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Peter de Chamier:
Der Detektiv in der Literatur • Ein Essay zum Eigengebrauch.

140 Seiten; €9,80 [DE]
© 2018 by Peter de Chamier and TRTF
Vertrieb: BoD Norderstedt, Deutschland.
ISBN 9-783-7528-2439-1

www.de-chamier.com

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Peter de Chamier: Der Detektiv in der Literatur • Kapitel 12

Spionageromane

"The profession of spy is highly unrewarding. It is neither romantic nor lucra­tive. Spies are rejects of society: they are either homosexuals or latent crimi­nals and are seldom governed by patriotism. Their motivation is either greed or discontent. Those spies that I have met are ugly, dyspeptic, myopic misfits, badly dressed and in strong need of deodorants. The few exceptions ..."
Jessica smiled. She said: "Kiss me, exception."

George Marton and Tibor Meray: Catch Me a Spy. 1969.


pionage- und Detektivromane, die, wie im Vorwort ange­sprochen, sich in ihrer Entwicklungsgeschichte unterschieden, sind heute größtenteils eins geworden, mit einem weiten Spektrum von „Hybriden“.

Spionageromane leben von Spionage und allen ihren Ne­benwirkungen. Sie sind wiederum in erster Linie eine bri­tische, in geringerem Maße – und später – auch eine US-amerikanische Literaturgattung.

Die herausragenden frühen Romane dieses Genres vor dem Zweiten Weltkrieg stammen von Erskine Childers (1870-1922) mit The Riddle of the Sands – Das Rätsel der Sandbank (1903), Joseph Conrad (1857-1925) The Secret Agent – Der Geheimagent (1907), John Buchan (1875-1940) mit seinen Richard Hannay Geschichten – die erste und bekannteste war The Thirty-Nine Steps – Die neunund­dreißig Stufen (1915), W. Somerset Maugham (1874-1965) mit Ashenden: Or the British Agent (1928) und Graham Greene (1904-1991), zum Beispiel mit A Gun for Sale – Das Attentat (1936) und The Confidential Agent – Jagd im Nebel (1939).

spaceholder khaki   Childers Buch beschrieb den Segeltörn zweier britischer Segler in der Ostsee und im deutschen Wattenmeer und den ostfriesischen Inseln. Sie finden heraus, daß die Deutschen Vorbereitungen treffen, um in aller Heimlichkeit deutsche Truppen über die Nordsee zu transportieren und die britische Ostküste zu überfallen. Es ist eine in einen Spionageroman eingewickelte Detektivgeschichte.

Im ersten Kapitel erhält Carruthers, der Erzähler, in London einen Brief aus Deutschland von seinem Freund Davies (erst das Original, dann die deutsche Übertragung):

spaceholder blue   Yacht ‘Dulcibella’– Flensburg, Schleswig-Holstein, 21st Sept.

Dear Carruthers,

I daresay you'll be surprised at hearing from me, as it’s ages since we met. It is more than likely, too, that what I'm going to suggest won‘t suit you, for I know nothing of your plans, and if you’re in town at all you’re proba­bly just getting into harness again and can’t get away. So I merely write on the offchance to ask if you would care to come out here and join me in a little yachting, and, I hope, duck shooting.

I know you're keen on shooting, and I sort of remem­ber that you have done some yacht­ing too, though I rather forget about that. This part of the Baltic – the Schleswig fiords – is a splendid cruising-ground – A1 scenery – and there ought to be plenty of duck about soon, if it gets cold enough. I came out here via Holland and the Frisian Islands, starting early in Au­gust. My pals have had to leave me, and I‘m badly in want of another, as I don’t want to lay up yet for a bit. I needn‘t say how glad I should be if you could come. If you can, send me a wire to the P.O. here.

... Bring some oilskins; … and if you paint bring your gear. I know you speak German like a native, and that will be a great help. Forgive this hail of directions, but I’ve a sort of feeling that I’m in luck and that you‘ll come.

Anyway, I hope you and the F.O. both flourish.

spaceholder red   Yacht 'Dulcibella' – Flensburg, Schleswig-Holstein, 21. September

Lieber Carruthers,

Du wirst überrascht sein, von mir zu hören, da wir uns schon lange nicht mehr gesehen haben. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß Dir, was ich vorschlage, nicht zusagt, denn ich kenne Deine Pläne nicht, und wenn du überhaupt in der Stadt bist, bist Du wahrscheinlich wieder im täglichen Trott und kannst ihm nicht entkommen. Also schreibe ich nur auf gut Glück, um dich zu fragen, ob du Lust hast, hierher­zu­kommen, um mit mir ein wenig zu segeln und, wie ich hoffe, Enten zu jagen.

Ich weiß, daß du gerne jagst, und ich erinnere mich irgendwie daran, daß du auch ein bißchen gesegelt bist, obwohl ich das lieber vergesse. Dieser Teil der Ostsee – die Schleswig-Holsteinischen Förden – ist ein herrliches Revier – 1A Landschaft – und es sollte bald genug Enten geben, wenn es kalt genug wird. Ich bin Anfang August los und über Holland und die friesischen Inseln hier­her­ge­kom­men. Meine Kumpel mußten wieder abreisen, und ich brauche dringend jemand anderen, weil ich das Schiff noch nicht für den Winter auflegen möchte. Ich muß Dir nicht sagen, wie froh ich wäre, wenn du kommen könntest. Wenn du kannst, schicke mir ein Telegramm an das hiesige Postamt.

