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Peter de Chamier:
Der Detektiv in der Literatur • Ein Essay zum Eigengebrauch.

140 Seiten; €9,80 [DE]
© 2018 by Peter de Chamier and TRTF
Vertrieb: BoD Norderstedt, Deutschland.
ISBN 9-783-7528-2439-1

www.de-chamier.com

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Peter de Chamier: Der Detektiv in der Literatur • Kapitel 9

Die „hard-boiled“-Detektive

But down these mean streets a man must go
who is not himself mean, who is neither tarnished nor afraid ...

Aber durch diese schäbigen Straßen muß ein Mann gehen,
der selbst nicht schäbig ist, der makellos und nicht furcht­sam ist ...

Raymond Chandler. The Simple Art of Murder. An Essay. 1950.


icht Gerechtigkeit und Moral beherrschen die Welt, sondern Un­ge­setz­lich­keit, Un­ge­rech­tig­keit und Egoismus. Die Schilderungen einer heilen Welt, in der ein Übeltäter so­fort aufgespürt und aus der Gesellschaft ausgestoßen wird, sind – wie in der englischen Detektiv­literatur – bloße Am­menmärchen.

In The Simple Art of Murder – Mord ist keine Kunst (At­lantic Monthly, 1950) schrieb der Amerikaner Raymond Chand­ler (erst das englische Original, dann eine deutsche Übertragung):

spaceholder blue   The realist in murder writes of a world in which gang­sters can rule nations and almost rule cities, in which ho­tels and apartment houses and celebrated restaurants are owned by men who made their money out of brothels, in which a screen star can be the fingerman for a mob, and the nice man down the hall is a boss of the numbers racket; a world where a judge with a cellar full of boot­leg liquor can send a man to jail for having a pint in his pocket, where the mayor of your town may have con­doned murder as an instrument of moneymaking, where no man can walk down a dark street in safety because law and order are things we talk about but refrain from practicing; a world where you may witness a hold-up in broad daylight and see who did it, but you will fade quickly back into the crowd rather than tell anyone, be­cause the hold-up men may have friends with long guns, or the police may not like your testimony, and in any case the shyster for the defense will be allowed to abuse and vilify you in open court, before a jury of selected mo­rons, wi­thout any but the most perfunctory interfer­ence from a political judge.

It is not a very fragrant world, but it is the world you live in, and certain writers with tough minds and a cool spirit of detachment can make very interesting and even amusing patterns out of it. It is not funny that a man should be killed, but it is sometimes funny that he should be killed for so litt­le, and that his death should be the coin of what we call civi­lization.

spaceholder red   Der Realist in Mordromanen schreibt von einer Welt, in der Gangster Nationen und fast Städte regieren können; in der Hotels und Apartmenthäuser und gefeierte Restaurants Männern gehören, die ihr Geld aus Bordellen gemacht ha­ben; in der ein Filmstar der Hinweisgeber auf Verräter für einen Mob sein kann; und der nette Mann am Ende des Korridors der Boss einer illegalen Lotterie ist; eine Welt, in der ein Richter mit einem Keller voller schwarz gebranntem Schnaps einen Mann ins Gefängnis schicken kann, weil er eine Bierflasche in der Tasche hat; wo der Bürger­meister Ihrer Stadt den Mord als Instrument Geld zu ver­dienen geduldet hat; wo kein Mann in Sicherheit eine dunkle Straße hinun­tergehen kann, weil Recht und Ord­nung Dinge sind, über die wir reden, aber nicht praktizie­ren; eine Welt, in der Sie einen Banküberfall am hellich­ten Tag miterleben und sehen können, wer es getan hat, aber Sie schnell wieder in der Menge verschwinden, an­statt es irgendjemandem zu sagen, weil die Bankräuber vielleicht Freunde mit langen Flinten haben oder die Polizei Ihre Aussage nicht mag, und auf je­den Fall wird es dem Winkeladvokaten der Verteidigung er­laubt sein, Sie vor einem offenen Gericht zu beleidigen und zu ver­leumden, vor einer Jury aus ausgewählten Idioten, ohne irgendeine außer vielleicht einer sehr oberflächlichen Einmischung durch einen politisch motivierten Richter.

