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Alexander von Wyttenbach:
Die Vernunft als Untertan des Unbewussten.
Betrachtungen, herausgegeben und mit einem Geleitwort versehen von Peter A. Rinck.
135 Seiten; €14,90 [DE]
BoD Norderstedt.
ISBN 978-3-7357-4122-6

Alexander von Wyttenbach:
Die Vernunft als Untertan des Unbewussten

Kapitel 10
Die Archetypen des Unbewußten

ür den Menschen spielen die Archetypen des Unbewußten eine Schlüsselrolle zur Deutung seines Verhaltens in seiner Umgebung und in der Gesell­schaft.

Laut Helmut Barz ist der Archetyp „die Modellvorstellung einer ererbten Struktur (deren Lokalisation noch unbekannt ist). Auch der Archetyp wählt aus komplexen Umweltreizen bestimmte typi­sche Kombinationen aus und bewirkt sodann bestimmte Reaktio­nen, die nun aber nicht wie beim Instinkt in mehr oder weniger ein­fachen Bewegungsabläufen bestehen, sondern in teilweise hoch­komplizierten Kombinationen von Gefühlen, Strebungen und Vor­stellungen, und vor allem darin, daß symbolische Bilder entweder phantasiert oder direkt auf die Umwelt projiziert werden ... Die Ar­chetypen sind also die Bewirker und Anordner der allgemein­menschlicher Symbolkombinationen, wie sie uns in überraschender Gleichförmigkeit in Mythen, Märchen, Folklore und Kunstwerken aller Völker und Zeiten entgegentreten ... [Sie] sind (an­geborene) Strukturelemente des Unbewußten, die die Bereitschaft zur Hervor­bringung von Bildern darstellen, die Bilder selbst wer­den der Um­welt entnommen.“ [24]

Analog der Spontanpotentiale der Triebe, stellen die Archetypen sozusagen Zentren psychischer Energie dar, was ihren großen Ein­fluß auf das Denken und Verhalten von Mensch und Gesellschaft erklärt. Daß die Archetypen real sind, wird durch Darstellungen mythologischen Inhaltes in den Werken der Kunst, die uns seit Jahrtausenden überliefert wurden, unübersehbar dargestellt.

Die Theorie der Archetypen ist auch Ziel ve­hementer Kritik ge­wesen. Beim Lesen solcher Kritiken fällt auf, daß sie fast alle mit einem missionarischen Ton vorgebracht wer­den, was sie einseitig erscheinen lassen. Alle Theorien über das Unbewußte — das ratio­nal nicht erfaßbar und beweisbar bleibt — dürfen nie verallgemei­nert werden, sondern nur, wie dies Jung for­muliert hat, als das ver­standen und benützt werden, was sie sein können: Arbeitshypothe­sen zur Deutung von beobachteten Tatsa­chen.

Wir müssen versuchen, ohne Voreingenommenheit uns mit Phä­nomenen auseinanderzusetzen, die rational nicht voll erklärbar er­scheinen und bei denen eine endgültige Wahrheit nicht zu erreichen ist. Oft fehlt uns die geisti­ge Fähigkeit, uns zwischen Rationalem und Irrationalem zu bewe­gen, wie es Goethe gezeigt hat.


   Einzelne dieser Ar­chetypen, die uns in unserer Gesellschaft be­sonders beschäftigen und sie prägen, werden im folgenden be­schrieben:

Der Bestrafungsmythos

Ein besonders relevanter archetypischer Mythos ist der Bestra­fungsmythos.

In der Antike ist er in der Aischylos’ Tragödie Der gefesselte Prometheus dargestellt — die Tragödie eines Menschen, der sich an­maßt, gegen den Willen des mächtigen Gottes Zeus der Menschheit das Feuer zu bringen. Der Mythos des Fliegers Ikarus stellt eben­falls die Bestrafung eines vermessenen Menschen dar.