... Bring Dein Ölzeug ...; und wenn du malst, bring Deine Ausrüstung. Ich weiß, daß du deutsch wie ein Einheimischer sprichst, und das wird eine große Hilfe sein. Verzeih mir diesen Hagel an Instruktionen, aber ich habe das Gefühl, daß ich Glück habe und daß du kommst.

Wie auch immer, ich hoffe, daß Du und das Außenministerium florieren.

Carruthers kommt und findet heraus, das ihm sein Freund einige seiner Ideen und Gedankengänge nicht mitgeteilt hat.

spaceholder khaki   In der Folgezeit wird der Spionageroman ein Vehikel, um Fragen über Politik und Gesellschaft zu stellen, die sich im Detektivroman nicht oder noch nicht ausdrücken ließen.

Childers und Buchan waren etwas schwerfällige Autoren, die zudem noch ihre eigenen politischen Ideen verkaufen wollten, während Maugham and Greene Schriftsteller von Rang und exquisite Erzähler waren. Maugham brach in seinen Geschichten um den britischen Agenten Ashenden die Regel, daß der Agent der Held einer Spionageerzählung sein muß. Danach waren die Protagonisten austauschbar, sowohl Jäger als auch Gejagte, und der Bösewicht manchmal eine Art erbärmlicher, aber dennoch ein Held.

spaceholder khaki   In seinen sechs bis zum Zweiten Weltkrieg veröffentlichten Romanen brachte Eric Ambler (1909-1998) durch die bei­läufige Sachlichkeit seiner Erzählweise einen Hauch von Realismus in den Spionageroman. The Mask of Dimitrios – Die Maske des Dimitrios (auch: A Coffin for Dimi­trios; 1939) ist sein frühes literarisches Meisterwerk. Einem brei­ten Publikum wurde sein Roman The Light of Day – Topka­pi (1962) bekannt – weniger in der Buchversion, sondern mehr in sei­ner Verfilmung unter dem Titel Topkapi.

Seine Spiona­geromane aus der Vorkriegs- und der frühen Nachkriegszeit beschreiben das un­stabile und auseinanderbrechende Europa dieser Jahre. Sei­ne Gestalten sind oft halt- und wurzellos Kräften ausgelie­fert, die sie nicht beeinflussen können und die sie nicht verstehen.

In vielen von Amblers Romanen ist die Hauptperson eine – mehr oder minder – unschuldige Figur, die in Ereignisse verwickelt wird, die sie nicht zu verantworten hat. Sie fin­den sich plötzlich umgeben von Menschen, die im Namen eines riesigen Unternehmens oder einer politischen Bewe­gung agieren – Kraken mit Fangarmen, aus denen sie sich zu befreien versuchen.

Seine Protagonisten sind keine professionellen Geheimdienstagenten, sondern dilettantische Antihelden, die es dennoch vollbringen, ihre Gegner zu überlisten und ihnen zu entkommen. Arthur Simpson ist ein gutes Beispiel; er taucht wie eine Reihe von Amblers Figuren in mehreren Romanen auf – hier ist er in Athen (erst das engli­sche Original – The Light of Day – dann eine deutsche Übertragung):

spaceholder blue   It came down to this: If I has not been arrested by the Turkish police, I would have been arrested by the Greek police. I had no choice but to do as this man Harper told me. He was entirely responsible for what happened to me.

I thought he was an American. He looked like an American – tall, with the loose, light suit, the narrow tie and button-down collar, the smooth, old-young, young-old face and the crew cut. He spoke like an American, too; or at least like a German who has lived in America for a long time.

Of course, I now know that he is not an American, but he certainly gave that impression. His luggage, for instance, was definitely American: plastic leather and imi­tation gold locks. I know American luggage when I see it. I didn't see his passport.

He arrived at the Athens airport on a plane from Vi­enna. He could have come from New York or London or Frankfurt or Moscow and arrived by that plane – or just from Vienna. It was impossible to tell. There were no ho­tel labels on the luggage. I just assumed that he came from New York. It was a mistake anyone might have made.

This will not do. 1 can already hear myself protesting too much, as if I had something to be ashamed of; but I am simply trying to explain what happened, to be com­pletely frank and open.

I really did not suspect that he was not what he seemed. Naturally, I approached him at the airport. The car-hire business is only a temporary sideline with me, of course – I am a journalist by profession – but Nicki had been complaining about needing more new clothes, and the rent was due on the flat that week. I needed money; and this man looked as if he had some. Is it a crime to earn money?

spaceholder red   Es läuft hierauf hinaus: Wenn mich die türkische Polizei nicht verhaftet hätte, so hätte es die griechische getan. Ich hatte keine Wahl, ich mußte tun, was dieser Typ Harper mir befahl. Er war schuld an allem, was mir später zustieß.