Es ist keine sehr wohlriechende Welt, aber es ist die Welt, in der Sie leben, und bestimmte Autoren mit hartem Ver­stand und kühlem geistigen Abstand können sehr interessant­e und sogar amüsante Romane aus diesen Mustern aufbauen. Es ist nicht lustig, daß ein Mann getötet wird, aber es ist manchmal lustig, daß er für so wenig getötet wird und daß sein Tod die Medaille dessen ist, was wir Zi­vilisation nennen.

In der Zeit der Prohibition, als die amerikanischen Städte von Gangsterbanden beinahe beherrscht wurden, als fast je­der Politiker und Polizist käuflich war und nur wenige Männer auf de Seite der Gerechtigkeit und der Fairness standen und versuchten, sich zu behaupten und die staatlic­hen Vorschriften durchzusetzen, um sich und ihre Mit­bürger zu schützen, entstand der neue Typ des Detektivs, der Mann, der mit seinem gesunden Menschenverstand seinem Emp­finden für Gerechtigkeit Genüge leistete.

Chandler fährt fort, und dies wurde eines der bekanntes­ten Zitate über Detektive in der Literatur (erst das engli­sche Original, dann eine deutsche Übertragung):

spaceholder blue   But down these mean streets a man must go who is not himself mean, who is neither tarnished nor afraid. The de­tective in this kind of story must be such a man. He is the hero, he is everything. He must be a complete man and a common man and yet an unusual man. He must be, to use a rather weathered phrase, a man of honor, by in­stinct, by ine­vitability, with­out thought of it, and cer­tainly without saying it. He must be the best man in his world and a good enough man for any world. I do not care much about his private life; he is neither a eunuch nor a satyr; I think he might seduce a duchess and I am quite sure he would not spoil a virgin; if he is a man of honor in one thing, he is that in all things. He is a rela­tively poor man, or he would not be a detective at all. He is a common man, or he could not go among com­mon people. He has a sense of character, or he would not know his job. He will take no man’s money dishonestly and no man’s insolence without a due and dispassionate revenge. He is a lonely man and his pride is that you will treat him as a proud man or be very sorry you ever saw him. He talks as the man of his age talks, that is, with rude wit, a lively sense of the grotesque, a disgust for sham, and a con­tempt for pet­tiness. The story is his ad­venture in search of a hidden truth, and it would be no adventure if it did not happen to a man fit for adven­ture. He has a ran­ge of awareness that startles you, but it be­longs to him by right, because it belongs to the world he lives in.

If there were enough like him, I think the world would be a very safe place to live in, and yet not too dull to be worth living in.

spaceholder red   Aber durch diese schäbigen Straßen muß ein Mann gehen, der selbst nicht schäbig ist, der makellos und nicht furcht­sam ist. Der Detektiv in Geschich­ten dieser Art muß solch ein Mann sein. Er ist der Held, er ist alles. Er muß ein voll­kommener Mann sein und ein normaler Mann, und er muß doch ein außergewöhnlicher Mann sein. Er muß, um eine recht abgegriffene Phrase zu ge­brauchen, ein Mann von Ehre, ein Mann mit Instinkt, ein Mann des Unver­meidlichen sein, ohne daran zu denken und ganz gewiß, ohne darüber zu sprechen. Er muß der beste Mann in dieser Welt und ein guter Mann für jede Welt sein. Sein Privatleben ist mir egal; er ist weder ein Eunuch noch ein Satyr; ich glaube, er könn­te eine Herzo­gin verführen, und ich bin mir ziemlich sicher, daß er eine Jungfrau nicht verderben würde; wenn er in ei­ner Sache ein Ehrenmann ist, ist er das in allen Dingen. Er ist ein relativ armer Mann, sonst wäre er kein Detektiv. Er ist ein gewöhnlicher Mann, sonst könnte er nicht zwi­schen gewöhnlichen Leuten leben. Er hat Sinn für Cha­rakter, oder er würde nicht wissen, was seine Aufgabe ist. Er wird von niemanden unehrenhaftes Geld anneh­men und wird sich von niemandem beleidigen lassen, ohne sich angemessen und le­idenschaftslos dafür zu rä­chen. Er ist ein einsamer Mann und sein Stolz ist, daß Sie ihn wie einen stolzen Mann be­handeln werden oder daß es Ihnen sehr leid tut, ihn jemals gesehen zu haben. Er spricht, wie ein Mann seines Alters spricht, d.h. mit derbem Witz, ei­nem lebhaften Sinn für das Groteske, ei­nem Ekel vor Heuchelei und Verachtung von Engstirnig­keit. Die Ge­schichte ist sein Abenteuer auf der Suche nach einer ver­borgenen Wahrheit, und es wäre kein Abenteuer, wenn es nicht einem Mann passieren würde, der dafür tauglich ist. Er hat ein Bewußtseinsspektrum, das einen verblüfft, aber es gehört ihm zu Recht, weil es zu der Welt gehört, in der er lebt.

