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Alexander von Wyttenbach:
Die Vernunft als Untertan des Unbewussten.
Betrachtungen, herausgegeben und mit einem Geleitwort versehen von Peter A. Rinck.
135 Seiten; €14,90 [DE]
BoD Norderstedt.
ISBN 978-3-7357-4122-6

Alexander von Wyttenbach:
Die Vernunft als Untertan des Unbewussten

Kapitel 9
Der Pseudorationalismus

er unter anderen von Karl Popper bekämpfte Pseudorationa­lismus ist ein Unheil der Menschheit und Beweis für die kaum wahrgenommene Macht des kollektiven Unbewußten über den Verstand. Die pseudorationalistische Beweisführung geht von glaubhaften und den Verstand ansprechenden Hypothesen aus, die jedoch rational weder bewiesen oder beweisbar sind und die un­kritisch zur absoluten Wahrheit erhoben werden: Die von Gelehrten herbeigeführten Hexenjagden in der frühen Neuzeit oder die heuti­gen Terroristenjagden sind schlagende Beispiele dafür.

Wenn solche Theorien eine Resonanz mit dem kollektiven Un­bewußten erzeugen und von intelligenten Köpfen geschickt vertre­ten werden, wirken sie auf den Menschen oft äußerst verführend, weil sie eine vernunftbegründete Erklärung für eine unbewußte Be­findlichkeit des Menschen bieten. Die Verfechter dieser Theori­en sind sich meist über diesen Vorgang selber nicht bewußt, sie sind wahre, oft missionarische Gläubige, die den Kampf für ihre Ideen als hohe, ethische Mission verstehen.

Der Eifer dieser Missionare kann auch bei intelligenten Men­schen so weit gehen und so unkritisch werden, daß man sie, in Un­kenntnis des unbewußten Ursprungs ihres Verhaltens, in ihrem Irr­glauben für denkunfähig halten könnte. In Wahrheit bewirkt das Unbewußte bei ihnen eine selektive Wahrnehmung der Informatio­nen und übt eine Zensur über alle rationalen, der Ausgangshypo­these widersprechenden Argumente aus, die eine rationale Ausein­andersetzung verunmöglicht.

Das kollektive Unbewusste und seine Symbole

Auf der Suche nach der Goetheschen Wurzel des Menschen, stößt Jung auf das kollektive Unbewußte. Helmut Barz deutet dies auf folgende Weise:

„Jung sieht das Bewußtsein als einen Abkömmling des kollekti­ven Unbewußten an: Das kollektive Unbewußte ist dem Ich-Be­wußtsein präexistent, es läßt das Bewußtsein des Individuums aus sich hervorgehen, es ist gewissermaßen dessen Mutterboden.

Dieses Unbewußte äußert sich in Form von Symbolen. Sym­bol ist eine mit den Sinnen wahrgenommene Gestalt, die für den wahr­nehmenden Menschen auf etwas hinweist, daß über sie selbst hin­ausgeht und das er ohne diese symbolische Gestalt nicht wahrzu­nehmen oder ausdrücken vermöchte.“ [19]

Die Symbole sind eine äußere Projektion des Unbewußten und gemäß Jung Ausdruck der Archetypen des kollektiven Unbewußten. Sie sind allen Menschen aller Zeiten gemeinsam, ohne dem Be­wußtsein direkt zugänglich zu sein, außer in ihrer Projektionen.

Diese Gedanken sind nicht neu, denn schon früh in der Antike war die Bedeutung der Symbole als Projektionen des Unbewußten allgegenwärtig.

In der Geschichte der Menschheit haben Mythen und Religio­nen immer den Versuch dargestellt, das Spannungsfeld zwischen Bewußtsein und Unbewußtem zu überbrücken. Die Mythen der Griechen enthalten einen großartigen, unübertroffenen Reichtum an solchen Projektionen. Sie sind eine symbolischen Schilderung des kollektiven Unbewußten mit den Wechselwirkungen zwischen den Instinkten und der Psyche.