Ich hielt ihn für einen Amerikaner. Er sah aus wie einer – groß, in einem weiten, leichten Anzug, schmale Krawatte, Hemdkragen festgeknöpft, Bürstenhaarschnitt und das glatte, alterslose Gesicht. Er sprach auch wie ein Amerikaner, oder doch wie ein Deutscher, der lange in den Staaten gelebt hat. Jetzt weiß ich, daß er kein Amerikaner ist, aber damals machte er auf mich den Eindruck. Sein Gepäck zum Beispiel: Kunstlederkoffer mit imitierten Goldschlössern. Das typische Gepäck eines reisenden Amerikaners. Seinen Reisepaß sah ich nicht.

Er landete auf dem Athener Flughafen mit einer Maschine aus Wien. Er konnte aus New York, London, Frankfurt oder Moskau kommen und mit dieser Maschine landen – oder direkt aus Wien. Das genau zu wissen war unmöglich. Es waren keinerlei Hotelzettel am Gepäck. Ich nahm eben an, daß er aus New York kam. Ein Fehler, der jedem hätte passieren können.

Ich merke, ich entschuldige mich. Als ob ich mich dieser Sache schämen müßte; aber ich versuche lediglich zu erklären, was geschah, offen und ehrlich.

Ich ahnte wirklich nicht, daß er nicht der war, der er zu sein schien. Ich machte mich am Flughafen an ihn heran. Ich vermiete meinen Wagen eigentlich nur, um mir nebenbei etwas zu verdienen. Von Beruf bin ich Journalist. Aber Nicki redete dauernd von neuen Kleidern, und außerdem war die Miete für die Wohnung in dieser Woche fällig. Ich brauchte Geld. Und dieser Mann sah so aus, als hätte er welches. Ist Geldverdienen ein Verbrechen?

Arthur Simpson lügt (ein wenig) und gibt schließlich zu:

spaceholder red   „Ich bin in meinem ganzen Leben nur zehn- bis zwölfmal wirklich verhaftet worden.“

Er ist kein echter Held, aber ein liebenswerter Halbheld dieses Buches.

spaceholder khaki   In den Vorkriegsromanen bleibt die politische Seite im Hintergrund, ist aber deutlich vorhanden und ein Hauptdiskussionsthema der Romanfiguren.

Nach dem Krieg, in den fünfziger und sechziger Jahren, hatte sich das Welttheater geändert, es war jetzt meistens West gegen Ost oder Ost gegen West. Ein Großteil der Spionageromane spielte auf diesem Agentenniveau, aber Ambler zeigte sich auch hier als Meister des Romanentwurfs und seiner Gestaltung.

Der Enthusiasmus und die insgeheim großen Erwartungen, die in den Büchern der dreißiger Jahre zu finden sind, weichen einem leichten, resignierten, teilweise amüsanten Weltschmerz.

Das Folgende ist eine kurze Szene aus The Intercom Conspiracy – Das Intercom-Komplott (1970), die die atmosphärische Dichte gut fühlen läßt, die Ambler oft erreichte:

spaceholder red   Der von Evian am französischen Seeufer kommende Dampfer hatte in Territet angelegt und nahm nun Kurs auf den Landungssteg, auf dem Oberst Jost wartete.

Jost sah aufs Wasser hinab. Ein kühler Wind strich über den See; Wellen spülten über das Ufergeröll. Aber das interessierte Jost nicht im geringsten. Er stammte aus einem Land, dessen Küsten von den Stürmen der Nordsee zerzaust wurden, und diese Wellen erinnerten ihn höchstens an Badewannengeplätscher. Und dennoch wandte er seinen Blick nicht von ihnen ab. Es war besser, als dem herannahenden Dampfer erwartungsvoll entgegen zu sehen, besser auch, als die anderen Wartenden auf dem Landungssteg zu beobachten.

Fünf waren es: zwei Frauen mit prallen Einkaufsnetzen, ein etwas verwahrloster Mann mit einer Plastikmappe unter dem Arm und ein deutsches Touristenpaar. Harmlose Leute wahrscheinlich, überlegte er, aber sicher konnte man da nie sein. Und wenn man so tat, als beachte man die anderen nicht, war auch die Gefahr nicht so groß, daß sie von einem Notiz nahmen und sich später daran erinnerten. Er schaute also auf die Wellen, bis der Dampfer am Steg anlegte.

Die Schaufelräder wirbelten Schaum auf, die Leinen wurden festgemacht, die Laufplanke herüber geschoben. Vier Passagiere verließen das Schiff, die Wartenden gingen an Bord. Jost, der ihnen als letzter gefolgt war, sah seinen Freund Brand fast sofort.

Er saß im Salon an einem der Steuerbordfenster. Keiner der beiden Männer gab ein Zeichen des Erkennens. Jost kletterte die Kajütentreppe hinauf, schlug im Gehen seinen Pelzkragen hoch und nahm auf dem Oberdeck Platz.

spaceholder khaki   Der veränderte Stil und Konzept der Spionageromane nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt sich auch bei Graham Greene. Der eigentliche Polit-Thriller entstand in den frü­hen Tagen des Kalten Krieges. Graham Greenes The Quiet American – Der stille Amerikaner (1955) erzählt von den amerikanischen Verwicklungen in Vietnam während des Ersten Indochina-Krieges. Sein letztes Spionagebuch war die sehr unterhaltsame Geschichte von Mr. Wormold, der ein Staubsaugergeschäft betreibt: Our Man in Havana – Unser Mann in Havanna (1958).

