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Alexander von Wyttenbach:
Die Vernunft als Untertan des Unbewussten.
Betrachtungen, herausgegeben und mit einem Geleitwort versehen von Peter A. Rinck.
135 Seiten; €14,90 [DE]
BoD Norderstedt.
ISBN 978-3-7357-4122-6

Alexander von Wyttenbach:
Die Vernunft als Untertan des Unbewussten

Kapitel 4
Der Sexualtrieb

ie Abfolge von spontanem Trieb, Appetenzverhalten, Trieb­handlung und Endhandlung läßt sich beim Menschen deut­lich im Bereich des Sexualverhaltens beobachten und nachvollzie­hen. Da der Sexualtrieb dem natürlichen Urzweck der Fortpflan­zung dient, ist er einer der stärksten überhaupt.

Der Glaube, daß der Einfluß des Sexualinstinktes auf die Privat­sphäre be­schränkt sei, ist ein großer Irrtum, er beherrscht das ge­samte Gesell­schafts­leben des Menschen. Die bewußte Wahrneh­mung des Einflusses dieser ange­borenen verhaltensbiologischen Gesetze auf die Mann-Frau-Beziehung wird dadurch erheblich er­schwert, daß sie nicht in ihrer reinen Urgestalt in Erschei­nung tre­ten, sondern im Wechselspiel mit anderen Kräften des menschli­chen Seins stehen und durch diese verschleiert werden.

Die italienische Psychoanalytikerin Marina Valcarenghi meint dazu:

„Die Trennung des Instinktes vom Bewußtsein seines Wertes und der morali­sche Verruf, der daraus folgt, sind die Grundlage des untergründigen Charak­ters von all dem, was im Westen den Sex betrifft. Das Bewußtsein des intrin­sischen Wertes des Instinktes und seine Bindung mit dem Sakralen war hin­gegen in den vor­christlichen Kulturen verwurzelt, und die Analogien zwischen die­sem Ichbewußtsein und die moderne psychoanalytische Forschung sind in der Begegnung zwischen den phallischen Darstellungen die­ser Kulturen und den Formen des Unbewußten der Träume un­serer Patienten wiederzufinden“ [Übersetzung d.A.] [12].

Das sexuelle Verhalten des Menschen wird also nicht allein durch den Trieb, sondern auch durch die Psyche gesteuert, durch das Zusammenspiel oder die Spannung der beiden Jungschen unbe­wußten Archetypen des Animus und der Anima. Die Beziehung Mann-Frau wird weiter durch die Beziehung zu den Nach­kommen kompliziert, aber auch durch rationale Aspekte wie soziale Einflüs­se und wirtschaftli­che Zwänge.

Alle diese Einflüsse sind jedoch kein überzeugender Grund, die sehr starke, allgegenwärtige, unbewußte Wirkung des reinen In­stinktes auf das mensch­liche Verhalten zu übersehen. Es muß so­mit nicht erstaunen, daß eine har­mo­nische Ehe oder Partnerschaft zwi­schen Mann und Frau wegen ihrer Kom­ple­xität eine sehr schwieri­ge Aufgabe darstellt.

Triebe können nicht gezähmt werden

Daß die Kraft des Sexualtriebes durch rationale Faktoren nicht zu unter­drücken ist, wird durch unzählige Erscheinungen bewie­sen, die in der Ge­sell­schaft beobachtet werden können.

So haben in der Geschichte viele Gesellschaften aus ethischen und religiösen Gründen oder aus rationalen, hygienischen und so­zialen Überle­gungen, wie­der­holt und immer wieder erfolglos ver­sucht, die nicht zufällig als den „äl­tes­ten Beruf“ bezeichnete Prosti­tution auszurot­ten. Da es auf Instinkte zurück­geht, macht das Phä­nomen der Pro­stitution keine Unterschiede vor Er­zie­hung und Bil­dung und be­trifft alle sozialen Schichten.

Besonders deutlich wird dies am Pro­blem der Prophylaxe gegen Geschlechts­krankheiten, namentlich gegen AIDS, wo das rationale Wissen über die Ge­fah­ren oft nicht zu einem vernunftgeprägten Verhalten führt und epidemiologisch als wirksam anerkannte Maß­nahmen gegen AIDS gesetzlich nicht ge­troffen wer­den können, weil sie in unserer „aufgeklärten“ Gesell­schaft politisch noch an unüberwindbare kulturelle und moralische Hürden stoßen.

