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Alexander von Wyttenbach:
Die Vernunft als Untertan des Unbewussten.
Betrachtungen, herausgegeben und mit einem Geleitwort versehen von Peter A. Rinck.
135 Seiten; €14,90 [DE]
BoD Norderstedt.
ISBN 978-3-7357-4122-6

Alexander von Wyttenbach:
Die Vernunft als Untertan des Unbewussten

Kapitel 1
Die Instinktnatur

Die Unterschätzung der Instinktwelt des Menschen

ie einleitend bemerkt, entwickelte jedes Lebewesen auf die­ser Erde stammesgeschichtlich verankerte Mechanismen, die den Fortbestand der einzelnen Art sichern. Desgleichen besitzt jedes Tier angeborene Verhaltensmuster und Triebe, die es ihm er­lauben den Überlebenskampf in der Natur zu bestehen und seine Art zu erhalten.

Dies entspricht auch der Auffassung C.G. Jungs [1], der die In­stinkte dem kollektiven Unbewußten zuordnet und folgendermaßen umschreibt:

„Als Instinkt dürfen demnach nur solche Erscheinungen gelten, welche ver­erbte, überall gleichmäßig und regelmäßig wiederkeh­rende, unbewußte Vor­gänge sind. Zugleich muß ihnen das Merk­mal der zwingenden Nötigung, also eine Art reflektorischen Cha­rakters anhaften. Instinkte sind typische Formen des Handelns, und überall, wo es sich um gleichmäßige und regelmäßig sich wieder­holende Formen der Reaktion handelt, handelt es sich um Instinkt, gleich­gültig, ob sich eine bewußte Motivierung dazu gesellt oder nicht.“

Dies ist eine Definition, die erstaunlich mit derjenigen der Ver­haltensforscher übereinstimmt.

Felix von Cube und Dietger Alshuth [2] setzen sich gründlich mit der Beobach­tung der Triebe und den Kritikern von Konrad Lorenz [3] auseinander. Sie wei­sen nach, daß Lorenz Ansichten unterstellt wurden, die er nie geäußert hat. Daß Lorenz Beobachtungen des in­stinktiven Ver­haltens der Tiere zur Deutung menschlichen Verhal­tens herangezog­en hat, hat ihn nie dazu verleitet, den Menschen den Tieren gleichzustellen. Er hat nie die kognitiv-reflektiven Fähig­keiten des Men­schen im Umgang mit seinen Instinkten in Frage gestellt. Er hat auch nie bezweifelt, daß der Mensch ein lernfähiges Wesen ist. Eine solche Annahme würde ja eine Evolution der Menschheit, die ein Lernprozeß dar­stellt, der zwischen Instinkt und Vernunft statt­findet, ausschließen Gerade das Wissen des Menschen um die Kräfte der Triebe und In­stinkte ermöglicht es ihm aber, vernunftgemäß mit ihnen umzuge­hen.

Zur Kritik an der Instinktnatur des Menschen

Aus den Beobachtungen der Verhaltensforschung kann also festge­stellt werden, daß der Mensch wie jedes Tier mit angebore­nen Trie­ben, Instinkten und Ver­hal­tens­muster ausgestattet ist. Die­se ent­wickeln Spontanpotentiale und lösen stammesgeschichtlich pro­grammierte Muster und Ver­hal­tens­abläufe aus, die, wie wir se­hen werden, einer natürlichen Gesetzmäßigkeit folgen und auf das Ver­halten des Menschen einen nicht wahrgenommenen unbewußten Einfluß ausüben.

Die Bedeutung dieses Aspektes der menschlichen Natur stößt auf zum Teil ve­he­mente Ablehnung und auf Kritik seitens vieler Wissenschaftler an der Ver­hal­tens­for­schung, einzig und allein, weil der moderne rationalistische, säku­larisierte Mensch sich gegen al­les wehrt, was sich einer rationalen Er­fassung und Messung ent­zieht — kann doch das kollektive Unbewußte mit seinen In­stink­ten nicht direkt, sondern nur in seiner Wirkung beobachtet werden. Der Versuch alles rational verstehen und erklären zu wollen, verleitet den Men­schen zu einer unzulässigen Vereinfachung und Reduktion der menschlichen Komplexität auf das Erfaßbare und Messebar und mündet in die rationalistische Überheblichkeit, die unsere Ge­genwart kennzeichnet.