Ich denke, wenn es genug wie ihn gäbe, wäre die Welt ein sehr sicherer Ort zum Leben und doch nicht zu lang­weilig, um darin zu leben.

Hard-boiled werden diese Detektive genannt, hartge­sotten. Sie kämpfen als einzelne gegen Banden, gegen eine korrup­te Polizei, gegen Politiker, die nicht mehr Politiker sind, sondern Marionetten. Als Privatdetektive arbeiten sie für Klienten, die ihnen oftmals nicht einmal die Wahrheit sa­gen, sondern sie schamlos belügen, um einen Vorteil für sich selbst herauszuschlagen. Sie leben alle in Kalifornien.

Mit der Art der Detektive änderte sich ebenfalls die Ge­stalt des Detektivro­mans. Watson verschwindet. Lange Dedukt­ionen gibt es ebenso wenig wie nichtendenwollen­de Mono­loge. Während der ursprüngliche Detektivroman sich gut zu einem Theaterstück verarbeiten ließ, eigneten sich die neuen action- und spannungsreichen Short Sto­ries und Ro­mane viel eher zur Verfilmung, und so er­reichte der Krimi­nalfilm seine Blütezeit.

Drei Schriftsteller gelten als Vorreiter dieser Generation der Ro­man­de­tek­ti­ve.

spaceholder khaki   Der erste von ihnen ist Dashiell Hammett (1884-1961), der als Vater der hard-boiled Detektive gilt, wie im Vor­wort bereits angesprochen wurde.

Hammett hatte acht Jahre für die Detekivagentur Pinkerton & Co. gearbeitet, bis er Ende der zwanziger Jahre diesen Job von einem Tag zum anderen aufgab und zu schreiben begann. Er erschuf in The Maltese Falcon – Der Malteser Falke (1930) Sam (Samuel) Spade.

spaceholder red   Samuel Spades Unterkiefer war lang und knochig. Sein Kinn sprang in schar­fer V-Form unter dem sanfter ge­schwungene V seines Mundes vor. Wo sich die Nasen­flügel, nach rückwärts zogen, bildeten sie ein weiteres, ein kleine­res V. Seine gelb-grauen Augen standen waagrecht. Die bu­schigen Brauen, die sich von der Doppelfalte über der Hakenna­se auswärts wölbten, nahmen noch ein mal das V-Motiv auf, und sein blaß-braunes Haar wuchs von den hohen, fla­chen Schläfen spitz in die Stirn. Auf eine eigentlich ganz nette Weise sah er aus wie ein blonder Teufel.

Er war über 1,80 m groß. Die steil abfallenden, gerunde­ten Schultern ließen seinen Körper beinahe kegelförmig er­scheinen – von vorn gesehen nicht breiter als von der Seite, und an ihnen lag es auch, daß sein frischgebügel­tes, grau­es Jackett nicht besonders gut saß.

