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Peter de Chamier:
Der Detektiv in der Literatur • Ein Essay zum Eigengebrauch.

140 Seiten; €9,80 [DE]
© 2018 by Peter de Chamier and TRTF
Vertrieb: BoD Norderstedt, Deutschland.
ISBN 9-783-7528-2439-1

www.de-chamier.com

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Peter de Chamier: Der Detektiv in der Literatur • Kapitel 11

„Sex and Crime”

There must be no love interest in the story. To introduce amour
is to clutter up a purely intellectual experience with irrelevant sentiment.

Es darf kein Liebesinteressen in der Geschichte geben. Die Einführung von L‘amour
verwirrt eine rein intellektuelle Erfahrung mit irrelevanten Gefühlen.

S.S. van Dine. Twenty Rules for Writing Detective Stories 1936.


ine andere Linie, in der sich der Detektivroman weiter­entwickelte, sind die Sex-and-Crime-Bücher. Hercule Poi­rots artige Morde wer­den von bru­ta­len Ver­bre­chen ab­­ge­löst.

Der herausragende Vertreter der Sex-and-Crime-Schrei­ber war der US-Amerika­ner Frank Morrison Spillane (1918-2006), besser bekannt als Mickey Spillane, mit sei­nen Protagonisten Mike Hammer, einem Privatdetektiv, und Tiger Mann, einem Agenten einer Organisation. Beide kämpfen mit bru­tal­sten Mitteln gegen je­den, sofern er nur einen kleinen Mafia-, später – mit der verstärkten Angst vor der „Roten Gefahr“ – einen kommunistischen Anhauch zeigte.

Mike Hammer brachte in den ersten fünf Büchern, in de­nen er als Neuyorker Privatdetektiv agiert, allein 48 Men­schen um, von denen zumindest 38 noch hätten weiterle­ben können – ihr Tod war unnötig oder ein Irrtum Ham­mers. Aus diesem Grunde wurden die ersten acht deut­schen Übersetzungen in­diziert. Damals fand man oftmals in den Bücherschänken fa­natischer deutscher Anhänger der Krimi­nalliteratur die englischspra­chigen Ausgaben dieser Zeit, I the jury (1948), Vengeance is mine (1950), My Gun is quick (1950) oder The big kill (1951).

Auf den Buchumschlägen zeigten sich junge Damen in vielen Übergängen zwischen Be- und Entkleidung.

Viel über Mike Hammers Lebenslauf äußert Spillane in seinen Kriminal­romanen nicht. Im Grunde ist Hammer ein nach New York verpflanzter Cow­boy, der anstatt ge­gen wil­de Indianer oder übelwollende Banditen zu kämp­fen oder einfach Buffalos niederzuknallen, gegen kommunistische Agenten oder von Kommunisten unter­stützte Verbre­cher zu Felde zieht. Er hat die gesetzlosen Methoden des Wilden Westens übernommen, lediglich die Umgebung hat sich ver­ändert.

Es ist die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und des Koreakrieges und der Beginn der Kommunistenjagden in der USA und überall in der Welt: Anything goes.

Sicherlich hat Mike Hammer wie viele Amerikaner ein Studium absolviert, er war in der Armee und eröffnete schließlich in New York ein Detektiv­büro. Im übri­gen ist er zweifelsohne ein Sadist und schreckt vor nichts zu­rück.

Spillane – als Vater dieser Gestalt – scheint sich teil­weise mit ihm identifizieren zu wollen. Er scheint Freude an der Grausamkeit zu haben, ebenso wie seine Leser. Mike Hammer übt diese Grausamkeit in Vertretung aus.

spaceholder red   Ich trug uns beim Nachtportier ein und führte Renée zum Lift; wir stiegen ein und ich drückte den Knopf zum fünften Stockwerk.

„Dieser Frontalangriff ist faszinierend. Hast du die Couch und den Champagner vorbereitet?“ fragte sie.

„Kein Champagner. Vielleicht ist aber noch eine Sechserpackung Bier im Kühl­schrank.“

„Und was ist mit dem Bad? Ich muß mal.“

„Und dies war das Ende einer romantischen Plaude­rei,“ sagte ich, während die Aufzugtür geräuschlos bei­seite glitt.

„Ich muß aber wirklich,“ beharrte sie.

„Niemand hält dich auf,“ sagte ich.

Sie tänzelte mit kleinen Schritten durch den Flur, und um sicherzugehen, daß sie von nichts aufgehalten wurde, eil­te ich an ihr vorbei, steckte den Schlüssel ins Schloß und stieß die Tür zu meinem Büro auf.