In faszinierender Weise hat die französische Gräzistin Jacqueli­ne de Romilly [20] den Versuch unternommen, die Gründe für die überragende, universale Bedeutung der Leistungen der altgriechi­schen Kultur zu verstehen — insbesondere die des fünften Jahr­hunderts v. Chr.

In ihren Ausführungen kommt sie zum Schluß, daß es eine Hal­tung des altgriechischen Geistes war, im alltäglichen, selbst im Tri­vialen, immer das den Verstand Transzendierende, Allgemeingülti­ge zu suchen und darzustellen. Die in der Mythologie zum Vor­schein kommende ständige Auseinandersetzung mit dem kollekti­ven Unbewußten und seinen Archetypen hat die Griechen zu einem der schöpferischsten Völker der Weltgeschichte gemacht, ohne de­ren geistigen Beitrag die Welt von heute anders, wahr­scheinlich viel ärmer aussehen würde. Die Literatur und die Werke der Archi­tektur und bildenden Künste, die uns aus dieser Zeit er­halten ge­blieben sind, dienen als unübertroffene Zeugen der Fähig­keit und der Freude an dieser Auseinandersetzung.

Leider ist in unserem von Wissenschaft und Technik dominier­ten Zeitalter das ganzheitliche, über das Unbewußte reflek­tierende Denken verloren gegangen. Es ist deshalb paradox und gleichzeitig vielsagend, daß gerade in der heutigen rationalisti­schen Zeit die Kunstwerke der Vergangenheit als Ausdruck des Unbewußten und des Religiösen in großen Mengen Menschen auch mit ge­ringem Bildungsstand in ihren Bann ziehen.

Nicht von ungefähr verleitet die griechische Mythologie unzäh­lige Psychologen zur Deutung der verschiedenen Mythen. Nur in diesem Zusammenhang ist der schwere kulturelle Schaden für das Abendland abzuschätzen, der mit der heutigen Geringschätzung und Vernachlässigung der Religion, der althergebrachten Geistes­wissenschaften und der humanistischen Bildung einhergeht, mit deren Abschaffung in der vor-universitären Schulung — zugunsten einer berufsorientierten, rationalistisch-wissenschaftlichen Ausbil­dung — eine Bildungslücke entsteht, die im weiteren Verlauf des Lebens in der Regel nie mehr geschlossen werden kann. Viele der Fehlleistungen der vergangenen hundert Jahre zeugen von einem solchen Bildungsmangel.

Die UNESCO weist explizit auf dieses Debakel hin, als sie nach einer Konferenz zur kulturellen Bildung in Schulen zusammenfas­send erklärte:

„Eine immer größer werdende Kluft zwischen kognitiver und emotionaler Verarbeitung im Bildungsumfeld verweist auf die Tat­sache, daß heute ein größerer Schwerpunkt auf der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten liegt als auf emotionalen Prozessen. Laut Professor Antonio Damasio ist diese Betonung der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten, zum Nachteil des emotionalen Bereiches, ein Faktor für den Niedergang des moralischen Verhaltens der mo­dernen Gesellschaft. Die emotionale Verarbeitung ist aber wesentli­cher Teil des Entscheidungsprozesses und dient als Vektor für Handlungen, Ideen, das Anstellen von Betrachtungen und Fällen von Urteilen. Ohne emotionale Beteiligung würde jede Handlung, Idee oder Entscheidung nur auf rationalen Motiven beruhen [...] Mo­ralisches Verhalten, als Basis menschlichen Handels, verlangt nach emotionaler Beteiligung.“ [21]

Bedeutung der Symbole für den Menschen

Der Verlust der von den Griechen gelebten Bereitschaft, sich mit dem Unbewußten und seinen Symbolen auseinander zu setzen, ist einer der wichtigsten Gründe für das heutige kulturelle Unbeha­gen.