Die übertriebene Eleganz früherer Detektive ist verloren­gegangen. Geblieben ist ein Mann, der sich durchzuset­zen versteht, notfalls mit Gewalt und auf ungesetzliche Weise.

Sam Spade ist ein Professional, er übernimmt jeden Job, der ihm angeboten wird, sofern er nicht gegen sein Ge­fühl von Gerechtigkeit verstößt. Er will na­türlich dafür bezahlt werden, und seine Geldforderungen sind manch­mal geradez­u unverschämt. In The Maltese Falcon ver­langt er von sei­ner Auftraggebe­rin, sie solle ihren gesam­ten Schmuck ver­setzen, um seine Arbeit zu bezah­len.

Im Vorwort zur Ausgabe 1934 schreibt Dashiell Hammett im Januar 1934:

spaceholder blue   Spade has no original. He is a dream man in the sense that he is what most of the private detectives I worked with would like to have been and in their cockier mo­ments thought they approached. For your private detec­tive does not – or did not ten years ago when he was my colleague – want to be an erudite solver of riddles in the Sherlock Hol­mes manner; he wants to be a hard and shif­ty fellow, able to take care of himself in any situation, able to get the best of anybody he comes in contact with, whether criminal, inno­cent by-stander or client.

spaceholder red   Spade hat kein Urbild. Er ist ein Traummann in dem Sinne, daß er das ist, was die meisten Privatdetektive, mit denen ich gearbeitet habe, gerne gewesen wären und in ih­ren großspurigeren Momenten dachten, sie wären nahe dran. Denn Ihr Privatdetektiv will nicht – oder wollte nicht vor zehn Jahren, als er mein Kollege war – ein gelehrter Rätsel­löser in Sherlock-Holmes-Manier sein; er will ein harter und verschlagener Kerl sein, der sich in jeder Situation um sich selbst kümmern kann, der in der Lage ist, das Beste aus jedem zu machen, mit dem er in Kontakt kommt, ob Krimi­neller, unschuldiger Zuschauer oder Klient.

Meist arbeitet Spade im Dunkeln, er tastet sich langsam von einem Detail zum nächsten vor und sammelt eine Men­ge von Punkten, Fakten und Ansichten, mit deren Hilfe er einen Verbrecher überführen kann – oder wenn der Täter wie häufig bereits von Anfang an bekannt ist, ihn aufspüren und stellen kann.

Wenn er aber im Laufe seiner Ermittlungen erfährt, daß sein Klient ihn betro­gen hat und im Unrecht ist, geht er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mit­teln gegen ihn vor. Seine unüberwindliche Pflichtauffassung verläßt Spade niemals. Sie geht so weit, daß er in The Maltese Falcon die Frau, die er wirk­lich liebt, der Polizei über­gibt, weil sie einen Mord begangen hat.

Dashiell Hammet wollte in seinen fast berichtartigen Sto­ries mehr als nur Ver­brechen schildern. Es ist sehr inter­essant, dazu einmal den kurzen Lebensüber­blick zu lesen, den Hammetts langjährige Gefährtin Lillian Hellman zur Einlei­tung des nach Hammetts Tode erschienenen Bandes The Big Knockover – Raubmord verfaßt hat. In ihm schreibt sie:

spaceholder red   Ich finde es ziemlich unwichtig, daß ich nicht weiß, ob Hammett Mitglied der kommunistischen Partei war; er war jedenfalls ganz bestimmt ein Marxist. Aber er war ein sehr kritischer Marxist und häufig voller Verachtung für die Sow­jetunion, aus der gleichen provinziellen Ver­achtung her­aus, mit der viele Amerikaner Ausländern ge­genüberstehen. Er äußerte sich oft witzig und beißend scharf über die ame­rikanische kommunistische Partei, aber schließ­lich verhielt er sich ihr gegenüber doch im­mer loyal. Bei einer Auseinan­dersetzung mit mir sagte er einmal, daß ihn am Kommunis­mus natürlich viel beunru­hige und immer beunruhigt hätte und daß er seine Über­zeugung ändern wür­de, sobald er et­was Besseres gefun­den habe.

