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Peter de Chamier:
Der Detektiv in der Literatur • Ein Essay zum Eigengebrauch.

140 Seiten; €9,80 [DE]
© 2018 by Peter de Chamier and TRTF
Vertrieb: BoD Norderstedt, Deutschland.
ISBN 9-783-7528-2439-1

www.de-chamier.com

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Peter de Chamier: Der Detektiv in der Literatur • Kapitel 7

Ein Blick nach Amerika

Rüya wußte, daß Galip ihre Kriminalromane nicht ertragen konnte …
Er verabscheute diese Welt, in der die Engländer Parodien der Engländer
waren und niemand fett war, es sei denn ungeheuer fett;
die Mörder waren so künstlich wie ihre Opfer
und dienten nur als Hinweise in einem Puzzle ...

Orhan Pamuk. Kara Kitap (Das schwarze Buch). Istanbul. 1990.


n der Zwischenzeit tauchten in den Vereinigten Staaten American-size überdi­mensionale, exzentrische Detekti­ve auf, so der in Montenegro geborene Nero Wolfe. Das erste Buch mit diesem Detektiv erschien 1934, der Autor war Rex Stout. Er schrieb bis 1975 33 Romane und 41 Kurzgeschich­ten, wovon die meisten in New York spielen.

Nach eigenen Aussagen wiegt Nero Wolfe ungefähr eine Siebenteltonne. Er ist Gourmet und Gourmand und beschäft­igt einen deutschen Koch namens Fritz Brenner. Sein Hobby, dem er sich mehr hingibt als der Aufklärung von Morden, ist die Orchideenzucht. Im obersten Stockwerk seines Hauses in der 35th Street West hat er ein Gewächshaus errichten lassen, in dem er zu­sammen mit dem italienischen Gärtner Theodore über 20.000 Orchideen ge­sammelt und ge­züchtet hat.

Da sich Wolfe aus verständlichen Gründen äußerst un­gern bewegt, geschwei­ge denn aus dem Haus oder auf Reisen geht, muß sein Assistent, Archie Good­win, alle Aufgaben übernehmen, die außerhalb des Hauses abzu­wickeln oder mit Bewegung verbunden sind, die Wolfe übermäßig er­scheint.

Archie hinge­gen nennt dies „Wolfes angeborene Faulheit“ und versucht, ihn auf alle mögli­chen Arten zum Arbeiten zu bewegen.

spaceholder red   „Ich weiß, daß Sie im Moment nicht auf Arbeit erpicht sind. Sie haben ge­nug Moneten auf dem Konto, um ein paar Monate lang unsere Gehälter zu zahlen und Schwei­nefleisch gleich in ganzen Wagenladungen zu kau­fen. Der Zaster reicht auch noch für ein paar neue Orchideen. Okay. Ich will sogar zugeben, daß ein Privatdetektiv das Recht hat, einen Fall zu­rückzuweisen, wenn er ihm nicht in den Kram passt ...“

Archies Alter scheint mit etwa 35 Jahren eingefroren wor­den zu sein. Er ist „Watson“ – wenn auch in einem neuen Gewand und mehr oder minder gezwunge­nermaßen, da Wolfe durch seine Leibesfülle gehandikapt ist. In die artige Welt des Sherlock Holmes bringt er Leben. Sein Zynismus, mit der er Polizeiinspektor Cramer von der Neuyorker Distrikts­polizei vor den Kopf zu stoßen pflegt, und seine Versuche, mit jungen Damen anzubändeln, was letzten Endes jedoch nie klappt, lassen den Leser immer wieder schmunzeln.

Archie Goodwin ist zwar wie Dr. Watson der Erzähler; er schildert die Erlebnis­se Nero Wolfes von seiner Warte aus. Verglichen mit Watson ist er aber ein wahrer Geistes­riese. Wenn auch Wolfe als Hauptperson einen Mörder zuerst durchschaut, so hinkt Archie doch nicht weit hin­terher. Dr. Watson ist für Hol­mes ein Medium, dem er sei­ne Ergebnisse mitteilen kann. Archie Goodwin und Nero Wolfe ergänzen sich zu einem Ganzen und gehören un­zertrennlich zu­sammen.

