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Peter de Chamier:
Der Detektiv in der Literatur • Ein Essay zum Eigengebrauch.

140 Seiten; €9,80 [DE]
© 2018 by Peter de Chamier and TRTF
Vertrieb: BoD Norderstedt, Deutschland.
ISBN 9-783-7528-2439-1

www.de-chamier.com

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Peter de Chamier: Der Detektiv in der Literatur • Kapitel 13

Epilog

I've just heard on the wireless that there's no point in writing books any more
because the electric brain can do it better.

Ich habe gerade im Radio gehört, daß es keinen Sinn mehr macht,
Bücher zu schreiben, weil elektrische Gehirne es besser können.

Nancy Mitford, in einem Brief. 1967.


un kommt die Frage, ob nach 1990 nichts Neues in der De­tek­tiv­li­te­ra­tur passiert ist? Doch – es gab tau­sende neuer Romane, aber wirk­lich neue literarische Ent­wicklungen lassen sich nicht verzeich­nen. Die Ana­ly­ti­ker im Stile ei­nes Hercule Poirot haben längst ihre Ab­schieds­vor­stel­lung gegeben. Reine De­tek­tiv­ro­ma­ne wurden in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg allmäh­lich von der Position, die sie in­ne­h­at­ten, zu­­rück­ge­drängt. Eine Spitzen­position in der Literatur haben sie nie­mals be­­ses­sen – oder nur ganz kurze Zeit.

Hier siedel­ten sich die suspense novels und thriller an, die Span­nungs­­ro­ma­ne, die die ana­ly­ti­schen Wer­ke all­mäh­lich ersetzt haben. Ihr literarischer Wert liegt sehr niedrig, und ihr Pro­blemkreis läßt keine tief­greifenden Überlegungen zu, auch wenn sie als „psycholo­gische“ oder „gesellschafts­kritische“ Bücher auf den Markt geworfen wer­den.

Immer mehr Autoren legten Wert auf Sex und Bru­ta­li­tät, Cha­rak­ter­­dar­stel­lungen oder Sozialkritik und psychologi­scher Pseu­doanalyse statt Handlung. Literatur in unserem Zusammenhang ist aber Graham Greenes en­ter­tain­ment, was schwierig zu schreiben ist.

spaceholder khaki   Mehr gibt es zum Thema De­tek­tiv­ro­ma­ne und ihrer Abarten nicht zu sagen?

Doch sicherlich, aber dies genügt meiner Meinung nach als Überblick. Es gibt sicherlich hunderttau­sende sol­cher Bücher und Kilometer von Sekun­därliteratur – schreiben und lesen wir ein paar mehr.

Ein paar Worte im Nachhinein, wieder anekdotisch, einige Punkte, die vielleicht oder wahrscheinlich ebenfalls einen Einfluß auf das Verständnis und die Beurteilung von Romanen haben – wie zum Beispiel von Detektivromanen und Graham Greenes entertainment-Politthrillern.

spaceholder khaki   Ich schreibe in meinen Romanen, was ich gern schreiben und auch lesen will. Aber ich lese auch vieles andere. Und ich schreibe nicht, um Bücher zu verkaufen und möglichst viele Leser einzufangen, sondern zu meinem Vergnügen. Wenn andere daran Freude haben, ist es auch meine Freu­de.

spaceholder khaki   Viele Autoren schreiben auf der einen Seite für sich selbst, auf der anderen und in erster Linie für ihre Leser. In den meisten Fällen gibt es kein direktes Feedback zwischen den beiden – obwohl Autoren guten Zuspruch, Lob und Hinweise meist freudig aufnehmen – wie: „die auf Seite 278 beschriebene Straße ist nicht die Madison Avenue sondern die Michigan Avenue“ … notfalls auch Berichtigungen von Schreibfehlern, die vom Autor und den Lektoren übersehen wurden.

Es gibt leider auch unfundierte bösartige Kritiken, deren man sich nur durch Nichtbeachtung erwehren kann.

spaceholder khaki   Dann gibt es Leser, die einen Roman nicht von der Wirk­lichkeit im täglichen Leben unterscheiden können oder wol­len. Sie nehmen vieles in einem Spionageroman, zum Bei­spiel, als Tatsachen an – auch Leser aus „gebildeten“ Kreisen.

Die Äußerungen von Sean Connery („James Bond“) im vorigen Kapitel sind nicht aus der Luft gegriffen, wenn es sich in diesem Fall auch nicht um Bücher, sondern um Fil­me handelt. Er war nicht James Bond, er hat lediglich eine erfundene Figur gespielt.