C.G. Jung schreibt: „Der moderne Mensch versteht nicht, wie sehr sein ‚Rationalis­mus’ (der seine Fähigkeit zerstört hat, auf nu­minose Symbole und Ideen zu reagieren) ihn der psychischen ‚Un­terwelt’ preisgegeben hat. Er hat sich selbst vom ‚Aberglauben’ be­freit (wenigstens glaubt er das), aber bei diesem Vorgang hat er sei­ne geistigen Kräfte in ei­nem erschreckend hohen Maß verloren. Seine moralische und gei­stig-seelische Tradition ist zerfallen, und er zahlt den Preis für die­se Auflösung mit weltweiter Desorientie­rung und Zersetzung.“ [22]

Es wäre nun falsch, aus dieser Kritik des Rationalismus den Schluß ziehen zu wollen, daß der Mensch auf die Förderung von Wissenschaft und Technologie verzichten sollte, um sein Mensch­sein zu fördern. Ihre Verketzerung würde den Menschen nicht wei­terbringen, sondern zurückwerfen.

Der Ausweg aus der jetzigen Misere beginnt vor allem mit dem Bewußtsein der Existenz des Problems: Der Mensch muß sich wie­der auf das Vorhandensein der Instinkte und der geistigen Regun­gen seines Unbewußten besinnen, denn nur diese können ihm, über ihre Symbole, die notwendige Orientierung geben. Er muß wieder Freude an den Geisteswissenschaften entwickeln, ohne da­bei die exakten Wissenschaften vernachlässigen zu müssen, denn beide Aspekte der menschlichen Natur, das Unbewußte wie die Ratio, sind ein Teil seines Seins, entsprechen seinen Bedürfnissen und können sich gegenseitig befruchten. Der Fluch des heutigen Men­schen ist sein Hang zur rationalistischen Einseitigkeit.

Ein Universalgenie aus der Renaissance verdient unter diesem Gesichtspunkt die uneingeschränkte Bewunderung des geistig ver­armten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts: Leonardo da Vin­ci stellt die einmalige Harmonie eines Menschen dar, der seinen Verstand herausgefordert hat, ohne die Botschaften des Unbewuß­ten zu vernachlässigen. Er hat uns Kunstwerke hinterlassen, die je­den sensiblen Menschen faszinieren, in denen er dem rational nicht Erfaßbaren, Transzendenten meisterhaft Ausdruck verliehen hat. Aus jedem seiner Werke spricht seine Ehrfurcht vor dem Geheim­nisvollen des Universums und der menschlichen Existenz.

Doch gleichzeitig hat ihn die instinktive intellektuelle Neugier, trotz der damaligen Gefahren, unwiderstehlich angespornt, mit ana­tomischen Studien die Geheimnisse des menschlichen Körpers ra­tional zu erforschen. Mit seinem rationalen Geist, gepaart mit ei­ner großen Beobachtungsgabe für die Natur und seiner Phantasie, hat er heute noch bewundernswerte Ingenieurleistungen gezeigt. In ihm kamen alle Aspekte menschlichen Seins voll zum Ausdruck. Möge er eines Tages zum neuen Vorbild und Helden unserer Kultur werden!

Mythen und Religionen

Die Geschichte beweist, daß die Menschheit nicht ohne My­then und Religionen auskommen kann. Es gibt keine Völker ohne Reli­gionen. Viele Religionen sind zwar im Verlauf der Geschichte aus­gestorben, doch sind sie immer wie­der durch neue ersetzt worden. Der Mensch braucht die Mythen als eine symboli­sche Dar­stellung der Regungen des Unbewußten und Transzen­denten.

Die Tempel, mit ihren Skulpturen, Malereien und Dekora­tionen, dienen als Objekte zur Projektion des rational nicht Faßbaren des eigenen Ichs. Die religiösen Rituale, so unterschiedlich sie in den verschiedenen Religionen auch sein können, dienen dem Zugehö­rigkeitsgefühl und sind ein unentbehrliches Medium, mit dem alle Menschen, auf welcher Bildungsstufe immer, sich mit dem eigenen kol­lektiven Unbewußten auseinanderzusetzen vermögen.