Diese Aussage mag den verblüffen, der in Sam Spade einen geldgeilen Schläger sieht, wer Sam Spade als einen Privatdetektiv betrachtet, der einem Killer der Gangs nicht fern steht. Dashiell Hammett verkauft bestimmt kei­ne „of­fen faschistische Ideologie“, wie man einmal in ei­ner Buch­besprechung lesen konnte. Anderer­seits will er aber sicher auch keine kommunistische Ideologie an den Mann bringen, die ein einem Detektivroman verpackt wurde.

Er verbindet seine Stories mit einer scharfen Kritik an den sozialen Zuständen. Sam Spade lebt in einer verkom­menen Gesellschaft; eine Gesellschaft, der jegliche morali­sche Verantwortung abhanden gekommen ist. Sam Spade soll eine Mahnung an die Leser sein.

Aus diesem Grunde besitzt er dieselben Eigenschaften wie seine Gegner. Die Omnipotenz eines Sherlock Hol­mes hat er abgelegt, wenngleich immer noch vorgegeben ist, daß ein Detektiv in unserem Zeitalter fähig ist, als Einzelgäng­er al­les zu erkennen und auf alles einzuwir­ken. Dazu verläßt ihn niemals seine Pflichtauffassung, der Glauben an seine Ver­pflichtung dem Gesetz und Recht gegenüber.

spaceholder khaki   Raymond Chandler (1888-1959) ist der zweite aus dieser Gruppe von Schrift­stellern, dem Anerkennung gebührt. Nach eigenen Aussagen hatte er sich Ham­mett und dessen De­tektive zum Vorbild genommen. Bekannt wurde Chandler durch seinen Roman The Big Sleep – Der tiefe Schlaf (1939), dessen Held der Pri­vatdetektiv Philip Mar­lowe ist. Chandler veröffentlichte bedeutend mehr Sto­ries, in denen Marlowe die Hauptrolle spielt, als Ham­mett Geschichten mit Sam Spade. So wurde Marlowe po­pulärer.

spaceholder red   An der Rauhglas-Türscheibe steht mit abblätternder schwarzer Farbe: Philip Marlowe – Ermittlungen. Es ist eine ziemlich schäbige Tür am Ende eines ziem­lich schä­bigen Korridors in einem Gebäude von der Art, wie sie ungefähr in dem Jahr neu waren, als das gekachelte Ba­dezimmer zur Grundlage der Kultur wurde. Die Tür ist abgeschlossen, aber daneben ist noch eine Tür mit der­selben Aufschrift, die nicht abgeschlossen ist. Treten Sie nur näher es ist niemand weiter drin als ich und eine di­cke Brummfliege.

Marlow residert in Los Angeles; seine Arbeit führt ihn auch in das angrenzen­de Hollywood. Er bringt das, was die Amerikaner the feeling nennen, das Ge­fühl, die At­mosphäre von Los Angeles.

Chandler wurde als Quäker geboren. Er konnte sich dem Einfluß dieser Sekte niemals entziehen, wenn er ihren Auf­fassungen auch distanziert gegen­überstand.

Bier, Wein oder gar Branntwein ist für die Quäker eine Erfin­dung des Teufels. Die folgende Begebenheit zeigt Chandlers Einstel­lung dazu. Als er einmal mit einem Freund durch Hollywood ging, blieb er plötzlich stehen und meinte:

spaceholder red   „Biegen wir hier rechts ab. Da kommt ein Betrunkener. Wenn ich Betrunkene sehe, wird mir immer schlecht!“

Philip Marlowe entspricht in keiner Weise dem, was sich ein Quäker unter ei­nem guten Menschen verstellt.

spaceholder red   „Scotch? Oder sind Sie mehr für einen Cocktail zu ha­ben? Ich mixe einen ab­solut gräßlichen Martini,“ sagte sie. „Danke, Scotch ist schon recht.“

Marlowe trinkt, und er läßt es dabei nicht mit kleinen Men­gen bewenden; außerdem raucht er noch. Den jungen Da­men gegenüber zeigt er sich eben­falls nicht abgeneigt. Im übrigen ist sein Verhalten und seine Ausdrucksweise frech und unverschämt.

spaceholder red   „Sie könnten wenigstens reden wie ein Gentleman,“ sag­te sie.