Greene beschrieb und nannte seine Polit-Thriller „entertainments“, Unterhaltungen – die jedoch einen gebildeten und literarischen Hintergrund haben und sich damit mit seinen übrigen Werken überlappen.

Ähnlich, doch anders, realistischer im Stil sind die Spiona­geromane Len Deightons (1929-) und John le Carrés (1931-).

spaceholder khaki   Len Deighton schaffte seinen literarischen Durchbruch mit dem Roman The Ipcress File – Ipcress, streng geheim (1962). Seine ersten fünf Romane zeichnen einen zynischen, namenlosen Agenten eines britischen Geheimdienstes, etwa 40 Jahre alt. Die Atmosphäre, die er schilderte, war nüchtern und sachlich. Viele der Politiker, Beamten und Angestellten des Geheimdienstes waren offen käuflich, feige oder dumm, und die bürokratischen Komplikationen und Rivalitäten zwischen den Abteilungen des Geheimdienstes hatten einen starken Anflug von schwarzem Humor.

Weitere Spionageromane waren Spy Story (1974) und Trilogien mit dem britischen Geheimagenten Bernard Samson – Spy Hook (1988), Spy Line (1989), Spy Sinker (1990) und Faith (1994), Hope (1995) und Charity (1996).

Einer der besten spy thrillers von Deighton war City of Gold (1992).

Im Januar 1942 bedroht Rommels scheinbar unbesiegbares Afrika-Korps Kairo, und Rommel hat einen Spion in der Stadt, eine Quelle, die so gut informiert ist, daß die Deutschen jede Bewegung der alliierten Truppen in Nordafrika im voraus kennen. Der britische Geheimdienst in Kairo, angeführt von Major Albert Cutler, muß ihn finden.

Die Frage ist, ob man Cutler unbesehen glauben kann. Vielleicht ist sein Name Ross und nicht Cutler.

Aus dem ersten Kapitel:

spaceholder blue   Slowly and carefully Cutler swung his legs around so he could put his feet back on the floor again. He leaned for­ward and sighed. He seemed to feel a bit better. But Ross could see that having bared his heart to a stranger, Cutler now regretted it.

“So why did they send for you?" said Ross.

“You know what the army’s like. I’m a detective; that’s all they know. For the top brass, detectives are like gun­ners or bakers or sheet-metal workers. One is much like the other. They don’t understand that investigation is an art."

“Yes. In the army, you’re just a number," said Ross.

“They think finding spies is like finding thieves or finding lost wallets. lt’s no good trying to tell them dif­ferent. These army people think they know it all.” ...

“What did you do before the war?"

“I was in the theater.”

“Actor?”

“I wanted to be an actor. But I settled for stage manag­ing. Before that I was a clerk in a solicitor’s office.”

“An actor. Everyone’s an actor, I can tell you that from personal experience," said Cutler. He suddenly grimaced again and rubbed his arms, as if at a sudden pain ...

Jimmy Ross sat there watching him. Was it a heart at­tack? He didn’t know what to do. There was no one to whom he could go for assistance; they had kept apart from the other passengers.

“Shall I pull the emergency cord?” Cutler didn't seem to hear him. Ross looked up, but there was no emergency cord. Cut1er’s eyes had opened very wide. …

“I need a doctor. ...”

Ross stood up to lean over him.

“AwwwwP’

Hands still cuffed together, Ross reached out to him. By that time it was too late. The policeman toppled slightly, his forehead banged against the woodwork with a sharp crack, and then his head settled back against the window. His eyes were staring, and his face was colored green by the light coming through the linen blind.

Ross held him by the sleeve and stopped him from falling over completely. Hands still cuffed, he touched Cutler‘s forehead. It was cold and clammy, the way they always described it in detective stories. Cutler’s eyes re­mained wide open. The dead man looked very old and small.

spaceholder khaki   John le Carré wurde bekannt mit The Spy Who Came in from the Cold – Der Spion, der aus der Kälte kam (1963). Bis zum Fall der Berliner Mauer sind seine Romane, wie viele von Len Deighton, vom Kalten Krieg geprägt. Einige seiner Bücher haben deutsche Themen und Handlungen und benutzen die Welt und die Menschen verwickelt in Spionage als Symbol für die Korruption der Gesell­schaft. Sein Stil und seine Sprache sind nicht immer leicht zu lesen, das Handlungsgefüge ist vielschichtig und verschlungen.

Die meisten Romane von le Carré sind Spionagegeschichten, in denen Agenten des britischen Geheimdienste MI6 – von Le Carré in „Circus“ umbenannt – als typische, rückgratlose Beamte agieren. Sie wissen um ihre moralisch verbogenen Charaktere. Die Bücher von le Carré unterstreichen die Fehlbarkeit der westlichen Demokratien und der sie angeblich schützenden Geheimdienste, was sie rasch auf die gleiche Stufe der kommunistischen Diktaturen stellen kann.