Ein weiteres Beispiel dieser These ist die Tatsache, daß trotz der Mög­lich­kei­ten der Schwangerschaftsverhütung viel Leid im Zu­sammenhang mit un­er­wünsch­ten Schwangerschaften und Abtrei­bung entsteht. Wenn dieses Leid sogar hohe Geistliche trifft, die ei­gentlich von ihrer Bildung und Erziehung her besonders dagegen gewappnet sein sollten, dann muß es schon eine unbewußte Ur­kraft sein, die zur Überwindung aller Hemmschwellen führt.

Die unsachgemässe Reaktion der Vernunft auf den Sexualtrieb

Auf die seelischen Konflikte zwischen dem angeborenen Triebver­halten und den kulturbedingten normativen ethischen Gesetzen rea­giert der Mensch wie sehr oft auf unzweckmäßige Weise. Statt den Trieb bewußt als natürliche Ur­kraft zu verstehen und mit ihr zu­rechtzukommen, sucht der Mensch irr­tüm­licher­weise das Übel im Trieb selbst. Der Sexualtrieb als solcher wird, speziell für einige Kirchen, zur negativen Kraft, die es zu überwinden und besiegen gilt. Da nun stammesgeschichtlich angeborene, zur Arterhaltung vorgesehene Triebe höchstens beherrscht, jedoch niemals gezähmt werden können, kommt es aus kulturellen Gründen zu Verdrängungen und zu seelischen Spannungen und Nöten.

Die Feindlichkeit gegenüber der Sexualität geht oft im Gleich­schritt mit einer allgemeinen, dem Wesen des Menschen widerspre­chenden Körperfeindlichkeit und ist ein Zug speziell monotheisti­scher Religionen.

Auffallend und nicht zufällig ist die Feststellung, daß in unse­rer Kultur die ana­to­mischen Körperteile um die Fortpflanzungsor­gane mit dem Zusatzwort „Scham“ assoziiert werden: Schambein, ple­xus pudendus und ähnlich Begriffe — bedeutet doch Scham (ge­mäß Lexikon) „ein Unlustgefühl, das auf das Be­wußt­sein zurückzufüh­ren ist, daß etwas im Widerspruch mit den Wert­vor­stel­lungen steht“.

Bezeichnend für diese Wertvorstellungen sind auch die Schwie­rigkeiten vieler Eltern mit der Aufklärung ihrer Kinder über den natürlichen Fort­pflan­zungs­vorgang. Es ist rein rational nicht zu er­klären, daß ein von der Natur vor­ge­se­hen­er, zur Arterhaltung ge­dachter, angeborener Trieb ethisch als solcher gegen die menschli­chen Wertvorstellungen verstößt und als schamerzeugend em­pfun­­den werden soll (Scham, die nicht mit dem notwendigen Schutz der emo­tio­nalen Intimsphäre in der Sexualität zu verwechseln ist).

Der Sexualtrieb, der dem übergeordneten Zweck der Arterhal­tung dient, hat in der Tat eine transzendente, sakrale Di­mension, die in einigen Kulturen und Religionen ihren Nieder­schlag gefun­den haben. Dem Sexualbereich waren in der griechi­schen Mytholo­gie, aber auch in anderen Mythologien und Religio­nen, spezielle Rituale gewidmet, mit denen die seelischen Span­nungen, die durch den Konflikt zwischen sozialen Notwendigkei­ten und Instinkten ent­stehen, abgebaut werden konnten. In den semitischen Kulturen des östlichen Mittelmeerraumes kannte man die heilige Hingabe im Tempel, zum Beispiel in Baalbek [13], ein religiöser Ritus junger Frauen und teilweise auch junger Männer, die sich nicht kannten – Hierodule oder Hierodulos, (altgriechisch: ἱερόδουλος (hierodou­los), von ἱερός (hieros, gottgeweiht) + δοῦλος (doulos, Diener). Es war ein unentgeltlicher Se­xualakt, der es ermöglichte, vor dem Eintritt in das Eheleben mit der Se­xualität auf der rein instinktiven, tierischen Ebene in Kontakt zu kommen. Die Sexualität wurde in diesen Kulturen noch als Natur­erscheinung verstanden und in den Kunstwerken gelegentlich auch in ihrer derben Spontaneität dargestellt, wie sie zum Beispiel in den etrus­ki­schen Gräbern von Tarquinia, den Fresken von Pompeji oder auf alt­grie­chi­schen Vasen zu sehen ist [14].