Ohne die Bereitschaft zu ganzheitlichem Denken verkümmert damit die Philo­sophie — die Liebe zur Weis­heit mit ihrer Demut und Ehrfurcht gegenüber dem Unerklärbaren und Transzendenten — zur bloßen Ideologie.

Karl Popper [4], der Philosoph des kritischen Rationa­lismus, ver­tritt die Mei­nung, daß jede These als Arbeitshypothese so lange Gül­tigkeit besitzt, bis sie falsifiziert wird und durch eine bessere er­setzt wird, die wiederum falsifiziert werden kann, denn Wahrheit ist nichts Endgültiges, sondern ein immer­wäh­render Suchprozeß Wenn Kritiker behaupten, die Hypothesen der Ver­hal­tens­for­­scher seien nicht wissenschaftlich restlos bewiesen und deshalb un­­be­deu­tend oder gar unzulässig, müssen sie sie auch falsifizieren können. Soweit bekannt, ist dies bis heute nicht der Fall gewesen, denn niemandem ist es bis heute gelungen, rein rationale Erklärun­gen für menschliches Verhalten zu finden. Interessanterweise ist die Einsicht, daß menschliches Verhalten mit rationalen Mitteln al­lein nicht zu erklären ist, am ehesten den Ökonomen bewußt, weil sie das spontane Verhalten der Menschen in der Ökonomie beo­bach­ten und täglich mit der Erfahrung konfrontiert werden, daß die­ses von der Vernunft nie genau vorausgesehen oder erklärt werden kann — daß ihre Pro­gnosen sich meistens als falsch erweisen.

Jedes Lebewesen der Erde ist ein Wunder der Schöpfung: „Auch das kleinste Katzentier ist ein Meisterwerk“, hat schon Leo­nardo da Vinci erklärt.

Alle Instinkte, die der Arterhaltung dienen, sind ein integrieren­der Bestandteil dieses Wunders und er­möglichen den Fortbestand aller Lebewesen, den die Ver­nunft nicht gewährleisten könnte. Es gibt kein einziges, überzeugendes Argu­­ment, das beweist, daß die­se Naturgesetze nicht nur für die Tiere, son­dern genauso auch den Menschen prägen. Die von der Natur vorgesehenen Instinkte und Verhaltensmuster haben somit die tran­szendentale, sakrale Di­men­­sion der gesamten Schöpfung, die wahr­genommen und respektiert werden muß. Neben der Theorie, die menschliches Verhalten als Ausdruck eines ratio­nalen Lernpro­zesses verstanden wissen will, lauern dem Verständnis der tran­szendenten Dimension neue Gefah­ren.

Die neueste genetische For­schung verführt die Wissenschaftler dazu, alles mit den Genen er­klären zu wollen, eine willkommene neue Möglichkeit, mensch­li­ches Verhalten wissenschaftlich ratio­nal erklären zu können. Natür­lich er­mög­lichen uns die Resultate der Genforschung wichtige neue Einsichten, doch sind auch diese nur ein Teil der Wahrheit, denn die Natur ist zu komplex, um einfa­che, rationale Erklärungen zuzulassen.

Man darf auch nie vergessen, daß die Natur Evolution ist, in der Materielles und Immaterielles mit nicht voraussehbaren Wir­kungen zusammentreffen, "Geist" als Energie und "Materie" stellen eine untrennbare Einheit dar.

Der spontane, instinktive Ener­giezyklus

Beim Studi­um der Arbeiten von Konrad Lorenz, Bernhard Hassen­stein, Des­mond Morris, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Felix von Cube und Dietger Alshuth wird deutlich, daß in der Natur, besonders in der höheren Tierwelt, an­geborene Trie­­be, Instinkte und Verhaltens­muster am Werk sind, die einer Ge­setz­mäßig­keit folgen, die auch beim Menschen beobach­tet werden kann.