Wolfes Aufklärungsmethoden ähneln denen der Polizei, nur ist er nicht so stark eingeschränkt wie Inspektor Cra­mer. So ist die Schilderung der Polizisten nicht abwer­tend, Pri­vatdetektiv und staatliche Polizei stehen bei Stout in der Einschätzung auf einer Stufe. Cramer und Wolfe behandeln sich ab und zu so­gar wie zwei gute Freunde; Wolfe lädt Cra­mer zum Essen ein. Lediglich wenn beide einen Fall bear­beiten und Wolfe seine Klien­ten schützen will, sind sie wie Katz und Maus.

spaceholder red   „Hören Sie auf, mir die Worte im Munde herumzudre­hen!“ röhrte Inspektor Cra­mer. „Ich habe Sie nicht der Mittä­terschaft beschuldigt! Ich habe lediglich ge­sagt, daß Sie mit etwas hinter dem Berge halten. Warum regen Sie sich dar­über auf? Sie verheimlichen doch immer was!“

Um sich die notwendigen Informationen zu verschaffen, beschäftigt Wolfe außer Archie, der hauptberuflich für ihn tätig ist, gelegentlich nebenbei eine An­zahl von Privatdetekt­iven, von denen Saul Panzer der beste und höchstbezahlt­este ist.

Die Bezahlung spielt bei Wolfe eine große Rolle. Die meisten Detektive vor ihm betrieben ihre Arbeit als Frei­zeitbeschäftigung. Sie hatten entweder von Hause aus Geld oder gingen einem Beruf nach, der sie ernähren konnte. Wolfe lebt davon, daß er anderen Leuten aus ei­ner Verlegen­heit hilft, in der sie ver­schuldet oder unver­schuldet stecken.

spaceholder red   “Ich bin kein Polizist. Ich bin Privatdetektiv. Ich spüre Verbrecher auf. Ich sammle Beweismaterial gegen sie. Ich sorge dafür, daß sie ins Gefängnis kom­men oder einen Kopf kürzer gemacht werden. Aber alles nur gegen Bezah­lung!”

Ein Gesetz der Mystery Writers of America – einer Verei­nigung, die etwa dem englischen Detection Club ent­pricht – lautet, daß sich Verbrechen niemals bezahlt ma­chen darf. So übergibt Wolfe – der sich selbst bei seinen Ermittlun­gen nicht immer legal verhält – den Verbrecher schließlich aus­nahmslos der Polizei, obwohl er manchmal verstecktes Ver­ständnis für einen Mord zeigt.

Im großen und ganzen betrachtet, ist Nero Wolfe eine sympathische Person, viel anziehender als Dupin, Hol­mes oder Thorndyke, weil er ein Mensch ist, der einem begegnen könnte. Er hat seine Schwächen, und er hat sei­ne Stärken. Wenn auch für den Leser dadurch, daß Archie Goodwin er­zählt, viele von Wolfes Schlüssen und Hand­lungen unver­ständlich sind, weil er Wolfes Gedankengäng­e nicht verfol­gen kann, fühlt er sich dennoch nie ausge­stoßen oder be­nachteiligt, da er von Wolfes Eigenarten und seiner Überle­genheit den am Verbrechen Beteiligten gegenüber und von dem leicht verrückten – im positiven Sinne dieses Wortes – Archie Goodwin angezogen und gefesselt wird.

spaceholder khaki   Nero Wolfe ist ein ausgesprochener Privatdetektiv; Perry Mason, der Held von Erle Stanley Gardner (1889-1970), ist Rechtsanwalt, der nebenher privat ermittelt. Der Autor hatte Jura studiert, dann entschloß er sich, Schriftsteller zu wer­den. Gardner teilt seine juristischen Kenntnisse mit seinem Detektiv, so daß der interessante Teil in den Ro­manen mit Perry Mason die Auseinandersetzungen mit dem Staatsan­walt des Bezirkes (district attorney) Hamil­ton Burger sind. Die Kreuzverhöre fesseln oftmals mehr als die Ermittlungs­arbeit, die teilweise nicht einmal von Mason selbst, sondern von dem dafür angeheuerten De­tektiv Paul Drake gemacht wird. Es sind diese Verhöre, die Perry Mason be­rühmt gemacht haben.

spaceholder red   „Dr. Boland C. Dawes,” sagte Drew (der Staatsanwalt, der anstelle von Hamilton Bruger diesen Fall bearbeitete), „Wil­liam Harper Anson ist inzwischen verstorben?“