Schlimm wird es, wenn Detektivromane oder Polit-Thriller in der Ichform geschrieben sind, was von manchen Lesern als Autobiographie ausgelegt wird. Bruce Marshall schreibt im Vorwort zu seinem (fast-Detektiv-) Roman The Divided Lady – Die Dame Mila (1960):

spaceholder blue   So many intelligent persons misinterpret the novelist's trade that I feel I must explain that not only are all the characters and events in this story imaginary, but that the narrator is too and that his creator does not always share his views or commend his conduct.

spaceholder red   So viele intelligente Menschen interpretieren das Handwerk des Schriftstellers falsch, daß ich glaube, erklären zu müssen, daß nicht nur alle Charaktere und Ereignisse in dieser Geschichte imaginär sind, sondern daß der Erzähler es auch ist und daß sein Schöpfer nicht immer seine Ansichten teilt oder sein Verhalten lobt.

Ein Großteil der Detektivromane und Polit-Thriller sind auf englisch geschrieben, letztendlich ist es ein englischsprachiges Genre. Die Sprachwahl spiegelt sich auch in der Atmosphäre von Personen und Handlung wider.

Die meisten Leser außerhalb des englischen Sprachraumes lesen die Romane als Übersetzungen. Es gibt gute und schlechte Übersetzungen; viele sind ein Ausverkauf des Originals, im wahrsten Sinne des Wortes. Übersetzer erhalten teilweise mehr für ihre Arbeit als der Autor für seine, und die Verleger feilschen um die Preise. Es muß schnell gehen und so billig wie möglich sein. Kaum einen Leser kümmert die literarische Qualität, solange der Inhalt verständlich und nicht zu entstellt ist. Das bezieht sich auf wörtliche Übersetzungen wie „French Window,“ was eine Terrassentür ist und kein französisches Fenster, oder auf idiomatische Ausdrücke und Wortspiele, die oft nicht übersetzbar, aber vielleicht übertragbar sind.

Ein gutes Beispiel ist Flemings James-Bond-Kurzgeschichte The Living Daylights. Der Titel hat nichts mit dem Tageslicht zu tun, sondern geht auf die Redensart "beat/scare the living daylights out of someone" zurück: jemandem eine tüchtige Tracht Prügel verabreichen (aber ihn nicht umbringen). The Living Daylights spielt auf den Ausgang der Geschichte an.

Der deutsche Titel war Der Hauch des Todes, was der Idee der englischen Wendung irgendwo nahe kommt. Eine zweite Übersetzung war Duell mit doppeltem Einsatz, ein vollkommen beziehungsloser Titel.

spaceholder khaki   Bereits Umberto Eco hatte 1965 Probleme mit Übersetzungen in einem Aufsatz bemängelt. Er wählte dafür den ersten Satz aus Ian Flemings Goldfinger aus:

spaceholder blue   James Bond, with two double bourbons inside him, sat in the final departure lounge of Miami Airport and thought about life and death.

Ein einzelner eleganter Satz im Englischen wird im Italienischen zu:

spaceholder orange   James Bond stava seduto nella sala d‘aspetto dell‘aeroporto di Miami. Aveva già bevuto due bourbon doppi ed ora refletteva sulla vita e sulla morte.

… und im Deutschen:

spaceholder red   James Bond saß im Wartesaal des Flughafens von Miami. Er hatte zwei doppelte Bourbon getrunken und dachte jetzt über Leben und Tod nach.

Beide Übersetzungen sind ungenauer als das Original, und sie sind rau, ohne Grazie. Flemings Satz zeigt sprachliche Meisterschaft, die Übersetzungen eher nicht, obwohl sie flüssig und lesbar sind. Gute Übersetzer sollten talentierte Schriftsteller in ihrer eigenen Sprache sein, ohne den Respekt vor den Original zu verlieren.

Dabei bleibt englisch eine recht simple Sprache für Übersetzungen, zum Beispiel, ins Deutsche. Übersetzungen aus dem Französischen sind bei weitem schwieriger oder teilweise unmöglich wegen der vielen Doppel- oder Dreifachdeutigkeiten und Wortspiele, die die Zutaten zu den meisten belletristischen Texten in französischer Sprache sind. Zudem sind sexuelle Anspielungen gang und gäbe; man kann sie in andere Sprachen teilweise aus gesellschaftlichen und ideologischen Gründen nicht „übersetzen“.

spaceholder khaki   Einer der Polit-Thriller des Autors, Peter de Chamier: The Powers That Be – Ungenannte Mächte (2007; 2018), wurde vom Autor selbst sowohl auf englisch als auch auf deutsch geschrieben und der jeweiligen Sprache angepaßt. Der Aufwand dafür ist groß und in der verlegerischen Routine nicht durchführbar – selbst wenn das Ergebnis eine hohe literarische Qualität erreichen sollte.

Hier stellt sich die Frage, ob es eine ideale Sprache für Detektivromane gibt: de Chamiers Wahl des Sprache für andere und weitere Bücher bleibt – englisch.

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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Einführung
Die Vorläufer
Edgar Allan Poe
Sherlock Holmes
Holmes’ Nachfolger
Hercule Poirot
Blick nach Amerika
Kommissar Maigret
„Hard-boiled“
Und in Europa?
„Sex and Crime”
Spionageromane
Epilog

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