Für diese Bücher schuf le Carré den übergewichtigen, bebrillten Geheimdienstfunktionär George Smiley, der in mehreren Romanen eine zentrale oder zumindest eine Nebenrolle spielt, als Antidot gegen Ian Flemings James Bond, den le Carré als „internationalen Gangster“ und nicht als Spion bezeichnete. Zu den Spionageromanen, in den George Smiley auftritt, gehören: Call for the Dead (1961), A Murder of Quality (1962), The Spy Who Came in from the Cold (1963), The Looking Glass War (1965), Tinker Tailor Soldier Spy (1974), The Honourable Schoolboy (1977), und Smiley's People (1979).

spaceholder khaki   Das Folgende ist eine Szene Anfang der sechziger Jahre in (Ost-) Berlin am Schluß von The Spy who Came in from the Cold:

spaceholder blue   They walked quickly, Learnas glancing over his shoulder from time to time to make sure she was following. As he reached the end of the alley he stopped, drew into the shadow of a doorway and looked at his watch.

“Two minutes,“ he whispered.

She said nothing. She was staring straight ahead to­ward the wall. and the black ruins rising behind it.

“Two minutes,“ Learnas repeated.

Before them was a strip of thirty yards. It followed the wall in both directions. Perhaps seventy yards to their right was a watchtower; the beam of its search-light played along the strip ... The thin rain hung in the air, so that the light from the arc lamps was sallow and chalky, screening the world beyond. There was no one to be seen; not a sound. An empty stage.

The watchtower's searchlight began feeling its way along the wall toward them, hesitant; each time it rested they could see the separate bricks and the careless lines of mortar hastily put on. As they watched the beam stopped immedi­ately in front of them. Leamas looked at his watch.

“Ready?" he asked.

She nodded.

Taking her arm he began walking deliberately across the strip. Liz wanted to run but he held her so tightly that she could not. They were halfway toward the wall now, the bril­liant semicircle of light drawing them forward, the beam di­rectly above them. Leamas was determined to keep Liz very close to him, as if he were afraid that Mundt would not keep his word and somehow snatch her away at the last moment ...

They were almost at the wall when the beam darted to the north, leaving them momentarily in total darkness. Still holding Liz’s arm, Leamas guided her forward blindly, his left hand reaching ahead of him until sud­denly he felt the coarse, sharp contact of the cinder brick. Now he could dis­cern the wall and, looking upward, the triple strand of wire and the cruel hooks which held it. Metal wedges, like climbers’ pitons, had been driven into the brick. Seizing the highest one, Leamas pulled himself quickly upward until he had reached the top of the wall. He tugged sharply at the lower strand of wire and it came toward him, already cut.

“Come on," he whispered urgently, “start climbing.”

Laying himself flat he reached down, grasped her out­stretched hand and began drawing her slowly upward as her foot found the first metal rung.

Suddenly the whole world seemed to break into flame; from everywhere, from above and beside them, massive lights converged, bursting upon them with savage accu­racy.

Learnas was blinded.

An einem Schauplatz in der Nähe, ebenfalls in Berlin-Mitte, beschreibt ein anderer Autor die Vorbereitung einer Aktion seines Helden auf der Westseite der Sektorengrenze kurz vor dem Bau der Berliner Mauer:

spaceholder blue   The ugly six-storey building at the corner of Kochstrasse and the Wilhelmstrasse was the only one standing in a waste of empty bombed space. Bond paid off his taxi and got a brief impression of waist-high weeds and half-ti­died rubble walls stretching away to a big deserted cross­roads lit by a central cluster of yellowish arc lamps, be­fore he pushed the bell for the fourth floor and at once heard the click of the door opener. The door closed itself behind him and he walked over the uncarpeted cement floor to the old-fashioned lift. The smell of cabbage, cheap cigar smoke and stale sweat reminded him of other apartment houses in Germany and Central Europe. Even the sigh and faint squeal of the slow lift were part of a hundred assignments when he had been fired off by M, like a projectile, at some distant target where a prob­lem waited for his coming, waited to be solved by him. At least this time the reception committee was on his side. This time there was nothing to fear at the top of the stairs. ...

The flat consisted of a large double bedroom, a bath­room, and a kitchen containing tinned food, milk, butter, eggs, tea, bacon, bread and one bottle of Dimple Haig. The only odd feature in the bedroom was that one of the double beds was angled up against the curtains covering the single broad window and was piled high with three mattresses below the bedclothes.

Captain Sender said, “Care to have a look at the field of fire? Then I can explain what the other side have in mind.”

Bond was tired. He didn’t particularly want to go to sleep with the picture of the battlefield on his mind. He said, ”That’d be fine ...”

It was a sash window and the bottom half was open. The mattress, by design, gave only a little and James Bond found himself more or less in the firing position ... staring across broken, thickly weeded bombed ground towards the bright river of the Zimmerstrasse – the border with East Berlin. It looked about a hundred and fifty yards away. Captain Sender’s voice from above him and be­hind the curtain began reciting. It reminded Bond of a spiritualist séance.