Als wesentliches Merk­mal der angeborenen Trie­be gilt es her­vorzuheben, daß sie als spontane Kräfte in Erscheinung treten, sie ent­wickeln Spon­tan­po­­ten­tiale. Reize führen bei vorhandenem Trieb­potential zur Trieb­handlung. In diesem Zu­sammenspiel zwi­schen Triebstärke, also der Be­reitschaft zur Trieb­handlung, und dem Reiz, der sie auslöst, besteht das Prinzip der doppelten Quanti­fizierung. Mit anderen Worten, die Summe der beiden Faktoren bleibt immer gleich: Eine hohe Trieb­stärke rea­giert auf einen schwachen Reiz, eine geringe Bereitschaft kann durch Verstärkung der Reizstärke zur Trieb­handlung führen. Die Theorie, daß gewis­se Verhaltensweisen des Menschen wie bei den Tieren durch spon­tane Potentiale ausgelöst werden, erscheint umso wahr­scheinlicher, als sich die Natur der Lebewesen uns als ein me­tastabiles, nach Gleichgewicht suchendes System offenbart. Die Arter­haltung kann unmöglich durch ein rein reaktives Verhal­ten der ein­zelnen Kom­ponenten gewährleistet wer­den, Arterhal­tung ist eine Energielei­stung.

Dieser Ablauf der Spontanpotenziale der Triebe soll im Folgen­den als spon­ta­ner in­stinktiver Energiezy­klus bezeichnet werden.

Die Spontaneität der Triebe führt zu einem stammesgeschicht­lich verankerten Programm, das gemäß der Verhaltensforschung folgendermaßen zusammen­ge­faßt werden kann: Zuerst baut sich eine wachsende Triebstärke auf (das Spon­tan­potenzial). Das Tier verspürt wachsenden Hunger oder sexuelles Bedürfnis, ein Zustand der mit Unlustgefühlen verbunden ist.

Es folgt das Appetenzverhal­ten: Die erste Phase besteht nach Hassenstein [5] darin, daß das Lebe­wesen durch sein Verhalten die Begegnung, mit den Ge­gen­stän­den (Nahrung, Nistmaterial) oder Lebe­wesen, auf die sich der be­tref­f­ende Antrieb (die Bereitschaft) bezieht, wahr­scheinlicher macht. Die zweite Phase besteht in der gezielten Annäherung an den Gegenstand oder das Lebe­wesen, auf das das Verhalten zuge­schnitten ist.

Ursprünglich dürfte das „erwartete“ Appetenzverhal­ten — das Laufen, Werben, Erkunden — den durchschnittlichen Anforderun­gen einer natürlichen Umwelt angepaßt sein. Zweck und Ziel des Appetenzverhaltens ist es, die Trieb­hand­lung zu ermögli­chen: das Fressen, Paaren, Kämpfen. Die Aktivitäten der Trieb­handlung münden in die Endhandlung: Stillung des Hungers, oder Durstes, Sieg über den Gegner, Begattung. Die Triebhandlung ist mit Lust verbunden, die End­handlung löst das Triebpotential auf und führt zu einem Zustand der Ent­span­nung. Die Instinktbewe­gungen des Appetenzverhalten (Laufen, Scharren, Werben) und der Triebhand­lung (Saugen, Beißen, Begatten), die Konrad Lo­renz als Werkzeugi­nstinkte bezeichnet, besitzen ihre eigene Spontaneität. Sie sind bei jeder Tierart angeboren und dem Umfeld angepaßt ange­legt.

Dieser Vorgang wiederholt sich immer wieder gemäß den Be­dürfnissen der Natur zur Erhaltung der Art und des natürli­chen Ge­samtgleichgewichtes.

Im Gegensatz zum Menschen der früherer Zeiten ist das Appe­tenzverhalten, wie das Suchen der Nahrung oder das Laufen um ein Tier zu finden und zu erbeuten, für den Menschen der Gegen­wart in der Regel überflüssig geworden, es wurde zur selektiven Wahrneh­mung abgeändert: Wandern wir mit Hunger in ei­ner Stra­ße, suchen wir mit dem Blick ein Lebensmittelgeschäft oder ein Eßlokal.