Es ist die im kollektiven Unbewußten verankerte Angst vor je­der großen, das Leben der Menschheit nachhaltig verändernden und als anmaßend empfundenen Tat oder Entdeckung des mensch­lichen Geistes, ein Ausdruck der Urangst des konfliktträchtigen Spannungsfeldes zwi­schen Unbewußtem und Bewußtsein. Diese ablehnende Angst kann in der Geschichte der Menschheit in allen Kulturen aller Zeiten beobachtet werden – man denke nur als Bei­spiel an die Kopernikan­ische Revolution.

Diese archetypische Angst wird heute von den Fortschritten der modernen Wissenschaft und Technologie hervorgerufen, deren ex­ponentielle Geschwindigkeit den Lernprozess der Anpassung des Menschen – bewußt oder unbewußt — überfordert und starkes Un­behagen erzeugt. Die nukleare Reaktortechnik ist ein Beispiel: Die er­zeugte Strahlung ist unheimlich, da sie weder sichtbar noch fühl­bar ist. Sie wird unbewußt immer noch mit der Atombombe — der Be­strafung — assozi­iert. Alle Vorteile dieser Technik als umwelt­schonende Energiequel­le werden kraft der archetypischen Angst selektiv nicht wahrge­nommen oder verdrängt, unter dem Einfluß des Unbewußten kommt es zu einer bisweilen grotesk verzerrten Wahr­nehmung der Risiken, die bis zur Weltuntergangsstimmung führen sollen.

Der Reaktorunfall von Harrisburg wurde 1979 als eine Kata­strophe wahrgenommen, obschon dabei der Schaden begrenzt blieb. Eine erhöhte Strahlenbelastung eines Reaktorarbeiters wird in allen Medien als schlimme Hiobsbotschaft ausführlich verbrei­tet, während der Tod von tausenden von Bergarbeitern, die zur Energiegewinnung jährlich in den Kohlegruben ihr Leben lassen, von den Medien nur beiläufig oder gar nicht erwähnt und emotio­nal kaum wahrgenommen wird. Gleiches gilt für die großen Kata­strophen bei der Erdöl- und Gasgewinnung und die Zerstörung des Lebensraumes durch Fracking.

Auf der anderen Seite wird selbst die in ihrem Ausmaß schlim­me Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fu­kushima in ihren Ursachen und Folgen nicht ausgewogen beurteilt und der Nuklear­technologie als solche zugeschrieben — nicht dem menschlichen Versagen, das dahintersteckt.

Bei der modernen Genforschung im allgemeinen und in der Landwirtschaft im besonderen tritt der Bestrafungsmythos in ähnli­cher Weise in Erscheinung, indem ein Horrorszenario ihrer Gefah­ren gezeichnet wird. Indem die Vernunft eine utopische (i.e. para­diesische) absolute Sicherheit fordert, verhindert sie auch in die­sem Falle in unserer Gesellschaft eine sachliche kritische Ausein­andersetzung mit dem Problem seiner Möglichkeiten und Gefah­ren: Der Fortschritt wird archetypisch als angsterregende Anma­ßung empfunden, die zur Bestrafung führen muß.

Das bewußt eingegangene Risiko, zum Beispiel im Autover­kehr, wird ganz anders wahrgenommen als die vergleichsweise we­niger wahr­scheinlichen Risiken der Nukleartechnik. Um die arche­typische Angst des Unbewußten zu rechtfertigen und erklären greift der Verstand zur Bekämpfung dieser Technologien nach dem Pseudorationalismus.

Die archetypische Paradiesvorstellung

Unter den gesellschaftlich und politisch relevanten Archetypen spielt der des Paradieses, nicht im Sinne der religiösen Paradies­vorstellungen nach dem Tode, sondern von idealen, paradiesischen Zuständen auf Erden, eine wichtige Rolle. Die Paradiesvorstellun­gen des Menschen sind so alt wie seine Kulturen: Die Griechen der Antike hatten in ihrer Mythologie das Goldene Zeitalter, genauso wie die Jüdisch-Christliche Religion das Paradies vor der Sünde. Auch Jean-Jacques Rousseaus Retour à la nature ist eine Aus­drucksform dieses Archetyps.