“That’s bombed ground in front of you. Plenty of cover. A hundred and thirty yards of it up to the frontier. Then the frontier – the street – and then a big stretch of more bombed ground on the enemy side. That’s why 272 chose this route. It’s one of the few places in the town which is broken land — thick weeds, ruined walls, cellars – on both sides of the frontier. He will sneak through that mess on the other side and make a dash across the Zimmerstrasse for the mess on our side. Trou­ble is, he’ll have thirty yards of brightly lit frontier to sprint across. That’ll be the killing ground. Right?”

Bond said, “Yes.” He said it softly. The scent of the en­emy, the need to take care, already had him by the nerves.

“To your left, that big new ten-story block is the Haus der Ministerien, the chief brain-center of East Berlin ...”

Bond got the general picture ... the picture of a flicker of movement among the shadowy ruins on the other side of the gleaming river of light, a pause, then the wild zigzagging sprint of a man in the full glare of the arcs, the crash of gunfire and either a crumpled, sprawling heap in the middle of the wide street or the noise of his onward dash through the weeds and rubble of the West­ern Sector – sudden death or a home run. The true gauntlet! How much time would Bond have to spot the Russian sniper in one of those dark windows? And kill him? Five seconds? Ten? …

(Aus: Ian Fleming. The Living Daylights. 1962)

James Bond ist das Produkt von Ian Lancaster Fleming (1908-1964), eine jüngere und verfeinerte Ausgabe von Mike Hammer und Bulldog Drummond, einer Gestalt erdacht von dem unter dem Pseudonym „Sapper“ schreibenden Autor Herman Cyril McNeile (1888–1937). Drummond ist ein Kriegsveteran, brutalisiert durch seine Erfahrungen in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Er sucht durch Zeitungsannoncen nach Abenteuern und vollbringt eine Reihe von „Heldentaten“ zum Wohl des britischen Empires. Die Bücher sind plump gestrickte Groschenromane.

spaceholder khaki   Bond ist – ge­nauer betrachtet – le­diglich ein vom britischen Geheim­dienst angestellter lizensierter Killer. Wie bei Mike Hammer und bei Bulldog Drummond gewährt der Leser Bond jedoch Rückhalt bei seinen Taten und Morden, denn 007 tötet nur (böse, nicht-britische) Gegner des Systems – meistens sind es Angehörige von Smersch, ei­ner sowjetrus­sischen Spionageabwehrorganisati­on.

In Casino Royale, dem ersten Buch Iam Flemings, das er im Jahre 1953 ver­öffentlichte, ist James Bond 35 Jahre alt; er ist 1,83 m gross, wiegt 76 Kilo­gramm. Er ist schlank, durchtrainiert, anscheinend auch geistreich – er be­sitzt also alle Merkmale eines bewunderungswürdigen, an­ziehenden Mannes. Er hat allerdings den minderwertigen Charakter eines neureichen Engländers, der sich auf einer relativ ho­hen gesellschaftlichen Ebene bewegt, ohne jedoch dazu­zu­gehören.

Die Bond-Romane gehören zu den bestverkauften Actionromanen der Welt. Sie sprechen die Leser an, sie faszinieren sie. Mehr noch als Sherlock Holmes stellt Bond für viele seiner Anhänger ein Idol dar. So kam es auch, daß begeis­terte Bond-Fanatiker versuchten, wie ihr Vorbild zu leben. Doch dies erwies sich als unmöglich, denn Bonds Lebens­weise ist vollkommen gesellschaftsfeindlich.

Eine große Anzahlt von Zeitkritikern und Moralisten ha­ben sich zu und gegen Bond geäußert. So nahm auch die Heils­armee gegen ihn Stellung. Ihr Oberleutnant, Bernard Watson, zieht in einem Artikel der Zeit­schrift The War Cry folgende Quintessenz:

James Bond ist nicht einmal unmoralisch, er ist amora­lisch: ethische Prinzipi­en sind bei ihm völlig abwesend.

Umberto Eco findet zumindest an Flemings Schreibstil etwas Positives.

spaceholder red   Fleming „schreibt gut,“ im banalsten und ehrenhaftesten Sinne des Wortes. Er hat Rhythmus, Sauberkeit, einen gewissen sinnlichen Geschmack am Wort. Das soll nicht heißen, daß Fleming ein Künstler ist, aber er schreibt kunstvoll.

Sean Connery, der Mann, der 007 in Filmen verkörperte, äußerte sich abschließend über James Bond:

spaceholder red   Bond geht mir auf die Nerven, er ist mir unsympathisch. Wenn es nach mir ginge, ließe ich ihn an Rheumatismus er­kranken und in der nächsten Episode von ein paar Mäd­chen beseitigen. Er ist wenig menschlich, er ist wirklicher Gedank­en und Gefühle unfähig. Wenn ich mich auf der Leinwand in der Rolle Bonds sehe, muß ich lachen, und ich hoffe aus ganzem Herzen, daß es einen Typ wie ihn nicht geben möge. Seien wir ehrlich, im Grunde haben die von der Heilsarmee nicht völlig unrecht: aus meinen Filmen ist we­nig zu lernen, dafür können sie manchem dummen Jungen den Kopf verdrehen. Ich sehe es aus den Briefen, die ich be­komme: tausende, und alle in exaltier­tem Ton. Vor allem die Briefe der Frauen sind von uner­träglicher Schamlosigkeit und Frechheit. Natürlich schreiben die Leute nicht an mich, sondern an Bond. Sie sprechen mich an, als sei ich Bond, sie verlieben sich in mich, weil ich Bond bin; sie bit­ten mich sogar, spezielle Probleme zu lösen. Ein Pariser Geschäfts­mann zum Bei­spiel hat mir in einem Brief erklärt, er sei die Zielscheibe von Einmischung und Behinderung von seiten einiger konkurrierender Firmen; ich solle für ihn eingrei­fen. Er war auch bereit, mich sehr gut zu bezahlen.