Der in unserer Zeit spannungsgeladene Umgang mit der Sexua­lität und den spontanen Kräften des Sexualtriebes erklärt auch, warum Störungen in Sexual­bereich zu den häufigsten Ursachen ge­hören, die die Menschen zum Psycho­therapeuten führen.

Mißverstandene sexuelle Befreiung

Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß gleich hinzuge­fügt wer­den, daß hier nicht der „Befreiung“ im Sexualverhalten, wie sie heute propagiert wird, das Wort gesprochen werden soll. Diese ent­spricht keineswegs einer echten Be­frei­ung von kulturbe­dingten Spannungen zu einem natürlichen, instinktiven Erlebnis, sondern ist eine emotional überlagerte Überreaktion auf die trieb­feind­li­chen, repressiven normativen ethischen Gesetze unserer Kultur und nicht ihre Überwindung.

Christa Meves hat zu Recht auf Fehlentwicklungen der Ideolo­gie der „sexuellen Befreiung“ hingewiesen, wie sie z.B. von Kent­ler, Giese und Bornemann ver­treten wurden [15]. Theorien, die auf Um­fragen basieren und somit das Attri­but der Wissenschaftlichkeit nicht verdienen und die sich zur Empfehlung ver­steigen, man solle schon in früher Kindheit die Kinder in Sexualtechniken, wie z.B. die Selbstbefriedigung, einweisen oder Inzest enttabuisieren. Man muß ihr beipflichten, wenn sie beanstandet, daß in einem solchen Zu­sammen­hang der spezifisch menschliche, emo­tionale Aspekt der Sexualität völlig über­gan­gen wird und dies zu späteren Störungen führen muß.

Marina Valcarenghi (a.a.O.) deutet diese Fehlentwicklung so: „Die sexuelle Befreiung, die eines der Ziele der Protestbewe­gung der 60er und 70er Jahre war, jedoch gleich von der kulturel­len In­dustrie beschlagnahmt wurde, hat die Körperlichkeit ans Licht ge­bracht, jedoch eher als Konsumobjekt, denn als Sitz der In­stinkte, mehr als juridisches Objekt, denn als Gesetzgeber, so daß der Kör­­per in den meisten Fällen unbewußt weiterhin Quelle der Sünde bleibt, wäh­rend er im bewußten Leben als Statussymbol ge­liebt wird. Die hedo­nistisch-permissive Kultur, die die sexophobi­sche Tradition überlagert, hat zu einem bestür­zenden Resultat ge­führt, indem der Körper, ob als Kultobjekt oder Objekt der Scham, nach wie vor Ursprung eines Unbehagens bleibt.“

Für diese Ambivalenz gibt uns die Gegenwart viele Beweise. Über das Internet sind mit einem einfachen Klick unendlich viele pornographische Seiten zu­gäng­lich, die bis zur Perversion reichen; in al­len Kiosken sind Sexzeitschriften erhältlich, die Aktfotos zei­gen. Auch die Werbung benützt massiv die Sexu­ali­tät, um ihren Bot­schaften Wirkung und Erfolg zu verschaffen.

Auf der anderen Seite stehen in vielen großen Museen (Britisch Museum in London, Louvre in Paris, Staatliche Graphische Samm­lung in München als Beispiele) teilweise nicht einmal inventari­sierte Sammlungen von erotischer Kunst unter Verschluß – dem Publikum nicht zu­gänglich. Auch die Sammlung der Erotikbücher der großen Bibliothèque Nationale in Paris bleibt dem Pub­likum verschlossen.

Heute noch erregt der berühmte, erst kürzlich im Louvre ausge­stellte von Gustave Courbet gemalte Frauenakt L'Origine du Mon­de Anstoß beim Be­sucher­publikum und der Presse. Sogar die Ar­chäologen als Forscher geben Anlaß zum Schmunzeln, wenn sie die ausgegrabenen Bordelle der Antike ver­schämt als „Fruchtbar­keitstempel“ bezeichnen. Man muß nur die etruskischen Gräber in Tarquinia und die Ausgrabungen in Pompe­ji besichtigen, um künst­lerische Darstellungen eines freien Um­gangs mit der instinktiven Sexualität zu finden.