Stoßen ist nicht der richtige Ausdruck. Sie wurde auf­gerissen, während ich den Knopf noch in der Hand hatte, ich stolperte hinein und wußte, daß die Welt über mei­nem Kopf zusammenfallen würde, wenn meine Reflexe auf derlei Er­eignisse unvorbereitet gewesen wären.

Aber es gibt Dinge, die man niemals verlernt. Sie wer­den einem im Grundwehr­dienst eingebläut, man wendet sie in der vordersten Linie an, und dort lernt man auch, was man vorher nicht gewußt hat - man lernts, oder man überlebt nicht.

Ich hechtete eine halbe Rolle abwärts, den Kopf einge­zogen, eine Hand bremste den Fall, und die an­dere griff instinktiv nach der 45er, und da sauste schon etwas Me­tallisches mir ins Genick und auf die Schultern. Dann weiß man, daß noch Zeit ist, weil es heiß und heftig schmerzt und man noch nicht be­nommen ist, und die nächsten Impulse setzen instinktiv ein und reißen einen aus der Gewalt des zweiten Schlages.

Ich lag auf den Rücken, stützte mich mit der flachen Hand, mein Fuß schnellte hoch und traf Fleisch und Knochen, und der Schrei erstickte in Ohnmacht und Schmerz. Ich sah den verschwommenen anderen Schat­ten, schlagbereit, eine schwere Pistole in der Hand, dann flog er auf mich zu, und die Breitseite mei­ner 45er traf den Schädel mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte. Es waren Zehntelsekunden, die Minu­ten zu dauern schie­nen, aber es genügte mir. Zwei Feuer­blitze gingen vor mei­nen Gesicht los, schlugen in den Rücken des Man­nes, der auf mir lag, und etwas fetzte mir Haut weg ...

Der Tote am Boden blutete noch, und das gab Flecke in Teppich; im Moment fiel mir nur ein, das ich nächstes Mal einen Teppich in praktischerer Farbe kau­fen müsse, um die Reinigungskosten zu sparen. Ich drehte ihn mit der Schuh­spitze um. Die beiden Kugeln hatten beim Austritt klaffende Löcher in seiner Brust hinterlassen, und der Hieb mit der Waffe hatte sein Gesicht nahezu zer­stört, aber man konnte ihn noch erkennen.

Larry Beers würde sein Schießeisen nicht mehr an den Höchstbietenden ver­mieten. Die Kugel, die durch ihn hin­durchgegangen war und mich noch ge­kratzt hatte, steckte im Teppich, ein deformiertes Stück Metall.

Damit ist eine neue Art des Supermenschen geboren. Der – was immer ihm auch widerfährt – unverletzliche Mike Hammer ist kein geistiger Supermann wie Sherlock Hol­mes oder Hercule Poirot, sondern ein „Held des zwan­zigsten Jahr­hunderts“, der zwar auch etwas Geist besitzt, sich je­doch eher auf seine Mus­keln und seinen Colt ver­lässt. Es blieb Mickey Spillane gar nichts anderes üb­rig, als Mike Hammer zu einem solchen Menschen zu gestal­ten, da seinen Bü­chern ein gesellschaftskritischer, psychologischer und mo­ralischer Hintergrund fehlt.

Mike Hammer und Tiger Mann setzten ihren eigenen Ehrenkodex fest und sind in ihrer Auffas­sung von Recht und Gesetz keinesfalls mit der eines Perry Mason oder auch eines Sam Spade zu verglei­chen.

Ein Menschenleben zählt für sie nichts. Der detective de­calogue, die heiligen Gebote für Schreiber von Detektivrom­anen aus der Frühzeit der Gattung, ist längst ver­gessen. Doch wenn auch Mike Hammers Taten oft dem geltenden Recht nicht ent­sprechen, so haben sie doch des Lesers Sym­pathie, der – von Spillane geführt – einsehen muß, daß es keinen anderen Ausweg aus einer Situation geben kann, als denjenigen, den sein Detektiv gewählt hat; der Gegner muß un­schädlich gemacht werden, da er seinerseits andernfalls dem Detektiv und in der Folge der Allgemeinheit unermeß­lichen Schaden zufügen würde.

Daß dieser Schaden im Kommunismus liegt, den Mike Hammers Widersacher einführen wollen, kann nur als Zeit­strömung betrachtet werden; als Mickey Spillane sei­ne ersten Romane verfaßte, hatten sich die Sowjetunion und die Verei­nigten Staaten gerade tief verfeindet und einen politischen Kurs eingeschlagen, der auf gegenseiti­ge Konfrontation aus­gerichtet war. Bei nachfolgenden Vertretern der Sex-and-Crime-Generation steht anstelle des Kommunismus als Geg­ner des einzelnen auch die Cosa Nostra (Mafia), oder man findet Verbrechersyndika­te, deren Machtübernahme man be­fürchten muss; ein weiteres Hauptthema ist gelegentlich auch die Bekämp­fung des Drogenhandels.