„Da gehen Sie lieber mal zum Altherrenkub,“ antwortete ich ihr.

Gute Manieren hat Marlowe nicht. Warum sollte er auch? Er lebt nicht wie seine Detektiv-Vorgänger in einer bürgerli­chen Welt, er lebt in der Welt der Vorstäd­te, im Zwielicht, das Marlowe – so will es Chandler – charakte­risieren und kriti­sieren soll. Philip Marlowe bekämpt nicht konstruierte Morde, sondern er kämpfte gegen Ver­brechen, die alltäglich sind. Der Leser wird so gezwun­gen, sich mit die­sen Verbre­chen auseinander zu setzen. Ein Happyend gibt es nicht im­mer. Die gerechte Sache siegt zwar, aber Marlowe steht schließlich wieder allein, als einsamer Kämpfer für eine bes­sere Welt, wenn Marlowe auch, betrachtet man seine äu­ßere Gestalt, nicht unbedingt als Vertreter einer besseren Welt zu anzusehen ist.

Chandler glaubt an eine Welt ohne Betrug und Beste­chung; aus diesem Grunde glaubt es Marlowe auch und han­delt danach. Von der Polizei zur Rede gestellt, meint er in The High Window – Das hohe Fenster:

spaceholder red   „Ich sagte: Solange eure eigene Seele käuflich ist, be­kommt ihr meine Seele nicht zu kaufen.“

Trotzdem oder vielleicht deswegen war Marlowe sehr erfolgreich.

Auf Kritik an seinem Detektiv reagierte Chandler immer sehr heftig. Er selbst charakterisierte Marlowe in einem Brief im Oktober 1951 folgendermaßen:

spaceholder red   Wenn es geistige Unreife bedeutet, daß man gegen eine korrupte Gesell­schaft revoltiert, ist Philip Marlowe äu­ßerst unreif. Wenn Schmutz sehen, wo Schmutz ist, unzu­längliche Einordnung in die Gesellschaft bedeutet, dann hat sich Phi­lip Marlowe unzulänglich eingeordnet. Selbstverständlich ist Marlowe ein Versager, und er weiß es. Er ist ein Versa­ger, weil er überhaupt kein Geld hat. Ein Mann ohne jede physische Behinderung, der sich nicht ausreichend sein Brot verdienen kann, ist immer ein Versager und im allge­meinen ein moralischer Versa­ger. Aber eine Menge sehr gu­ter Menschen sind Versager gewesen, weil ihr speziellen Gaben nicht in ihre Zeit und in ihre Umwelt passten. Ich nehme an, auf lange Sicht ge­sehen, sind wir alle Versager, oder wir hätten nicht die Sorte Welt, die wir haben. Sie dür­fen aber nicht verges­sen, daß Marlowe kein richtiger, wirk­licher Mensch ist. Er ist ein Phantasiegeschöpf. Er befindet sich in einer schiefen Situation, weil ich ihn in sie hineinge­bracht habe. Im wirklichen Leben ist ein Privatdetektiv im allge­meinen ein ehemaliger Polizist mit einer Menge harter, praktischer Erfahrungen, der den Verstand einer Schild­kröte hat, oder ein schäbiger kleiner Schnüffler, der her­umläuft und ausfindig zu machen sucht, wohin Leute ver­zogen sind.

Knapp acht Jahre später starb Chandler in La Jolla.

spaceholder khaki   Als legitimen Nacholger von Philip Marlowe und Sam Spade kann man Lew Archer von Ross Macdonald (1915-1983; Pseudonym von Kenneth Millar) bezeichn­en. Lew Ar­cher lebt wie seine beiden Vorgänger in Kali­fornien, in Santa Teresa, Macdonalds Deckname für Santa Barbara, einer Hafenstadt in Südkali­fornien, nord­westlich von Los Angeles.