Eine echte Befreiung kann nur als ein langsamer, kultureller Lernprozeß im natürlichen Umgang mit dem unbewußten In­stinkt des Menschen stattfinden. Dieser Lernprozeß kann jedoch nur in Gang kommen, wenn man sich die angeborenen Kräfte des Sexual­triebes mit ihren unbewußten Implikationen unvoreinge­nommen vor Augen hält, und nicht, wenn sie möglichst verdrängt oder von der Kultur zu einem negativen Wert gemacht werden.

Se­xualität ohne unerwünschte psychische Spannungen bedeutet nicht, auf Ge­fühle oder ethische, normative Gesetze und Verant­wortungsgefühl im Sexual­verhalten zu verzichten, sondern zu ler­nen, die von der Ver­nunft für not­wen­dig erkannten normativen Ge­setze im Ein­klang mit der Instinktwelt zu ge­stal­ten. Im Einklang mit der Natur ist ein spontanes, positives, emotionales Er­le­ben der eigenen Körperlichk­eit, wozu die Sexualität gehört.

Christa Meves (a.a.O.) formuliert es so: „Es liegt genug Erfah­rungswissen vor, welches uns als Erzieher befähigt, Kinder behut­sam so zu leiten, daß sie weder prüde leib­feindlich noch sexuell ab­artig werden, sondern ihnen in der Beach­tung dessen, was für sie in den einzelnen Reifestufen angemessen ist, den Weg in ein gesun­des, reifes und glückliches Erwachsenen­sein zu er­mög­lichen.“

Aus der Feder einer gläubigen Katholikin sind diese Worte be­sonders be­deu­tungs­voll.

Dies bedeutet zusammenfassend, daß nicht der Se­xualtrieb an sich un­mo­ra­lisch sein kann, sondern nur wie verant­wortungsvoll der reflektierende, lern­fähige Mensch mit seiner Se­xualität umgeht – und das ist ein grundsätzlicher Unterschied.

Sexualinstinkt als Machtinstrument

Die Urkraft des angeborenen Sexualtriebes des Menschen wur­de von den Re­li­gionen erkannt und von den Herrschern und den Geistlichen zu ihren Zwecken und Nutzen als Machtinstrument auch mißbraucht.

Als Beispiel, das unseren Kulturkreis betrifft, sei­en die ver­schiedenen christ­lichen Kirchen erwähnt. Auf Druck der Geistlich­keit findet die puritanische Gesinnung in verschiede­nen Staaten der USA noch heute sogar in der Gesetz­gebung deut­lich ih­ren Nieder­schlag, wo gewisse Sexualpraktiken, wie zum Beispiel ora­ler Sex, sogar unter Ehepartnern, von Staats wegen gesetzlich ver­boten und mit Gefängnisstrafen geahndet wurden – wie ein solches Ge­setz al­lerdings praktisch durchgesetzt werden soll, bleibe dahingestellt.

Nicht nur die katholische Kirche, aber sie besonders, hat ihre Macht über ihre Gläubigen in we­sentlichem Maße auf die Sexual­moral aufgebaut, nach der das Wahrnehmen und Ausle­ben des na­türlichen, angebo­renen Sexualtriebes, wenn es nicht pri­mär der Zeugung dient, prin­zipiell verwerflich sei. Das Ausleben eines spontanen, natürlichen, an­geborenen Triebes wird damit zur Sünde. Man muß es sich vergegenwär­tigen: jeder körperlich gesunde Mensch — ob Mann oder Frau — ist als biologisches, lebendiges Wesen wäh­rend eines Großteils seines Daseins dem starken, spontanen sexu­ellen Triebpotential ausge­setzt. Wie auch immer er versucht es ab­zubauen, allenfalls durch Masturbation, sündigt er, kommt er mit den religiösen moralischen Normen in Konflikt und ist dem Dilem­ma der Doppelmoral ausge­setzt.

Was übrigens die Masturbation betrifft, hat Desmond Morris [16] die inter­es­sante Beobachtung gemacht, daß Tiere, die in Gefangen­schaft leben und ihren Sexualtrieb nicht na­türlich ausleben können, masturbieren.

Mit der moralischen Ver­urteilung eines normalen, angeborenen Triebpotentials hat die ka­tholische Kirche ein Heer von Menschen mit Schuldgefühlen her­angezüchtet, die sie dadurch seelisch in ih­rer Macht hält, daß sie als einzige mit der Absolution eine Erleich­terung von diesen Schuldgefühlen bieten kann — eine Macht, die sie während Jahrhunderten über viele Gesellschaften ausge­übt hat und die erst in der letzter Zeit angefangen hat, zusammenzubrechen und der Kirche zu entgleiten.