Ohne Transzendenz wird die Realität mit der Zeit trostlos und flach. Der Eindruck der Trostlosigkeit, den die osteuropäischen Län­der unter dem kommunistischen Joch jedem Besucher aus dem freien Wes­ten vermittelt wurde, war nicht so sehr dem niedrigen Lebensstan­dard zuzuschreiben wie der Unterdrückung der Religi­onsfreiheit, denn totalitäre Systeme ahnen, daß der religiöse Glau­ben ihre Macht bedroht.

Religion und Glauben stiften dem Menschen Hoff­nung im Kon­flikt zwischen der Realität und den Regungen des Unbewußten, denn — wo und wenn es keine Gewißheiten gibt, hilft nur die Hoff­nung, und diese wird durch den Glauben vermittelt.

Ein anschauliches Beispiel für die rituelle Auseinandersetzung mit den unbewußten Widersprüchen von Licht und Schatten, der Bipolarität des Menschen, bietet das hinduistische Volk in Bali. Bei ihren Dörfern am Hang der Vulkane symbolisiert der Berg über dem Dorf die guten Geister, das tiefer liegende Meer die bö­sen. Die Dorfgemeinschaft lebt zwischen einem oberen und einem unte­ren Tempel. Bei ihren religiösen Feiern beschwören sie mit ih­ren Ritualen zuerst die bösen Geister im unteren Tempel, um dann im oberen die Geister des Guten zu verehren, und setzen sich mit dem Spannungsfeld zwischen Vernunft und dem Unbewußten auseinan­der.

Der US-Amerikaner Joseph Campbell, der seine Forschungen der vergleichenden Mythologie gewidmet hat, hat dargestellt, daß die unbewußten Regungen des menschlichen Geistes sich in allen Religionen gleichen, obschon sie sehr unterschiedlich dargestellt werden können. Er zeigte, daß dieselben unbewußten archetypi­schen Strukturen in praktisch allen Kulturen und Religionen der Welt die gleichen sind [23].

Beeindruckend ist, wie in Indonesien die verschiedenen Reli­gionen — vom Animismus in Sumatra zum Is­lam, Hinduismus, zur Minderheit der Buddhisten und ver­schiedener christlicher Religio­nen — weitgehend friedlich zusam­menleben und das Gemein­schaftsleben der Gesellschaft prägen können. In Nepal ist es gar zu einer Symbiose von Hinduismus und Buddhismus gekommen.

Campbell hat auch festgestellt, daß sich die Religionen in ihren Zeremonien und Darstellungen im Laufe der Zeit verändern kön­nen. Beispielhaft dafür war in der Antike die griechische Mytholo­gie, die nicht in einer Heili­gen Schrift, sondern in literarischen Werken fest­gehalten wur­de und die großartige, schöpferische Kul­tur der alten Griechen er­klärt. Jenseits der Vernunft sind neben den Instinkten Kräfte am Werk, die maßgeblich eines Menschen Leben bestimmen, ohne daß sie dem Menschen bewußt wären.

Die Versachlichung des religiösen Rituals besonders der refor­mierten Christen ist sicherlich für die Abwendung der Gläubigen von der Kirche mitverantwortlich. Die Faszination der großartigen Rituale auf dem Peters­platz in Rom auf die Massen, auch auf Nichtgläubige, scheint diese Hypothese zu bestätigen.

In der westlichen, säkularisierten Welt mit der völligen Tren­nung von Kirche und Staat haben die christlichen Kirchen der Ge­genwart an Fähigkeit verloren, ein religiöses Gruppenerlebnis zu ver­mitteln. Damit hat ihr gesellschaftlicher Einfluß abgenommen.

Beson­ders die katholische Kirche mit ihren unverrückbaren Ge­setzen und Dogmen, dem Zölibats der Geistlichen, dem Ausschluß der Frauen vom Priesteramt und der nicht mehr der Evolution an­gepaßten Se­xualmoral hat viel an Anhängerschaft eingebüßt. Schuld am Nieder­gang der christlichen Kirchen ist nicht das Evan­gelium als wunder­bare Grundlage des Glaubens, sondern die Unfä­higkeit der Amts­kirche den Glauben zeitgemäß den wahren Be­dürfnissen des Unbewußten der Menschen entsprechend zu vermit­teln und zum Ge­meinschaftserlebnis werden zu lassen.