Um konkret an unsere Zeitgeschichte zu anzuknüpfen, darf als Beispiel der kommunistische paradiesische Mythos nicht übergan­gen werden. C.G. Jung kommentierte dies:

„Die kommunistische Welt besitzt einen großen Mythos (den wir eine Illusion nennen, in der vagen Hoff­nung, unser überlegenes Urteil würde ihn zum Verschwinden brin­gen). Es ist der alte, arche­typische Traum von einem goldenen Zeitalter oder Paradies, wo al­les für alle im Überfluß vorhanden ist und ein großer, gerechter und weiser Herrscher einen mensch­lichen Kindergarten regiert. Dieser mächtige Archetyp hat sie in einer infantilen Form ergriffen, aber er wird nicht beim bloßen Anblick unseres überlegenen Stand­punktes verschwinden. Wir un­terstützen ihn sogar noch durch un­sere eigene Kindlichkeit, denn unsere westliche Welt befindet sich im Griff derselben Mythologie.“ [25]

Dies sind Worte, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen — auch der moderne Wohlfahrts­staat entspricht dieser Para­diesvorstellung.

In der Gegenwart spielt ein weiterer Aspekt der Paradiesvorstel­lung eine bedeutende Rolle, nämlich der der Natur. Mit der Indu­strialisierung, der Verstädterung der Bevölkerung, sowie der stei­genden Bevölkerungsdichte in den entwickelten Ländern, ist ein ver­breitetes Unbehagen entstanden.

Diese Entwicklung wird inso­fern besonders stark wahrgenom­men, als sie in einem, nach histori­schem Zeitmaß, äußerst schnel­len Tempo stattgefunden hat. Wohn­siedlungen, die noch vor weni­gen Jahren inmitten einer natürli­chen Landschaft lagen, sind ver­städtert. Jedes neue Haus, das in unserem Blickfeld entsteht und die na­türliche Vegetation verdeckt, erzeugt spontan ein Gefühl der Ableh­nung, es ist ein Angriff auf un­ser emotionales Weltbild und unsere Kindheitserinnerungen.

Die Natur, für die der Mensch stammesge­schichtlich pro­grammiert wurde, wird durch eine künstliche, vom Menschen ge­schaffene Welt ersetzt. Daß eine solche Entwicklung einen negati­ven Einfluß auf die unbewußte Befindlichkeit der Menschen ha­ben muß, liegt auf der Hand — ein Einfluß, der den Menschen aller­dings nicht bewußt ist, in seinem Ausmaß aber nicht hoch genug einge­schätzt werden kann. Die Sehnsucht nach dem verlorenen Pa­radies der Na­tur erklärt die regelrechte „Flucht“ aus dem heutigen unna­türlichen Umfeld der großen Agglomeratio­nen in Form von Reisen in fer­nen Ländern wo, zumindest dem Schein nach, die Na­tur noch in­takt ist, und die zu tatsächlichen, meist sommerli­chen „Völkerwanderung­en“ ge­worden sind. Mit der Vernunft allein wäre nicht zu erklären, warum Urlaubsreisende für ein paar Tage Ferien so lange, be­schwerliche Reisen mit langen Wartezeiten in sticki­gen, überfüll­ten Flughäfen oder im Autostau unter der sen­genden Sonne auf sich nehmen wür­den, um dann schließlich in ei­nem wie­derum ver­städterten Ferien­ort zu landen.

Die Verwandlung einer Agrargesellschaft zu einer verstädter­ten Industriegesellschaft hat auch in einer anderen Hinsicht das Ver­hältnis zur Natur gestört, indem nämlich eine echte, sinnliche und emotionale Beziehung zu ihr verlorengegangen ist; besonders Stadtkinder sind schwer davon betroffen.

Das wird von der Ge­schichte eines kleinen Stadtkindes illu­striert, das ganz aufge­regt seinem Vater zuruft: „Komm Papi, schau, ein Pferd, aber ein echtes!“ Es kannte das Pferd nur von Bil­dern.