Auch wenn dies als anekdotische Entgleisung einzelner Geistli­cher betrachtet werden kann, ist es doch erschreckend, wenn einem pubertierenden Jüngling bei der Beichte vom Priester allen Ernstes verkündet wird, mit der Mas­tur­ba­tion würde er eine Erblindung ris­kieren. Oder wenn ein siebenjähriges (sic!) Mädchen vom Beicht­vater davor gewarnt wird, im Bett mit der Hand ihren Geschlechts­teil zu berühren.

Dies ist meilenweit von den Worten Christa Me­ves entfernt.

Die in einer Zeit der möglichen Schwangerschaftsverhütung nicht mehr zeit­gemäße Sexualmoral dürfte viele Gläubige von der katholischen Kirche ent­fernt haben.

Doch ist eine zum Machtinstrument umfunktionierte Sexualmo­ral mit er­schrecken­den Folgen weiterhin vielerorts ver­breitet und hat nach wie vor eminente politische und so­ziale Bedeutung. Die Sexualität bestimmt noch heute das Leben der Gemein­schaften von Milliarden von Menschen in den patriarchalischen Gesellschaften, besonders in den islamischen. Hier sind die grausamsten Exzesse bis zu Todesurteilen wegen Untreue oder Un­gehorsam in der Fami­lie und die sexuelle Verstüm­melung von Frauen Normalität.

Sexualtrieb und Familie

Die Familie ist die wichtigste Zelle im Aufbau jeder menschli­chen Per­sön­lich­keit. Der Sexualinstinkt des Menschen mit seiner Funkti­on für die Fort­pflan­zung stellt die natürliche Kraft dar, auf die sich die Gesellschaft aufbaut, die sexuelle Anziehung zwischen den Partnern spielt als Antrieb zur Partnerwahl eine wichtige Rolle.

Daß die Familie in der heutigen Gesellschaft in einer Krise steckt, wird durch die hohe Scheidungsrate bewiesen, deren Ursa­chen und Gründe extrem viel­schichtig sind, weil sie sämtliche Ebe­nen des komplexen menschlichen Seins berühren.

Diese Krise hat inso­fern gravierende Folgen, da die Funktion von Eltern und Familie zur gesunden Entwicklung der Nachkom­men auch im wichti­gen emo­tio­nalen Bereich unersetzbar bleibt und nur in diesem Rahmen möglich ist. Wenn aus einer Ehe oder Part­nerschaft Nach­kommen geboren werden, ent­steht etwas Neues, die Gemeinschaft der Familie, die dem einzelnen Partner übergeordnet ist, was sowohl mit den religiösen als auch den sozialen Hei­rats­ri­tualen in allen Gesellschaftsformen unterstrichen wird. Die Nach­kommen bedürfen für ihr Wohl und ihre Entwicklung vor allem dieser Gemeinschaft.

Es ist somit interessant, eine Antwort auf die Frage zu su­chen, worin die Ur­sachen dieses Versagens unserer Kultur besteh­en. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle alle Aspekte und Proble­me von Ehe und Familie zu betrachten; wir beschränken uns in die­sem Zusammenhang auf einen Aspekt, die Reflexion nämlich, daß die kulturbedingten, normativen sozialen und morali­schen Ge­set­ze das Bewußtsein über die nicht zu unterdrückenden Kräfte des angebo­renen Sexualtriebes des Menschen für das Ver­halten in und um die Familie völlig verdrängt haben.

Eine unnatür­liche Einstellung zum Wesen der Sexualität führt zu psychischen Spannungen, die das affektive Leben in der Part­nerschaft belasten können. In Unkenntnis der angeborenen starken Triebhaftigkeit der Sexualität und des Zusammenhangs zwischen spontanem Po­tential, Reiz und Triebhandlung ist es zu einer Verwi­schung der Grenzen der beiden Pfeiler einer Beziehung gekom­men, dem In­stinkt und den Gefühlen.

Marina Valcarenghi meint dazu, es sei eine subti­le Perversion, die in unserer Kultur Liebe und Sexualität eng mit­einander ver­knüpft. Wie bereits gesagt, drängt der Trieb zur Arter­haltung den Menschen dazu, immer neue Sexual­partner zu suchen, ein Verhal­ten, das durch äußere Reize, wie sie heute in unserer Gesell­schaft allgegenwärtig vorhanden sind, gefördert wird. Eine dauerhafte se­xuelle Treue unter Lebenspartner ist dem­nach nur dann möglich, wenn sie auf einer harmonische affektive Basis, auf die Liebe — die auch Verantwortung bedeutet — aufbaut, was das Wesen des Men­schen gegenüber dem Tier grundlegend unter­scheidet.