Im Laufe der Zeit werden Bücher dieser Gattung noch un­beholfener und bestialischer, ekelhafter und abstoßen­der im Handlungsablauf und verwirrter und verwirrender im Schreibstil. Sie spiegeln die Zeitläufte und machen Umsatz.

spaceholder khaki   Nachfolger Mike Hammers gibt es unzählige. Sie bleiben nicht auf die USA beschränkt. Ein Beispiel aus Frank­reich ist Jean-Patrick Manchette (1942-1995), teilweise gefeiert als literarischer Genius, teilweise verdammt als Schreiber von minderwertigen französischen pulp novels, der sich in Blut suhlt. Seine Romane sind gewalttätig und abscheuer­regend – was der Hintergedanke Manchettes Geschichten und Romanen ist und aufklärerisch sein soll. Es sind Ge­schichten, in denen „die da oben“ private Ra­chefeldzüge mit Söldnern und gedungenen Mörder durchführen.

Manchette war ursprünglich ein engagierter linker Akti­vist, der in späteren Jahren den Kriminalroman als Mittel zum politischen Zweck sah. Er stellte eine Gesellschaft ohne Moral dar, in der mit Verbrechen sehr gut verdient wird und die Polizei immer einen Schnitt macht. Er wur­de einmal als blutiger Slapstick-Schreiber beschrieben.

Sein Roman Ô Dingos! Ô Châteaux! (1972) beginnt fol­gendermaßen:

spaceholder red   Der Mann, den Thompson töten sollte – ein Päderast, der den Sohn eines Geschäftsmannes verführt hatte – betrat sein Schlafzimmer. Als er die Tür hinter sich schloß, hat­te er noch Zeit, beim Anblick von Thompson zurückzu­schrecken, der neben den Türscharnieren an der Wand stand. Dann stach Thompson ihm mit einem starren Bü­gelsägeblatt ins Herz, das auf einem großen Keilzinken­griff mit kreisförmi­gem Schutzblech montiert war.

Wäh­rend das Schutzblech verhinderte, daß das Blut spritzte, pumpte Thompson den zylindrischen Griff kräf­tig, und das Herz des Homosexuel­len wurde in zwei oder mehr Stücke geschnitten. Das Opfer öffnete den Mund, und ein einziger Krampf schüttelte ihn. Sein Rumpf traf die Tür, und er fiel tot um.

Thompson trat zur Seite. In der letzten halben Stunde waren seine Magen­krämpfe fast unerträg­lich geworden.

Er verließ das Schlaf­zimmer. Niemand hatte ihn eintre­ten sehen, niemand sah ihn gehen. Es war zwei Uhr morgens. Thompson hatte um elf einen Termin in Paris. Er machte sich zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof Perra­che.

Die Krämpfe krümmten ihn. Der Mör­der beschloß, sein Handwerk aufzugeben. Bald. Jedes Mal war es schlimmer. In den letzten zehn Stunden hatte er nichts essen und trinken können. Nun, da er getötet hatte, nagte der Hunger schrecklich an ihm. Schließlich erreichte er das Bahnhofsbuffet.

Er bestellte eine Sauer­krautplatte und verschlang sie. Er bestellte eine weitere, die er genoß. Sein Magen hatte sich beruhigt. Sein Ver­stand ebenfalls: Thompson hatte gerade eine ordentliche Summe Geld ver­dient. Es war drei Uhr morgens. Der Mörder bezahlte seine Rechnung, kehrte zu seinem grau­en Rover zurück, der an ei­ner Parkuhr abgestellt war, und steuerte die Autobahn A6 an.

Die Schilderung der Ermordung ist bestialisch, am Rande des Erträglichen, außerhalb „der guten – auch literari­schen – Sitten“. Es ist so gewollt. Aber der literarische Detektivro­man verendet in diesen Büchern als reißerische und wider­wärtige pulp fiction. Die explizite Gewalt in diesen Büchern schreckt viele Leser ab, an andere verkauft sie sich gut.

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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Einführung
Die Vorläufer
Edgar Allan Poe
Sherlock Holmes
Holmes’ Nachfolger
Hercule Poirot
Blick nach Amerika
Kommissar Maigret
„Hard-boiled“
Und in Europa?
„Sex and Crime”
Spionageromane
Epilog

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