Dies hat zur Folge, daß der moderne Mensch viele Werkzeugin­stinkte nicht mehr abruft, um seine Triebpotentiale ab­zubauen. Viel unerwünschtes Ver­hal­ten des zivilisierten Menschen ist in ei­nem Ungleichgewicht in der Ökonomie des Instinktlebens zu su­chen, was Unlustgefühle und Unzufriedenheit her­vor­ruft; der zivi­lisierte Mensch braucht andere Herausforderungen und Aufga­ben. Die Möglichkeit des Menschen, bei nur geringer Triebstärke ohne das Anrufen des Appetenzverhaltens, die Triebhandlung und die End­handlung mit der damit verbundenen Lust herbeizuführen, führt zum Begriff der Verwöhnung.

Differenzierte Bewertung der Verhaltensforschung

Wie ausgeführt, besteht das Sein des Menschen aus Instinkten, ei­ner un­be­wußten Welt mit seinen Emotionen und seinem Ver­stand, die alle untrennbar zusammenwirken und eine Ein­heit bil­den. Die­se Aspekte des menschlichen Seins zu unterscheiden ist also nur als Kunstgriff zu­lässig, wenn er dem Versuch dient, mit dem Verstand der Wahrheit näherzukommen. Daß im kollektiven Unbewußten angeborene Instinkte und Verhaltensmuster verankert sind, ist eine nicht wider­legte und widerlegbare Tatsache. Unbe­streitbar ist auch, daß stam­mesgeschichtlich vorgesehene Instinkte nicht gezähmt oder „abge­schafft“ werden können. Ohne Integrati­on die­ses Aspek­tes bleibt eine Deutung menschlichen Verhaltens unvoll­ständig, was den Lernprozeß der kulturellen Evolution nachhaltig behin­dert. Die Lernfähigkeit des Menschen kommt dar­in zum Aus­druck, daß er, im Unterschied zu den Tieren, im Wis­sen der Exi­stenz un­bewußter, angeborener instinktiver Anlagen, mit diesen so umzuge­hen lernt, wie das von einem höheren Wesen erwartet wer­den darf: auf menschliche Art.

Es muß wiederholt und unterstrichen werden, daß angeborene Triebe, In­stink­te und Verhaltensmuster nicht in ihrer reinen Form, sondern im Zusammen­spiel mit den anderen unbewußten Kräften des menschlichen Seins wirken und in Erscheinung treten, ein Hin­weis der wichtig ist, um die Verhaltensforschung nicht in unzuläs­siger Weise zu einer alles erklärenden Ideologie werden zu lassen: sie soll sich darauf beschränken, nur einige, wenn auch wichtige Aspek­te menschlichen Verhaltens zu erklären. Diese Aspekte prä­gen die Ge­schich­te der Menschheit und die Gesellschafts­politik entscheidend mit und sind stärker als der Verstand.

Eine Auseinandersetzung mit der ganzen Vielfalt der menschli­chen Instinkte und seines Unbewußten würde zu weit führen und ist nicht der Zweck dieser Überlegungen. Interessant ist es, sich vor allem mit einigen im Vordergrund stehenden, gesetzmäßigen in­stinktiven Verhaltensweisen zu beschäftigen, die das Leben in der menschlichen Gesellschaft stark prägen und beeinflussen.


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Fußnoten

1. Jung, Carl Gustav. Die Dynamik des Unbewussten. Olten: Walter. 1967. 153.
2. von Cube, Felix; Alshuth, Dietger. Fordern statt Verwöhnen. Die Er­kenntnisse der Verhaltensbiologie in Erziehung. München: Piper. 2010.
3. Lorenz, Konrad. Über tierisches und menschliches Verhalten. Aus dem Werdegang der Verhaltenslehre. Gesammelte Abhandlungen in zwei Bänden. München: Piper. 1992.
4. Popper, Karl. Logik der Forschung. Wien. 1934.
5. Hassenstein, Bernhard. Funktionsschaltbilder als Hilfsmittel zur Dar­stellung theoretischer Konzepte in der Verhaltensbiologie. Zool. Jb. Physiol. 1983; 87: 181-187.

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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Geleitwort
Vorwort

Aphorismen

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14

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