Um ihre Machtstrukturen zu wahren, haben sich die Kirchen zu sehr dem Weltlichen zugewandt und die Vermittlung des Transzen­denten vernachlässigt: weltliche Macht und der Glauben in die Tran­szendenz schließen sich gegenseitig aus. Die sogenannte Theolo­gie der Befreiung ist ein Ausdruck einer solchen Verirrung inner­halb der katholischen Kirche. Es gibt keine kollektive Ethik der Gesellschaft, die mit den Mitteln der (religi­ösen) politischen Macht durchgesetzt werden kann. Allgemeine ethische Prinzipien können nur von einzelnen Menschen in die Ge­sellschaft und in die Politik getragen werden. Die Gesellschaft braucht gläubige Men­schen, die Verantwortung gegenüber ihrem Gewissen tragen; Ver­antwortung bedeutet ja nichts anderes als auf Fragen des eigenen Gewissens und des Nächsten zu antworten.

Die Abwendung von der Religion ist mit der Zuwendung zu neuen, vom rationalistischen Geist getragenen heilbringenden Ideo­logien einhergegangen, die für eine ideale, friedliche Gemein­schaft einstehen, in der es weder Ungerechtigkeiten noch Mißstän­de gibt, und die die neuen Religionen darstellen. Um dieses Ideal zu realisieren, wird in einem Akt der Massenregression nicht vom grausamen Ge­brauch der Staatsmacht zurückgeschreckt. Leider ist das ideologi­sche totalitäre Gedankengut — der rationalistische Kon­struktivismus — auch in den Demokratien zu beobachten, in denen Politik und Bürokratie immer stärker glauben, das unbewußte Ver­halten entmündigter Bürger bestimmen zu müssen.

Die Bedeutung der Kunst

Das wichtigste vom Menschen benützte Mittel, um die unbewußten Regungen des Geistes symbolisch darzustellen und mitzutei­len, sind die großen Schöpfungen der Künste. Die großen literari­schen Meisterwerke der Geschichte wie die Homerischen Epen, die Divi­na Commedia Dantes oder Goethes Faust sind großart­ige Bot­schaften der Seele, die aus dem Unbewußten schöpfen.

Alle Religionen haben mit Tempeln, Statuen und der Malerei ihre transzendenten Botschaften des Geistes den Völkern vermit­telt. Bemerkenswert ist die Feststellung, daß Denkmäler, die im Na­men von längst vergessenen Religionen entstanden sind — wie die des Alten Ägyptens oder der griechischen Mythologie — nach Jahr­tausenden immer noch in der Lage sind, uns ihre universelle und ewige Botschaft zu vermitteln und uns zu faszinieren.

Dank ihrer Begabung und mit den von ihren kognitiven Fähig­keiten geschaffe­nen Werkzeugen schöpfen die Künstler aus ihren Wahrnehmungen und unbewußten Regungen Werke, die ewige, universell gültige Botschaften des Unbewußten sind.

Die Kunst ist für den Menschen unentbehrlich. Kunst und Reli­gion sind eng ver­knüpft. Eine Chronik erzählt uns, daß im 13. Jahr­hundert in Siena der Transport der Maestà von Duccio di Buonin­segna, einem wahren Meister­werk der abend­ländischen Malerei, von der Werkstatt des Malers zum Dom mit einem großen Volks­fest gefeiert wurde. In Chi­na wurde eine Flöte aus Tierknochen entdeckt, die ver­mutlich 5000 Jahre alt ist. Auch im anti­ken Grie­chenland und in der rö­mischen Kultur spielten Musik und Tanz eine wichtige Rolle, sie scheinen eine universal verständliche Spra­che des Unbewußten zu sein.