Gibt es etwas Besseres als Flemings Bond? Das ist eine Geschmacksfrage: De gustibus non est disputandum.

spaceholder khaki   Sein weibliches Gegenstück wurde Modesty Blaise; Peter O'Donnell (1920-2010) schrieb dreizehn Bücher mit seiner Heldin und ihrem „Watson“ Willie Garvin. Ihre Welt ist vielleicht noch unwirklicher als die von James Bond.

spaceholder khaki   Swinging London's Super Spy verwurzelt in der Subkultur der sechziger und frühen siebziger Jahre war Adam Diments (1943-) Philip McAlpine. Die vier Romane The Dolly Dolly Spy (1967), The Great Spy Race (1968), The Bang Bang Birds (1968) und Think, Inc. (1971) wurden auch ins Deutsche übersetzt. Ein Literaturkritiker beschrieb Philip McAlpine als als Agenten, der Haschisch raucht, ein sehr aktives Sexualleben führt, schwungvoll tötet, den neuesten Londoner Slang benutzt (oder sogar prägt) und immer noch ein vollkommen echter (und sogar auf seltsame Weise liebenswerter) junger Mann ist, anstatt ein Bond-Abziehbild.

Exzellente, packende Spionageromane oder Politthriller lassen sich nicht oft, aber doch immer wieder einmal finden – nicht unter den Flughafenshop-Büchern in den Abflughallen, eher in richtigen Buchhandlungen.

Zwei Beispiele sind die Autoren Francis Clifford (1917-1975) und Gavin Black (1913-1998).

spaceholder khaki   Von den späten 1950er Jahren bis zu seinem Tod 1975 schrieb Francis Clifford achtzehn Spionagethriller, darunter The Hunting-Ground (1964), The Naked Runner (1966), All Men Are Lonely Now (1967) und The Blind Side (1971). Er hatte ein Gespür für die Darstellung der Charaktere seiner oftmals verfolgten und gequälten Helden, mit denen der Leser zutiefst sympathisiert. Die Spannung in den Büchern ist sorgfältig kalkuliert, Szenen sind mit einer Intensität gemalt, so daß man sie nicht so schnell vergißt.

Manchmal kann sich der Leser nicht zwischen richtig und falsch entscheiden; alle Spieler scheinen irgendwie mitschuldig. Clifford war „der Ian Fleming eines denkenden Mannes“, wie ihn eine britische Zeitung beschrieb.

Er verbindet das Tempo und die Straffheit, die für den Thriller wichtig sind, mit vielen der Einsichten und literarischen Feinheiten, die Literaturkritiker sonst nur bei „ernsthaften“ Autoren suchen.

spaceholder khaki   Gavin Black wurde 1913 in Japan geboren. Sein Vater war ein Baptistenmissionar aus Perth in Schottland. Dank des Status seines Vaters im Land hatte er doppelte Staatsbürgerschaften. Während des Zweiten Weltkriegs kämpfte er – wie Clifford – in der britischen Armee an der süostasiatischen Front und wurde 1941 im malaiischen Dschungel von den Japanern gefangen genommen und auf Japans nördliche Insel Hokkaido transportiert, wo er im Bergwerk arbeiten mußte. Er konnte mit den Lageroffizieren und Wachen fließend auf Japanisch kommunizieren, und es gelang ihm, mit seinen sprachlichen Fähigkeiten nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitgefangenen im Lager zu retten.

Nach dem Krieg begann er zu schreiben und wurde mit Polit-Thrillern erfolgreich. Seine Bücher ähneln den „entertainments“ von Graham Greene.

Ihr Protagonist ist Paul Harris, ein Geschäftsmann mit schottischem Hintergrund, der seinen Lebensunterhalt mit einer Reederei und einem Schiffsmotorenwerk im Fernen Osten verdient und später die malaysische Staatsbürgerschaft annimmt. Die Handlungsorte liegen mit wenigen Ausnahmen in Malaysia, China, Indonesien, Japan, Singapur und Hongkong.

Zwischen 1961 und 1991 schrieb Black fünfzehn Paul-Harris-Romane, von denen einige auch ins Deutsche übersetzt wurden.

Zum Kennenlernen folgt hier der Beginn des Romanes A Dragon for Christmas – Ein Drachen zum Fest (1963). Paul Harris ist mit dem Schiff aus Japan auf dem Wege nach China. Er will dort Schiffsmotoren verkaufen – und anderes (erst das engli­sche Original, dann eine deutsche Übertragung):

spaceholder blue   I went out on deck to look at the New China. It looked very much like the old China to me, the same few bare winter trees which had escaped being chopped up for firewood, and the same yellow soil where the snow let it show. The houses were yellow and so was the water in the river. The dogs were yellow, too, running along the banks yapping at us, the same as they used to. A new or­der can't do much about changing dogs.

