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Peter de Chamier:
Der Detektiv in der Literatur • Ein Essay zum Eigengebrauch.

140 Seiten; €9,80 [DE]
© 2018 by Peter de Chamier and TRTF
Vertrieb: BoD Norderstedt, Deutschland.
ISBN 9-783-7528-2439-1

www.de-chamier.com

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Peter de Chamier: Der Detektiv in der Literatur • Kapitel 1

Einführung

Many people do not realize that there is such a thing as a good detective story;
it is to them like speaking of a good devil.

Viele Leute bemerken gar nicht, daß es so etwas
wie eine gute Detektivgeschichte gibt;
es kommt ihnen vor, als spräche man von einem guten Teufel.

Gilbert Keith Chesterton. A Defence of Detective Stories. 1901.


er Verfasser hat diesen Essay vor einiger Zeit ge­schrieben, um sich selbst einen klei­nen Über­blick über die De­tek­tiv­ge­stal­ten in der Li­te­ra­tur zu ver­schaf­fen und zu ver­su­chen, die klas­si­schen Cha­rak­te­re und teil­wei­se auch die Hand­lungs­ab­läufe zu be­schrei­­ben. Wie kam der De­tek­tiv ins Buch, und wie hat er sich ent­­wickelt? Es ist ein kur­zer his­to­ri­scher Ex­kurs ohne Ver­­such der Voll­stän­dig­keit, kei­ne en­zy­klo­pä­di­sche Ab­hand­­lung, eher ein Spa­zier­gang durch eine Reihe von Bü­chern und Kurz­ge­schich­ten, an­ge­mes­sen und pas­send für einen Aus­tausch un­ter Freun­den am Tisch des Kleinen Café.

Dieser rasche Schwenk durch die Li­te­ra­tur war an sich nicht zur Ver­öf­fent­li­chung be­stimmt, sondern nur dazu her­­aus­zu­finden, wo die ei­ge­nen Bü­cher in der Li­te­ra­tur stehen oder stehen sollen. Aber jetzt soll damit auch die Frage be­ant­wor­tet wer­den, die einige meiner Leser ge­le­gent­lich stel­len:

„Hast Du einen neuen Detektivro­man geschrieben?“

Meine persönliche Antwort ist: Ich schreibe keine Detek­tivromane, zumindest nicht im ursprünglichen Sinne dieser Gattung; kaum jemand schreibt heutzutage noch Detektivro­mane. Ich schreibe Bücher, die als political thrillers angebo­ten wer­den, was eine passende Beschreibung sein kann, aber ih­nen nicht vollkommen gerecht wird. Unterhaltung und Spannung: ja, unbedingt; Gesellschaftsbeschreibung: ja, gewollt; Literatur: natürlich; Geschichte und Geschich­ten. Es ist schwierig sie in eine Gattung zu pressen: Sind es Abenteuerromane, Spionageromane, Entwicklungsro­mane, entertainments im Sinne von Graham Greene – oder vielleicht Satiren?

spaceholder khaki   Vor allem in Deutschland werden Detektivromane nicht als literaturwürdig angesehen:

spaceholder red   Der Detektiv-Roman, den meisten Gebildeten nur als au­ßerliterarisches Machwerk bekannt, ist allmählich zu ei­ner Stellung aufgerückt, der Rang und Bedeutung nicht wohl abgesprochen werden können (Sigmund Kracauer, 1925).

Andere sehen das noch bestimmter: Der Belgier George Si­menon, der Vater von Maigret, war ganz versessen dar­auf, den Literaturnobelpreis zu erhalten. Der Schweizer Fried­rich Dürrenmatt benutzte in seinen Kriminalerzäh­lungen und -romanen teilweise das Muster und Skelett des Detek­tivromans, und er wurde zumindest zum Nobel­preisträger vorgeschlagen, ebenso Graham Greene, der jahrelang seit seiner ersten Nominierung 1950 in die engere Wahl gezogen worden war – und den Preis nicht erhielt.

In The Simple Art of Murder schrieb Raymond Chandler 1950 über Dashiell Hammett und die Literaturgattung des Detektivromans in ihrer modernen Fassung nach dem Zweiten Weltkrieg (erst das ameri­kanisch-englische Original, dann eine deutsche Übertra­gung):

spaceholder blue   Hammett was the ace performer, but there is nothing in his work that is not implicit in the early novels and short stories of Hemingway. Yet for all I know, Hem­ingway may have learned something from Hammett, as well as from writers like Dreiser, Ring Lardner, Carl Sandburg, Sherwood Anderson and himself.