Das Theater ist eine großartige Er­rungenschaft der abendländi­schen Kultur, auf der Bühne können Licht und Abgründe der menschli­chen Seele für alle zugänglich zur Darstellung kommen. In der massenhaften, meist kommerziellen Film- und Fernsehpro­duktion erreichen hin­gegen nur wenige ein derartiges Theaterni­veau.

In unserer von immer neuen Technologien dominierten Gesell­schaft wird die Notwendigkeit der Kunst als universale Botschaft des Unbewußten sehr oft nur oberflächlich wahrgenommen. Die meisten Schöp­fungen der modernen Architektur werden nach ihrer Zweckmäßigkeit und ihrer rationalen und schnell vergänglichen Schönheit bewertet; man bewundert sie, ohne davon emotional er­griffen zu werden.

Das nicht zu unter­drückende Bedürfnis des Menschen nach Be­gegnung mit der Welt der Emotionen über die Kunst wird durch die Erfahrung bestätigt, daß trotz unserer „rationalen“ Zeit jedes Jahr weltweit Millionen von Touristen sich von den asiati­schen Tempel­anlagen, den antiken Bauwerken in Europa und dem Nahen und Mittleren Osten oder unseren Kirchen, Kathedralen und Abteien mit ihren Fresken unwiderstehlich angezogen fühlen.

Religion und Macht

Nach Macht strebende Menschen haben erkannt, daß sie die Urangst des Menschen zu ihren Zwecken nutzen kann, in­dem sie sich der Religion bedienen. Bis zu der von der Aufklärung einge­leiteten Trennung von Kirche und Staat war die Religion eng mit der Macht verbunden, entweder in der Form einer Theokratie oder einer Allianz der Geistlichkeit mit den Machtherr­schern.

Im Namen der Religion und der Missionierung wurden mit ei­ner Massensuggestion unzählige aus der Geschichte bekannte Er­oberungskriege ausgetragen — beispielhaft sind die Kreuzzüge — und grausame Völkermorde begangen. Die Inquisition und die Hei­ligen Kriege des Islam, die Dschihad, mit der Einführung des isla­mischen Gottesstaates sind Beispiele der Verbindung von Macht und Religion. Das Versprechen der Machthaber, mit der Religion, neben dem Reichtum der Kriegsbeute, den Mitläufern Ruhm oder gar das Paradies, also einen Lohn auch nach dem Tode zu verspre­chen, ja zu ga­rantieren, stellte eine mächtige Motivation dar.

Die Ge­schichte des Römischen Reiches zeigt uns aber auch, daß die Ver­bindung von Macht mit Religion, neben Krieg und Zerstö­rung, auch großartige Fortschritte der Zivilisation gebracht hat.

Eine etwas andere Grundlage im Unbewußten hat die politisch bedeutsame Heimatliebe, die ganze Völker vereinen kann. Diese findet ihre Wurzeln in der mit dem Territorialinstinkt verbunde­nen Gefühlssphäre und ist im allgemeinen, anders als der moderne mit Machtansprüchen begleitete Nationalgedanke, als Verteidigungs­reflex der Eigenständigkeit der Gemeinschaft nach außen zu ver­stehen.


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Fußnoten

19. Barz, Helmut. Vom Wesen der Seele. Stuttgart: Kreuz Verlag. 1979. Neuauflage: Stuttgart: Verlag Opus Magnum. 2003. 38.
20. de Romilly, Jacqueline. Pourquoi la Grèce? Paris: Editions de Fallois, 1992.
21. Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kul­tur und Kommunikation. Leitfaden für kulturelle Bildung (UNESCO – Road map for arts education). UNESCO-Weltkonferenz für kulturelle Bildung: Schaffung kreativer Kapazitäten für das 21. Jahrhundert. Lissabon, 6.-9. März 2006. Paris: Unesco. 2006. 5.
22. Jung, C.G. Der Mensch und seine Symbole. Olten und Freiburg im Breisgau: Walter Verlag. 1986. 94.
23. Campbell, Joseph. The Hero with a thousand faces. New York: Pan­theon Books. 1949.

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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Geleitwort
Vorwort

Aphorismen

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14

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