Kinder, die auf dem Land mit Kühen, Pferden, Haustieren al­ler Art aufwachsen, die Blumen, Pflanzen und Bäume wachsen se­hen oder Eidechsen und Insekten neugierig beobachten, die sich in der Erde tummeln kön­nen und viele Gerüche wahrnehmen, gewin­nen als Erwachsene aus diesen Kindheitserlebnissen entscheidend an inneren, emotionalen Stabilität. Leider be­günstigt ein verlorenes Bewußtsein darüber, daß der Mensch nicht nur materielle, son­dern auch unbewußte, archetypische Bedürfnis­se hat, eine auf die Dauer verhängnisvolle Verstädterung, wogegen sich die ländlichen Ge­genden entvölkern. Erstaunlicherweise emp­findet nämlich der Mensch mit seiner selektiven Wahrnehmung eine Bahnfahrt vom Lande zum Arbeitsplatz von einer Stunde viel länger als dieselbe Fahrzeit in einer städtischen Stadtstraßenbahn.

Die Umweltschützer und ihr Paradies

Als politische Äußerung der archetypischen Paradiesvorstel­lung (und teilweise auch des Bestrafungsmythos) sind die Bewe­gungen der Grünen entstanden, die die unbewußte, echte Befindlichkeits­störung der Bevölkerungen der industrialisierten, künstli­chen Welt katalysieren. Als Sprachrohr des Unbewußten haben sie auf Politik und Ge­sellschaft einen wichtigen und auch nützlichen Einfluß, denn sie haben die Aufmerksamkeit der Medien und der verant­wortlichen Politiker auf dieses Bedürfnis der Men­schen hingewie­sen. Ohne ihre politische Stimme, wären man­che Maßnahmen im Bereich des Umweltschutzes nicht realisiert wor­den. Wenn man diese Bewegungen als Äußerung des Unbewußten mit der mythi­schen Paradiesvorstellung erkennt, sind ihre völ­lig unrealistischen, fundamentalistischen Forderungen in der Politik leicht zu verste­hen. Als kleine Gruppen mit einem ausge­prägten Gemeinschafts­sinn vereinigen sie sich um ihre Ideen und grenzen sich politisch radikal gegenüber Andersdenkenden ab, sie sind von ihrem Wesen her kompromißunfähig. Die emotionsgela­denen Dis­pute innerhalb der Grünen Parteien und ihre politische Argumenta­tionen sind ein Pa­radebeispiel des Pseudorationalismus.

Genau be­trachtet, werden die „Umweltschützer“ sich selber un­treu, wenn sie sich kompromißbereit in die Verantwortung der Re­gierungen ein­binden las­sen. Das ist auch der Grund dafür, daß sie immer Minderheitspart­eien bleiben wer­den.

Der Sonnenarchetyp

Nahe verwandt zur Paradiesvorstellung ist der Sonnenarchetyp: die Sonne als Spender der natürlichen Wärme und Energie für die Na­tur, der Gott der Inkas. Unzählig sind in der Kulturgeschichte die der Sonne gewidmeten religiösen Riten und in der Dichtung ge­widmeten Gedichte. Die Sonne ist der Gegensatz zur Nacht und zum Tod; sie steht für die positive Stimmung, für das Leben.

Da ist es naheliegend, daß die Kernenergiegegner für die „sanf­te“ Sonnen­energie schwärmen und die Sonne zum Signet ihrer Be­wegung ma­chen. Die physikalische Tatsache, daß diese Energie­form, zumin­dest beim heutigen Stand der Kenntnisse, nur von der Natur, vor al­lem von den Pflanzen, effizient genutzt werden kann, wird von ih­rer Vernunft nicht wahrgenommen, denn das Unbewuß­te läßt dies bei ihnen nicht zu. Zur Charakteristik der Bewegun­gen der Grünen gehört noch eine auf den ersten Blick verblüf­fende Feststellung — mit Ausnahme der Sonnenanbetung sind weit­gehend negative Re­gungen des Unbewußten am Werk, das heißt, Grüne und Kern­kraftgegner setzen sich meistens gegen etwas und nie für etwas ein, sie agieren vor allem als Verhinderer und sind rück­wärts- und selten vorwärtsgewandt.