The ship was moving up the Pei-Ho river, which twists across flat land for twenty miles from the Yellow Sea to Tientsin. It was certainly cold out on deck. The cold came from Manchuria and the terrible desolations of desert beyond it, from mountains scraped bare of trees by a million years of winds blowing. The cold bit at me, but with a kick to it, a little like the cold in New York, only harder. I could feel it getting through the layers of wool to my body in which circulated tropic-thinned blood. And I kept my breathing to the upper half of my lungs, not to let that cold really get inside.

“China closes about us," said a voice at my elbow.

I turned to Mr. Kishimura. He was a Japanese business man, like me no longer bright with youth, but with a face better polished up to cover this. Everything about Mr. Kishimura was polished. His glasses shone. So did his teeth.

“What are you selling them?" I asked.

I'd had four days from Kobe in which to ask this ques­tion, but hadn't, even one evening when we played Japa­nese chess in the saloon.

Mr. Kishimura wasn't coy about his career.

“Shoeses,” he said simply. “Boots, also."

He smiled out at China.

“I am Okura Shoten Trading Company, Mr. Harris.”

“With seven hundred million people waiting here for your shoes?”

“We hope, indeed."

“Have you been over before?"

“My first visit in some years."

“So you're after new business?"

“Not exactly. Mr. Obata; he come to China for my company. He meets misfortune, maybe.”

“How?”

“Perhaps throat slitted.”

“I beg your pardon?"

“Mr. Obata not come back home. I find ... maybe.”

spaceholder red   Ich trat hinaus auf Deck, um einen Blick auf das Neue China zu werfen. Für mich sah es fast genauso aus wie das alte China, die gleichen winterlich kahlen Bäume, die das Glück gehabt hatten, nicht zu Brennholz gemacht wor­den zu sein, und, wo kein Schnee lag, die gleiche gelbe Erde. Die Häuser waren gelb, genauso wie das Fluß­wasser. Auch die Hunde waren gelb, die kläffend am Ufer neben uns her rannten, so wie sie es schon immer getan hatten. Ein neues Regime hat keinen Einfluß auf Hunde.

Das Schiff fuhr den Pei-Ho hinauf, der sich etwa drei­ßig Kilometer vom Gelben Meer bis hinauf nach Tientsin durch flaches Land windet. Auf Deck war es kalt. Die Kälte kam aus der Mandschurei und aus der grauenhaften Trostlosigkeit der Wüste dahinter, von Bergen, deren Baumbestand in Millionen von Jahren vom Wind abra­siert worden war. Die Kälte biß mir ins Gesicht, mit Nachdruck, ähnlich wie die Kälte in New York, nur noch schärfer. Ich spürte, wie sie durch alle Wollschichten meiner Kleidung bis an meinen Körper drang, in dem tropenverdünntes Blut zirkulierte. Und ich atmete nur mit den Lungenspitzen, um zu verhindern, daß diese Kälte noch weiter nach innen drang.

„China immer näher“, sagte eine Stimme neben mir.

Ich wandte mich Herrn Kishimura zu. Er war ein japa­nischer Geschäftsrnann, genau wie ich nicht mehr jugendlich strahlend, was sein glattes Gesicht aber sehr viel besser verbarg. Alles an Herrn Kishimura war glatt. Seine Brille funkelte und sein Zähne.

„Was verkaufen Sie Ihnen denn?“ fragte ich.

Seit Kobe hatte ich vier Tage Zeit gehabt, diese Frage zu stellen, hatte es aber nicht getan, selbst an dem Abend nicht, als wir im Salon saßen und japanisches Schach spielten. Herr Kishimura reagierte nicht verlegen auf meine Frage nach seiner Tätigkeit.

„Schuhs“, sagte er bloß, „und Stiefels.“

Er lächelte in Richtung China.

„Ich bin Handelsgesellschaft Okura Shoten, Herr Har­ris.“

„Und siebenhundert Millionen Menschen warten hier auf Ihre Schuhe?“

„Wir hoffen, jawohl.“

„Sind Sie schon mal hier gewesen?“

„Erster Besuch nach vielen Jahren.“

„Also wollen Sie neue Verträge abschließen?“

„Nicht ganz. Herr Obata, er kommt nach China für meine Firma. Ihm begegnet Unglück, vielleicht.“

„Wie denn?“

„Schlitz in Kehle, vielleicht.“

„Wie bitte?“

„Herr Obata nicht kommt zurück nach Hause. Ich fin­de ... vielleicht.“

Wenn nicht Kishimura, so wird es Paul Harris herausfinden … nicht vielleicht, bestimmt.

spaceholder red


Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Einführung
Die Vorläufer
Edgar Allan Poe
Sherlock Holmes
Holmes’ Nachfolger
Hercule Poirot
Blick nach Amerika
Kommissar Maigret
„Hard-boiled“
Und in Europa?
„Sex and Crime”
Spionageromane
Epilog

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