„Ja.“

„Wo starb er?“

„Im Nixon-Memorial-Krankenhaus.“

„Was war die Todesursache?“

„Arsenvergiftung.“

„Wann sahen Sie die Leiche zum letzten Mal?“

„Ungefähr vierundzwanzig Stunden, nachdem sie exhu­miert worden war.“

„Nahmen Sie zu diesem Zeitpunkt zusammen mit einem anderen Arzt eine Obduktion vor?“

„Ja, ich arbeitete mit dem Amtsarzt zusammen.“

„Haben Sie eine Ahnung, wie lange vor dem Tode das Gift verabreicht wurde?“

„Nach dem Zustand der Leiche zu urteilen und nach der Krankheitsge­schichte, wie sie mir bekannt ist, würde ich sage, daß das Gift etwa zwanzig Stunden vor dem Tode ein­genommen wurde.“

„Wissen Sie, wo William Anson sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt?“

„Das weiß ich von dem Patienten selbst, der es mir damals erzählte.“

„Ihr Zeuge,“ sagte Drew zu Mason.

Mason wandte sich an den Arzt. „Sind Sie ganz sicher, daß der Tod durch Arsenvergiftung herbeigeführt wurde?“

„Ja.“

„Sie behandelten den Toten während seiner letzten Krank­heit und stellten einen Totenschein aus?“

„Das ist richtig.“

„Und in diesem Totenschein erklärten Sie, der Tod wäre infolge einer Le­bensmittelvergiftung eingetreten, die sich im Zusammenspiel mit einem bestehenden Magenleiden ver­schlimmert hätte.“

„Jetzt bin ich schlauer.“

„Beantworten Sie meine Frage, Dr. Dawes. Sie unter­zeichneten einen To­tenschein, in dem von einer Arsenvergift­ung keine Rede war?“

„Ja.“

„Kam Ihnen damals überhaupt der Gedanke, daß es sich um eine Arsen­vergiftung handeln könnte?“

„Es gab keinen Anlaß, warum ich das hätte vermuten sol­len.“ ...

„Nun, wir entdeckten ja das Arsen.“

„Wer entdeckte das Arsen?“

„Wir arbeiteten gemeinsam an der Obduktion.“

„Wer machte die toxikologischen Analysen?“

„Das Labor des Amtsarztes.“

„Sie nahmen sie unbesehen hin?“

„Ja.“

„Und änderten daraufhin prompt Ihre ursprüngliche Auf­fassung hinsicht­lich der Todesursache?“

„Ja. Lieber Gott, jedem kann doch mal ein Fehler unter­laufen.“

„Sind Sie sicher, daß Ihnen jetzt der Fehler nicht unter­läuft.“

„Ja.“

„Aber als Sie den Totenschein unterschrieben, waren Sie genauso über­zeugt, dass Sie keinen Fehler begangen hat­ten, nicht wahr?“

„Ja, das kann man sagen!“

„Ich danke Ihnen, Dr. Dawes. Das ist alles.“

Auf diese Weise, mit einem Spiel mit Worten und Begrif­fen, macht Mason jeden für ihn unangenehmen Zeugen fer­tig. Da sich dieses Spiel aber öfter wieder­holt, als der Leser es verkraften kann, wirkt es auf die Dauer ermü­dend und da­mit langweilig.

Die Frage, ob Perry Mason zu den Detektiven gezählt werden soll oder ob er nur als Rechtsanwalt betrachtet wer­den kann, der in Kriminalromanen agiert, läßt sich un­schwer beantworten. Er ist Detektiv, auch wenn er Rechts­anwalt ist. Philip Trent war Journalist und ist den­noch als Detekiv betrachtet worden. Ebenso verhält es sich bei Perry Mason, wenngleich dessen Tätigkeit vor Ge­richt stärker betont wird als Trents Arbeit bei der Londoner Zeitung Sun.

Im Vergleich der beiden Detektive ist Mason doch sehr konventionell und bei­leibe nicht so lebendig und mitrei­ßend wie Nero Wolfe und Archie Goodwin.

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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Einführung
Die Vorläufer
Edgar Allan Poe
Sherlock Holmes
Holmes’ Nachfolger
Hercule Poirot
Blick nach Amerika
Kommissar Maigret
„Hard-boiled“
Und in Europa?
„Sex and Crime”
Spionageromane
Epilog

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