So kann beim heutigen Stand der Technik die alternative Ener­gie aus wirtschaftlichen Überlegungen kaum das Problem des wei­ter wachsenden Energiebedarfs lösen, es ist zurzeit eine reine Randerscheinung. Auch die heute gepriesene Windenergie gerät immer stärker im Konflikt mit dem Bedürfnis des Landschafts­schutzes. Es ist dieses Merkmal, das ihre politische Aktion bei der Mehr­heit der Bürger kaum beliebt macht. Die Grünen kämpften vehe­ment gegen das Waldsterben, doch wurde von ihnen noch nie eine medienwirksame konstruktive Aktion zugunsten der Natur ge­macht. Man protestiert, wenn Bäume gefällt werden, aber tut we­nig für eine Begrünung unserer Städte, wo aus falsch verstandener „Ordnungswut“ der Behörden alles systema­tisch mit Asphalt ver­siegelt wird, damit ja kein „undisziplinierter“ Gras­halm wachsen kann; an Raum, um Bäume zu pflanzen wird selten ge­dacht, denn Bäume verursachen den Stadtverwaltungen Kosten und Umtriebe.

Wenn sich die Politiker all dieser Zusammenhänge bewußt wä­ren, würde ihnen sofort klar, daß die beste politische Waffe ge­gen die Grünen weder politische Polemik noch rationale Gegenargu­mente sind. Doch Polemi­ken gegen die Grünen scheinen allemal der einfachere Weg.

Konkrete, vernünftig realisierbare Vorschlä­ge und Maßnahmen, die dem unbewußten Bedürfnis der Men­schen nach einer natürli­chen Umwelt Rechnung tragen, sind jedoch der einzig tragbare Weg. Doch zu einer konsequenten, vernünftigen Umweltpolitik fehlt oft der politische Mut, zu viele wirtschaftliche Interessen — auch auf Seiten der Grünen — stehen ihr im Weg.

Die Umweltprobleme

Drei unbewußte Archetypen beherrschen die aktuelle heftige politi­sche Auseinandersetzung über die Umweltprobleme: die archetypi­sche Paradiesvorstellung, der Bestrafungsmythos und der Sonnen­archetyp.

Mit der Zunahme der Bevölkerung gehen Urbani­sierung und Zersiedelung des Landes einher, die der Natur mit ih­rer Flora und Fauna zusetzen. Der zunehmende Bedarf nach pflanzlichen Roh­stoffen wie Palmöl und Soja wird notgedrungen durch Rodungen zu landwirtschaftlichen Zwecken begleitet — ein Vorgang, der nicht durch Spekulation, sondern durch echte Nachfra­ge verursacht wird.

Der steigende Verbrauch an Strom und den fossilen Energieträ­ger Öl und Kohle führt zu steigender Kohlendioxid-Emissionen. Gleichzeitig findet eine langsame Klimaerwärmung statt. Wohl die Tatsache verdrängend, daß natürliche Klimaschwankungen in der Erdgeschichte nachgewiesen sind und eine Erwärmung schon im 19. Jahrhundert noch vor der massiven Nutzung der fossilen Ener­gieträger eingesetzt hat, wird die aktuelle Klimaerwärmung ausschließlich menschlicher Tätigkeit zugeschrieben.

Diese als unumstößliche Wahrheit betrachtete Annahme ist aber nur eine Hypo­these, die falsifiziert werden kann — eine Hypo­these, die dennoch immer mehr die Politik beeinflußt.

Über die Treib­hausemissionen wird völlig irrational argumen­tiert. Zu den wich­tigsten Quellen von Kohlendioxid in der Atmo­sphäre gehören die acht Milliarden Menschen als biologische We­sen, die zum Leben Sau­erstoff verbrauchen und Kohlendioxid pro­duzieren. Bei den Treibh­ausgas-Produzenten werden oftmals die Wieder­käuer übersehen, die große Mengen an Methangas produ­zieren, eine Pro­duktion, die durch den zunehmenden Nahrungsbe­darf der Men­schen rasch steigt. Politisch wird dabei der Autover­kehr zu Sün­denbock gemacht.