Liebe als Geben und Nehmen unter Partnern ist eine menschli­che schö­pfe­rische, emotionale Leistung, die imstande sein kann, eine gesunde Spannung aufrecht zu erhalten und damit ein harmo­nisches Ausleben des Sexualtriebes unter den gleichen Part­nern zu ermöglichen. Eine solche Liebe ist jedoch eine für den Menschen sehr anspruchsvolle, lebenslängliche Aufgabe, der — lei­der — nicht alle gewachsen sind.

In der Vergangenheit gehörten in den höheren Gesellschafts­schichten die Mätressen zum guten Ton. Alle aktuellen Untersu­chungen über das Sexual­verhalten der Menschen kommen denn auch zu einem über­ein­stimmenden Ergebnis: die Mehrheit der Männer gibt zu, wenigstens einmal eine außer­eheliche Sexualbe­ziehung gehabt zu haben, bei den Frauen ist dieses Ver­halten etwas weniger verbreitet, aber dank der Schwangerschaftsverhütung deutlich im Zunehmen begriffen.

Hier drängen sich zwei Feststellungen auf, nämlich, daß ein un­genügend aus­gelebter Sexualinstinkt auch in vielen sonst tragfähi­gen Ehen ein äußerst häu­fi­ges Problem darstellt, und vor allem, daß diesem Problem mit dem rein mo­ra­lischen Zwang zur Treue nicht beizukommen ist. Ohne die sexuelle Treue in der Ehe als ein anzu­strebendes Idealziel in Frage stellen zu wollen, zeigt die Er­fahrung, daß die Gemeinschaft der Familie, wenn sie von der Ver­nunft ge­leitet wird, auch bei unharmonischer Beziehung unter den Partnern soweit Bestand haben kann, daß sie für die Nachkommen ein besseres Um­feld bietet als geschiedene Eltern — sofern es nicht zu Gewalttä­tigkeiten kommt.

Es ist wenig zweckmäßig, bei einer gestörten sexuellen Partner­beziehung ein Symptom, die Untreue, moralisch in den Vorder­grund zu schieben, statt sich auf die wesentlichen Probleme zu konzentrieren. Nicht eine Fokussierung auf die Untreue oder eine unter Verdrängung der angeborenen Instinkte erkaufte Treue kön­nen die Familie zusammenhalten, die emotionale Untreue wie Lieb­losigkeit, Mangel an Fürsorge oder gar Gewalt sind auch in Bezug auf das Umfeld, in dem die Nachkommen aufwachsen, viel wichtigere und moralisch weit gravierendere Begleiterscheinungen einer problematischen Ehe, als eine reine Triebhandlung wie ein außerehelicher Sexualakt — was nicht mit einer außerehelichen emotionalen, ständigen Beziehung zu verwechseln ist.

Anders ausgedrückt bedeutet dies, daß der Krise der Familie vor allem mit einer Entwicklung und Förderung der Liebesfähig­keit und Toleranz der Partner be­geg­net werden sollte und nicht mit Mo­­ral­pre­digten über Treue, denn Mo­­ral­pre­digten, die mit den Instink­ten in Konflikt geraten, stellen eine eminente Gefahr für das seeli­sche Gleichgewicht dar und führen zur Doppelmoral.

Unter den Gründen für eine falsche Partnerwahl darf — beson­ders bei jungen Menschen – mit hoher Wahrscheinlichkeit ein nicht genügend be­wußter, relativierender Umgang mit dem Se­xualtrieb angenommen werden: Man fühlt sich vom Partner sexuell angezo­gen und ist sich nicht bewußt, daß sexuelle Anzie­hung und Liebe nicht dasselbe sind, daß auf dem Instinkt allein keine menschliche Beziehung mit Bestand aufgebaut werden kann. Nur eine unver­krampfte, natürliche Einstellung zur Sexualität, er­möglicht es mit einer ge­sun­den Erziehung, den Blick für die für eine stabile Part­nerschaft wichtigeren Aspekte zu schärfen.