Macdonald hat den Stil und die Unge­zwungenheit von Hammett und Chandler über­nommen, hat jedoch den Problemkreis, der die Grundlage für diese Romane bildete, erweitert und auf seine Gegen­wart bezogen. Seine Themen sind besonders die zerbrochenen Fa­milie und die Suche nach dem verlorenen Vater; sie tauchen in vielen seiner Romane auf. Er gilt wie Hammett und Chandler als einer der füh­renden US-amerikanischen Romanschriftsteller.

Ross Macdonald bezeichnet Lew Archers Mission in die­sen Fällen folgender­maßen:

spaceholder red   Es war für die Neue Welt möglich, sich selbst hier zu schaffen. Das ist es, wor­über ich schreibe. Anstelle einer tra­ditionellen Struktur, die die Dinge zu­sammenhält, hat man hier jeden einzelnen Mann, der sein eigenes ethi­sches Gyro­skop hält. Die Technologie ist dabei, alle be­deutenden Be­ziehungen we­gzuwischen und sie durch den Apparat zu er­setzen. Wir müssen lernen, mit den Verlust dieser Beziehun­gen zu leben, und müssen dies ver­menschlichen. Jetzt, da wir erfolgreich zum Mond ge­langt sind, müssen wir die Krater auf der Erde erkunden.

Die Krater auf der Erde erkunden und sie zuschütten ist die Aufgabe Lew Ar­chers. Er soll nicht nur die fiktiven Mordfälle lösen, die in Santa Teresa und in der Umge­bung dieser Stadt geschehen, sondern auch den Leser in­direkt durch die Stories ansprechen und auf soziologische Miß­stände hinweisen und ihn zu einer Lösung in Macdo­nalds Sinne animieren.

Die erste und wichtigste Beschäftigung Archers innerhalb der Handlung seiner Bücher bleibt jedoch weiterhin, als Pri­vatdetektiv den Wünschen seiner Klien­tel zu entspre­chen und nach der „Wahrheit“ zu suchen. Diese beiden Dinge de­cken sich oftmals nicht, und es entsteht ein Kon­flikt zwi­schen den Pflichten ge­genüber dem Auftragge­ber, der Lew Archer ja schließlich bezahlt und ihm so­mit am Leben hält, und der Pflicht gegenüber dem Gesetz und dem allgemei­nen Recht. In einem solchen Falle be­müht sich Archer, beidem Genüge zu leis­ten und seinen Klienten dazu zu bewegen, sich seinem – Archers – Standpunkt anzuschließen.

spaceholder red   „... die meisten Polizisten haben ein öffentliches und ein privates Gewissen. Ich habe nur das private, armselig, aber mein.“

„Ich habe Sie also richtig beurteilt; Sie sind tatsächlich ein Gerechtigkeitsfanati­ker.“

„Ich weiß nicht, was Gerechtigkeit ist,“ sagte ich, „mich interessiert nur die Wahrheit – nicht die allgemeine Wahr­heit, falls es die gibt, sondern die Wahr­heit in ganz bestimmt­en Fällen. Wer was wann und warum getan hat. Vor allem das Warum. Ich frage mich beispielsweise, warum Sie wissen wollen, ob ich für Gerechtigkeit bin. Sie könnten da­mit indirekt zum Ausdruck bringen, daß ich meine Finger von dem Fall lassen soll.“

Auf dem Higway 101 die Pazifikküste auf und ab erledigt Lew Archer seine Auf­gaben und sucht dem Leser die Werte nahezubringen, die Macdonald für ein menschli­ches Zu­sammenleben für unerläßlich hält.

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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Einführung
Die Vorläufer
Edgar Allan Poe
Sherlock Holmes
Holmes’ Nachfolger
Hercule Poirot
Blick nach Amerika
Kommissar Maigret
„Hard-boiled“
Und in Europa?
„Sex and Crime”
Spionageromane
Epilog

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