Bei der Förderung von verbrauchsarmen Hybrid­autos wird ver­gessen, daß der Bau eines Hybridautos dop­pelt so viel Energie in An­spruch nimmt wie der konventionelle Autobau, womit man sich auch die berechtigte Frage stellen sollte, nach wie viel gefahrenen Kilometer tatsächlich bei Hybridantriebe eine posi­tive Energiebi­lanz einsetzt. Die überhastete, vorzeitige Verschrot­tung noch fahr­tüchtiger, älterer Autos zugunsten von spar­sameren und Hybrid­fahrzeugen ist damit energiepolitisch rational sehr frag­würdig.

Mit den steigenden Kraftstoffpreisen wird sich der Markt mit dem Übergang zu effizienteren Fahrzeugen ohne unnötige, kost­spielige politische Zwänge von selber regeln.

Die Energiepolitik

Besonders kraß kommt die Irrationalität der unbewußten Archety­pen in der Energiepolitik zum Tragen. Der steigende Wohl­stand und die Entwicklung der Informationstechnologie führen zu stei­gender Nachfrage nach Energie im Allgemeinen und Strom im Be­sonderen. Die durchaus vorhandenen potentiellen Sparmöglichkei­ten, zum Beispiel Wärmeisolation, erfordern große Investitio­nen und Zeit. Ohne einen rationalen Plan zur Sicherung der Strompro­duktion haben die Regierungen Deutschlands und der Schweiz un­ter den Emotionen der Erdbebenkatastrophe von Fukushima mit der Be­gründung der Risiken der Reaktortechnik für Umwelt und Mensch Hals über Kopf entschieden, aus der Erzeugung von Atomstrom auszusteigen.

Neben den hypothetischen Menschenop­fern der Nukleartechno­logie spielen in der Bevölkerung zudem die Ängste um die Atom­müllager eine wesentliche Rolle. Dabei wird die Tatsache vollstän­dig ausgeblendet, daß man schon heute nicht mehr um die Erstel­lung von Lagern für den bereits pro­duzierten Müll herumkommt; das Problem wird durch den Ausstieg nicht gelöst. Man muß zur Kenntnis nehmen, daß der archetypi­sche unbewußte Bestrafungs­mythos in der Lage ist, in der Politik rationales Denken völlig au­ßer Kraft zu setzen. Aus diesen Grün­den gestaltet sich die politi­sche Auseinander­setzung mit den Atom­kraftgegnern äußerst schwierig, nachgerade hoffnungslos. Ein Stimmungswechsel ist nur bei Änderung der Be­findlichkeit zu er­warten, nämlich dann, wenn sich ein allfälliger Energiemangel oder hohe Energiepreise konkret beim einzelnen unangenehm bemerk­bar machen, womit das Unbewußte bewußt würde.

Ähnliches spielt sich bei der Politik zugunsten der alternati­ven Energien ab: Hier ist es der unbewußte Sonnenarchetyp, der das ra­tionale Denken außer Kraft setzt. Die Produktionskosten der alter­nativen Sonnen- und Windenergie sind beim heutigen Stand der Technik ein vielfaches teurer, das Problem der Energiespeiche­rung zur bezahlbaren Verfügbarkeit von Strom ist bei weitem nicht ge­löst, die wirtschaftlichen Folgen der Energieverteuerung sind nicht absehbar.

Mit der Stillegung der Atomkraftwerke wird in naher und mitt­lerer Zukunft nicht auf Kohle- und Gaskraftwerke verzichtet wer­den können, was mit der angestrebten Reduzierung des Kohlendi­oxidausstoßes und dem Klimaproblem kollidiert. Dazu tritt die bru­tale Zerstörung von Flora und Fauna und gewachsenen menschli­chen Siedlungen durch den Braunkohleabbau und der Landschaft und des Meeres durch Windmühlen und Sonnenkollek­toren. Eine sachliche, dem kritischen Rationalismus ver­pflichtete politische Beurteilung würde zu an­deren politischen Entscheidung­en führen.