Die Triebgleichheit der Geschlechter

Studien über die Verhaltensbiologie der Fortpflanzung, nament­lich im angel­sächsischen Bereich, scheinen überraschende Resulta­te zu ergeben, die viele überlieferte Ansichten über das Sexualver­halten von Mann und Frau wesentlich ändern. Es erhärtet sich im­mer mehr die Annahme, daß nicht nur der Mann bei der Partnersu­che oft instinktmäßig und unbewußt eine genetische Selektion trifft, sondern daß dies auch für die Frau zu­trifft. Die Möglichkeit der Frau bei der sexuellen Beziehung uner­wünschte Schwangerschaf­ten zu verhüten und sich von Ge­schlechtskrankheiten zu schützen, hat zu radikalen Änderung ihres Sexualverhaltens ge­führt.

Der Erfolg beim weiblichen Publikum der von Männern aufge­führten Strip­tease-Shows sowie der Erfolg von Sexzeit­schriften für Frauen bestätigen, daß die Frauen, wie die Männer, intensive, wenn auch unterschiedliche spontane Sexwünsche und Phantasien haben, die sie bis vor kurzem nicht ausleben konnten und durften, und so­mit verdrängten.

Dies bedeutet, daß biologisch Mann und Frau von Natur aus ei­nem gleich starken Sexualtrieb ausgesetzt und instinktmäßig poly­gam sind und daß die Monoga­mie ein kul­turelles Produkt der menschlichen Evolution ist.

Da der Sexualtrieb der Arterhaltung dient, ist es auch we­nig ein­sichtig, daß Mann und Frau in ihrer Triebkraft ungleich aus­gestattet sein sollten. Viel wahr­scheinlicher erscheint, daß diese Annahme mit dem Aufbau vieler Gesell­schafts­struk­turen in Ver­bindung ge­bracht werden kann. Die unzutreffende Annahme eines unter­schiedlich starken Sexualtriebes von Mann und Frau spiegelt sich somit in der unterschiedlichen Stellung beider Geschlechter in der Mann-zentrierten Struktur der patriarchalischen Gesellschaft und dient ihrer Legitimierung.

In der westlichen Kultur ist dieses Ge­sellschaftsbild ins Wanken geraten und droht in einen entgegengesetzten Exzeß zu mün­den. Das Problem der Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft ist ein äußerst komplexes, oft ideo­logisch gefärbtes und heikles The­ma in der zeitgenössischen Politik geworden.

Abgesehen vom Se­xualtrieb bestehen zwischen Mann und Frau wichtige nicht nur seelische und kognitive Unterschiede. Bei der Beobachtung der Tierwelt stellt man fest, daß die Natur den männ­lichen und weiblichen Wesen in ihrer Funktion bei der Fortpflan­zung un­terschiedliche Aufgaben zuteilt, die sich nicht nur in der unter­schiedlichen biologischen und körperlichen Be­schaffen­heit, son­dern auch in einem angeborenen, unbewußten Verhaltensmuster niederschlagen müssen. So kann zum Beispiel bei einigen Müttern der Mut­terinstinkt nach der Geburt des Kindes ihr Sexualverhalten gegen­über dem Vater erheblich verändern und zu Problemen füh­ren.

Sexualität und Verwöhnung

Ein für die Gesellschaft bedeutender Aspekt der Verwöh­nung ist im Sexual­bereich zu beobachten. Beim Tier wird die Fort­pflanzung von Rhythmen geregelt, die von den natürlichen Zyklen der Jahres­zeiten abhängen. Wird dieser Rhythmus bei einem Tier in der Ge­fangenschaft gestört, kann eine Befruchtung unmöglich wer­den. Diese Rhythmen sorgen für das natürliche Gleichgewicht in der Arterhaltung. Der Sexualakt beim Men­schen, als höher entwickel­tem, reflektierendem Wesen, ist weit mehr denn ein ausschließlich von den Instinkten abhängiger, von der Na­tur geregelter Akt, er ist auch Aus­druck eines psychi­schen Vorgangs, eines Zusammenspiels von Körper und Seele, und wird vom kollektiven Unbewußten und der kulturellen Evolution mit­geprägt.

Die bereits erwähnte mißverstandene „Befreiung“ der Se­xualität hat zu Fehl­ent­wicklungen geführt, die als verhaltensbiologis­che Verwöhnung zu be­zeich­nen sind: Sex als Konsumgut.

