganze Leben konditioniert.

Ähnli­cher Gefahren lauern in Computerspielen, die das Urteils­vermögen von kleinen Kindern überfor­dert. Die zunehmend besse­re werdende digitale Technik bietet immer realistischere Darstel­lungen, die für das Kind die Unter­scheidung zwischen realer und virtueller Welt erschweren. Solche das Gehirn des sich entwickeln­den Kindes prägenden äußeren Rei­ze erreichen heute ein er­schreckendes Ausmaß, dessen zukünftige Folgen nicht abschätzbar sind.

Die Evolution findet nur langsam statt

Wichtig ist wahrzunehmen und zu wissen, daß eine Ände­rung des Verhaltens und eine Verbesserung des menschlichen Zusammenleb­ens in der Gesellschaft nicht direkt mit aufgezwunge­nen Re­geln der Vernunft zu erreichen ist, nicht mit Zwang, sondern nur durch den mühsamen Lernprozeß des Einzelnen auf der unbewuß­ten Ebe­ne seines Wesens.

Wie die Geschichte uns lehrt, wird es auf der Welt trotz der menschlichen Vernunft kaum gelingen, idea­le Verhältnisse zu errei­chen, denn im Unbewußten des bipola­ren, im Spannungsfeld zwi­schen kollektiven Unbewußten und Ver­nunft le­benden Menschen lauern immer auch dunkle, tierische An­lagen, die der Vernunft nicht zugänglich sind und jederzeit an die Oberflä­che treten kön­nen.

Die Genozide des letzten Jahr­hunderts an den Armeniern und Juden oder in Kambodscha, aber auch die organi­sierte Kriminalität in Mexiko mit über 30'000 Er­mordeten und die zahlreichen grausa­men Kriege der Gegenwart sind Bei­spiele der Möglichkeit des kol­lektiven Regression des Menschen ins Tieri­sche.

Wenn man sich vergegenwärtigt, daß der Lernprozeß des Ge­hirns schon kurz nach der Geburt einsetzt, wird verständlich, warum die Evolution der Menschheit so langsam fortschreitet, denn der Fortschritt findet im Rhythmus der Generationen statt, das Erlernte kann nur über die Generationen weitergegeben werden.

Ein weiteres Hindernis zur raschen Evoluti­on der Zivilgesell­schaft besteht darin, daß der Lernprozeß vor al­lem im kleinen Kreis, sozusagen im Stamm, stattfindet und das Er­lernte nur lang­sam durch Ansteckung im Gruppenerlebnis zum all­gemein akzep­tierten, gesellschaftlichen Gut wird. Angesichts des rasanten wis­senschaftlichen und technischen Fortschritts, ist heutzutage vielen Menschen das Verständnis für den langsamen Rhythmus der ge­schichtlichen Abläufe abhanden gekommen.

Die Evo­lution eines Volkes von der Stammesgesellschaft — wie sie in vielen Entwicklungsländer noch heute herrscht — zu einer Demokratie, wie sie vor über 2000 Jahre von Perikles definiert und zur offe­nen Gesellschaft wurde, hat Jahrhunderte benö­tigt. In der offenen Gesellschaft ist ein allgemeiner Konsens über die Verhal­tensregeln des menschlichen Zusammenlebens erreicht worden, die auf ange­borene affiliative und kollaborative Instinkte zurückzufüh­ren ist. Hier findet der beschrie­bene, angeborene Sinn für Gerech­tigkeit, für „Fairneß“ in den Ge­setzen ihren Ausdruck.

Im Zusammenhang mit den Religionen, wurde auf die Ideologi­en eingegangen, mit denen Politiker und Theoretiker mit Rezepten der Vernunft — zum Beispiel dem Marxismus-Leninismus — erfolg­los mit grausamen Zwangsmaßnahmen die Welt verbessern woll­ten.

Dies ist heute leider nicht anders. Das Streben nach dem Para­dies auf Erden im ewigen Frieden wird immer eine Utopie bleiben. Die UNO stellt lediglich einen wohlgemeinten, löblichen Versuch dar, einen weltweiten Konsens über Regeln eines besseren Zusam­menlebens der Völker zu erreichen, ein Lernprozeß der Völker, der unendlich dauern wird. Wie die Untätigkeit der UNO anläßlich blutiger Bürgerkriege beweist, lie­gen zwischen ihren hohen An­sprüchen und der Realität Welten — die Doppelbödigkeit der intern­ationalen Organisa­tionen läßt an ihnen zweifeln.


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Fußnoten

31. Ramón y Cajal, Santiago. La fine structure des centres nerveux. London: Proc. R. Soc London B. 54: 444-467; 1894.
32. Kandel, Eric R. Biographical. In: Tore Frängsmyr, Tore. Les Prix Nobel, The Nobel Prizes. Stockholm: The Nobel Foundation. 2001.

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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Geleitwort
Vorwort

Aphorismen

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14

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