Der Heldenmythos

Jede Kultur und jede Mythologie oder Religion der Menschenge­schichte hat ihre Helden und Heldenepen. Ihre Anzahl ist vielfäl­tig und groß. Es seien hier aus der Geschichte nur einige wenige da­von zur Erinnerung zitiert: das Gilgamesch-Epos in Babylon (An­fang des 3. Jahrtausends v. Chr.), im Osten Mahabharata und Ra­majana in Indien und Indonesien (5. und 4. Jahrhundert v. Chr.). Im Westen sind die Homerischen Epen des 8. Jahrhunderts v. Chr., der Mythos des Herakles sowie Vergils Äne­is des 1. Jahrhunderts v. Chr. zu erwähnen, und es gibt viele mehr.

Der hohe Anspruch auf Allgemeingültigkeit dieser Epen und Helden gründet auf der Einheit von Individualität und kollektivem Unbewußten. Sie stellen das Bedürfnis des kollekti­ven Unbewuß­ten dar, auf die Helden Eigenschaften und Tugenden zu projizie­ren, die einem selber abgehen, Menschen die Taten voll­bringen, die der normale Mensch nicht vollbringen kann. In der Vergangenheit war ihr Ursprung mythologisch-religiöser Natur und wurde im Ge­schichtsbewußtsein mit der Gegenwart verbun­den.

Mit der Aufklärung und dem Beginn und Fortschritt der Wis­senschaften, der zunehmenden Säkularisierung des Alltags und Verlust des Sinnes für die Geschichte haben mythologische Epen und Helden als Aus­druck des Unbewußten ihre Wirkung weitge­hend eingebüßt: Die Tell-Saga stellt das archetypische Be­dürfnis des Menschen dar, über das Geschick der eigenen (Stam­mes-) Ge­meinschaft selber bestimmen zu können.

In Verkennung seiner symbolischen Bedeutung für den Bürger wird der Mythos bewußt lächerlich gemacht oder dadurch zerstört, daß man seinen historischen Wahrheitsgehalt sucht und in Frage stellt. Da jedoch die Projektion des Menschen in einen Helden ei­nem ar­chetypischen Bedürfnis entspricht und das Epos als Orien­tierung dient, entsteht mit der Zerstörung der Mythen eine Lücke, die sich in der heutigen allgemeinen Orientierungslosigkeit äußert.

Diesem Mangel gegenüber, reagiert der moderne Mensch mit der „Erfin­dung“ von neuen Helden und Legenden. An die Stelle von mythi­schen oder religiösen Helden treten heute weltliche wie Rocksän­ger und Filmstars oder Spitzensportler. Instinktives Grup­penverhalten und Suggestion in der Masse, wie dies in Stadien zu beobach­ten ist, führen zu einer psychi­schen Regression bis zur Kritiklosigkeit, so daß diese Helden nicht mehr mit dem üblichen moralischen Maß gemessen werden und ihnen unverhältnismäßi­ge Einkommen neidlos gegönnt werden, die bei „normalen“ Bür­gern Anstoß erregen würden.

Da diese „Helden“ eine Projektion des kollektiven Unbewußten sind, ist es für ihre Verehrer unbedeutend, daß sich hinter der Fas­sade der Rockstars Menschen verstecken, die oft wahre seeli­sche Ruinen sind, die ohne Drogen gar nicht fähig wären, ihre Show zu bieten, oder Sportler, die ohne Doping nicht mehr siegen könnten. Diese weltlichen Ersatzhelden sind die bedrückende Er­scheinung des „aufgeklärten“, „rationalen“ Menschen, der keinen Zugang mehr zum Mythischen und Religiösen findet.

In diesem Zusammenhang sind einige Überlegungen über den Niedergang der Ärzte als „Götter in Weiß“ interessant und lehr­reich. In früheren Zeiten, als die medizinischen Heilmittel und Heilmethoden der Ärzte nur geringe Heilungschancen boten, waren sie verehrte Menschen, weil sie im Unbewußten der Kranken und ihrer Angehörigen als Hoffnungsträger galten. Der kleinste Erfolg wurde gefeiert und brachte ihnen großes Ansehen und Dankbar­keit, ein Mißerfolg wurde als gottgewollt akzeptiert.