Dies ist Dank dem Prinzip der doppelten Quantifizierung mög­lich, indem der die Sexuallust suchende Mensch durch immer stär­kere Reize in die Lage ver­setzt wird, diese Triebbefriedigung auch bei geringem Antrieb zu erreichen. Diese Entwicklung wird durch eine boomende Sexindustrie und die Massen­me­dien mit ihrer Pseu­doaufklärung massiv gefördert, die Pharmaindustrie leistet mit ih­ren „Wunderpharmaka“ ebenfalls ihren Beitrag dazu.

Es ist müßig, sich über die moralischen Aspekte dieser permis­siven Entwicklung aufzuhalten. Wichtiger erscheint die Tatsache zu sein, daß damit eine weitere Störung der Ökonomie der Instink­te ent­steht, die Un­behagen erzeugt.

Die körperfeindlichen moralischen Gesetze des Verstandes un­serer Kultur ha­ben die Har­monie dieser Verbin­dung zwischen Kör­per und Seele, die Harmonie zwischen Instinkt und Psyche gestört. Die Re­bellion gegen die widernatürliche moralische Verurteilung und Ta­buisierung des Sexualtriebes war in unserer Gesellschaft die bereits erwähnte, von den modernen Sexualtheoretikern ge­pre­digte Be­freiung des Sexualverhaltens, die anfänglich durch die Möglich­keit der Schwangerschafts- und Krankheitsverhütung erleichtert wurde.

Leider ist diese Entwicklung durch kein höheres Verantwor­tungsbewußtsein im emotionalen Bereich begleitet worden, was für die Entwicklung der Jugend negative Folgen hat. Die Sexualität wird im heutigen Umfeld schwergewichtig — wie die Psychoanaly­tikerin Varlcarenghi unterstrich – nur als ein Konsumgut betrach­tet, wie dies uns täglich visuell in Fernsehen und Werbung vorge­führt wird, ein Phänomen, das in allen sozialen und kulturellen Schich­ten unserer Gesellschaft zu beobachten ist. Damit ist eine doppelte Moral entstanden: der Sexualtrieb wird zwar einerseits ethisch ver­urteilt, andererseits das sexuelle Lustgefühl aber hemmungslos ge­sucht. So ent­steht die Verwöhnung: Das sexuelle Lustgefühl wird emo­tionslos auch bei geringem Antrieb, ohne Appe­tenz­verhalten und Aufschub, nach dem Gesetz der doppelten Quan­ti­fi­zierung durch Erhöhung der Reize immer öfter gesucht, was eine Steige­rungspirale der In­stinkte in Gang setzt.

Die verbreitete Prostitution ist ein Beweis dafür, wie in der zeit­genössischen, aufgeklärten Ge­sellschaft zur hedonistischen Errei­chung des Lustgefühls bei ge­ringem Antrieb immer stärkere, an Perversion grenzende Reize nö­tig wer­den. Die Verwöhnung führt zu einer Störung der Verhaltens­ökonomie und zu psychischen Pro­blemen.

Eine besonders gefährliche Form dieser Steigerungsspirale ist die bereits er­wähn­te, immer mehr über das Internet verbreitete Por­nographie. Besorg­nis­er­regend sind die rapide Zunahme der Ju­gendlichen, die diese Seiten im Inter­net benützen, wie auch die im­mer brutaleren Darstellungen. Das Internet er­mög­licht das Errei­chen starker sexueller Reize, ohne das Triebpotential auf natürli­chem Weg abbauen zu können, es handelt sich um kein reelles, sondern um ein virtuelles Erleben, das nicht von der körperlichen, sensori­schen Er­fah­rung der Sexualität begleitet wird.


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Fußnoten

12. Valcarenghi, Marina. Una passione per due. La natura degli opposti nella personalità e nella relazione. Mailand: Tranchida. 1994.
13. Frazer, James George. The golden bough. Part IV: Adonis, Attis, Osiris. New York: University Books. 1961; und: Thubron, Colin. The hills of Adonis. A quest in Lebanon. Boston and Toronto: Little Brown. 1968. 120-121.
14. Dierichs, Angelika. Erotik in der Kunst Griechenlands. Darmstadt: Verlag Phillip von Zabern. 2008.
15. Meves, Christa. Manipulierte Maßlosigkeit. Freiburg: Herder Verlag. 1977.
16. Morris, Desmond. The causation of pseudofemale and pseudomale behaviour. Behaviour. 1955; 8: 46-56; und: The response of animals to a restricted environment. Symp Zool Soc London 1964; 13: 99-118.

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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Geleitwort
Vorwort

Aphorismen

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14

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