Die großen Fortschritte der Wissenschaft, Forschung und der Medizin haben die Behand­lungsmöglichkeiten der Ärzte enorm verbessert, doch damit hat sich das Verhalten der Menschen ihnen gegenüber wesentlich ver­ändert: Der Arzt ist vom Hoffnungsträger zum Träger der Gewißheit einer Heilung geworden. Gleichzeitig mit der Verbesserung seiner Leistungen ist er im Unbewußten von der Identifikationsfi­gur, zum normalen Menschen herabgestuft worden, dem man keine Fehler mehr verzeiht. Politisch spiegelt sich diese geänderte unbewußte Haltung im heutigen Streit über die Ärzteeinkommen. Wäh­rend die mehrfachen Millioneneinkom­men eines 18jährigen Ten­nisstars oder eines Formel-1-Piloten als die neuen Helden kaum Anstoß erregen, wird ein Millionenein­kommen eines Herzchirur­gen, dessen Leistung, Einsatz und Ver­antwortung verstandesmäßig höher eingeschätzt sein sollte, sofort als ethisch unvertretbar empfunden: Die Ärzte sind heute keine Götter in Weiß mehr, sie sind vom „Sockel gefallen“.

Gefährliche Ersatzhelden

Solange die Ersatzhelden von Rocksänger, Fernsehmodera­toren oder Spitzensportler dargestellt werden, ist dies harmlos. Doch mit dem durch den Rationalismus bedingten Verlust der Zu­wendung zum Göttlichen und Religiösen sind in unserer Gesell­schaft auch neue Gefahren auszumachen. Zum einen finden höchst dubiose Sekten mit ihren Gurus immer größeren Anhang. Wie ge­fährlich das sein kann, zeigen die Massen(selbst)morde in einigen Sekten der jüngeren Geschichte.

Doch auch weniger de­struktive Sekten führen zur Marginalisie­rung und Isolierung ihrer Anhänger innerhalb der Gesellschaft, was kaum wünschenswert sein kann. Die Religiosität wirkt sich nur dann positiv aus, wenn sie von der Gesellschaft breit getragen wird. Doch noch gefährli­cher sind mögliche neue politische Hel­den, die im Namen von Ideologien dem Menschen das Paradies auf Erden versprechen und damit, wie dies Karl Popper formuliert hat, die Hölle bringen. Wie dies mit Stalin (der noch heute in Rußland Verehrer findet), Hit­ler oder Che Guevara der Fall war, kann auch mit solchen "Helden" der unbewußte Heldenmythos voll zum Tra­gen kommen und zu Kritiklosigkeit und Regression der Massen führen.

Die Geschichte Europas des zwanzigsten Jahrhunderts ist ein tragisches Zeugnis dieser Gefahren.

Die aktuellen Bilder des Fanatismus und der Hysterie von Mas­senkundgebungen — dieser Urkräfte des Unbewußten, zum Bei­spiel in der islamischen Welt — haben etwas Furchterregendes an sich. Auch die Mas­sen der Stadien können immer mehr Furcht erregen. Höchst be­denklich ist die Feststellung, daß die Medienschaffenden diese Bil­der senden, ohne genügend auf das Gefahrenpotential sol­cher kol­lektiven Erscheinungen der Regression aufmerksam zu ma­chen.

Die Tatsache, daß zum jetzigen Zeitpunkt in Europa keine politische Ideologie abzusehen ist, welche solche „Helden“ hervor­bringen könnte, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der zeitge­nössische Materialismus und Mangel an Bedeutung der Transzen­denz und der Mythen, der damit verbundenen Orientierungslosig­keit und neurotischen Verwahrlosung, eine ständig lauernde Ge­fahr für die offene Gesellschaft darstellen. Das einzige Mittel ge­gen diese Gefahren ist die Jungsche Individuation des Menschen, das Zu-sich-selbst-Finden als einzelnes Wesen.


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Fußnoten

24. Barz, Helmut. a.a.O.
25. Jung, C.G. Der Mensch und seine Symbole. Olten und Freiburg im Breisgau: Walter Verlag. 1986. 85.

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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Geleitwort
Vorwort

Aphorismen

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14

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