A rather revolutionary debunking of both the language and material of fiction had been going on for some time. It probably started in poetry; almost everything does. You can take it clear back to Walt Whitman, if you like. But Hammett applied it to the detective story, and this, because of its heavy crust of English gentility and Americ­an pseudo-gentility, was pretty hard to get moving …

In everything that can be called art there is a qual­ity of redemption. It may be pure tragedy, if it is high tragedy, and it may be pity and irony, and it may be the raucous laughter of the strong man.

spaceholder red   Hammett war der Genius, aber es gibt nichts in seinem Werk, was nicht in den frühen Romanen und Kurzge­schichten von Hemingway enthalten ist. Doch wie ich an­nehme, hat Hemingway vielleicht etwas von Hammett gelernt, aber auch von Schriftstellern wie Dreiser, Ring Lardner, Carl Sandburg, Sherwood Anderson und sich selbst.

Eine deutlich revolutionäre Entmystifizierung so­wohl der Sprache als auch der Stoffe der Belletristik war schon seit einiger Zeit im Gange. Es begann wahrschein­lich in der Poesie; fast alles tut das. Man kann es auf Walt Whitman zurückführen, wenn man will. Aber Ham­mett wandte es auf die Detektivgeschichte an, und das war we­gen ihrer schweren, harten Schale aus englischer Vor­nehmheit und amerikanischer Pseudo-Vornehmheit ziem­lich schwer zu bewerkstelligen ...

In allem, was man Kunst nennen kann, klingt ein Be­zug zur Erlösung mit. Es kann reine Tragödie sein, wenn es hohe Tragödie ist, und es kann Mitleid und Ironie sein, und es kann vielleicht das raue Lachen des starken Mannes [des Detektivs] sein.

Es gibt – wie überall – literarisch beachtenswerte Bücher in dieser und in verwandten Kategorien, und ganz miese. Es gibt Whodunits, die man einmal liest und dann nie wieder, und andere Romane, die man gerne wieder liest, weil der Stil und der Inhalt einen anziehen … und es erst in zweiter Linie wichtig ist, wer der Täter ist.

Und – wird nicht ein Großteil der „schönen Literatur“ von Vergehen und Verbrechen angetrieben? Im übrigen: Honi soit qui mal y pense – in der Auslegung dieses Mottos, die jedem selbst am besten zusagt – Cha­cun à son goût.

spaceholder khaki   Der Kriminalroman läßt sich aus dem heutigen Leben ebenso wenig wegden­ken wie das Auto oder die Wasch­maschine. Auf viele Menschen aller sozialen Schich­ten strahlt er so unwiderstehliche Anziehungskraft aus, daß er sich so­gar zu einer Untugend entwickeln kann, wie der englische Poet und Schriftstel­ler Wystan Hugh Auden in sei­nem Essay The Guilty Vicarage freimütig zugab:

spaceholder red   Für mich, und nicht nur für mich, ist die Lektüre von Kri­minalromanen ein Laster wie der Alkohol und der Ta­bak. Die Symptome sehen so aus: er­stens eine gewaltige Gier. Wenn ich eine Arbeit zu machen habe, muß ich achtge­ben, nicht einen dieser Romane in die Hand zu nehmen ... Zweitens will diese Gier von etwas Spezifi­schem befrie­digt werden – die Geschich­te muß deter­minierten Regeln entsprechen ... Drittens und zuguterletzt handelt es sich dabei um ein unmittelbares und begrenz­tes Interesse – wenn ich das Buch beiseite gelegt habe, geht mir die Ge­schichte aus dem Sinn, und ich möchte sie nie noch ein­mal lesen ...

Diese Sätze mag man als etwas zu weit gegriffen be­trachten, sie treffen aber im Kern genau das, weswegen Kriminalro­mane gelesen und geliebt werden. Sie dienen zur Unterhal­tung, zur Entspannung und Ablenkung nach der Arbeit; dar­aus folgt, dass sie meistens keine großen geistigen Leistun­gen vom Leser verlangen, daß der Leser höchstens gereizt wird, sich Gedanken um den mög­lichen Täter des begange­nen Verbrechens zu machen.

So läßt sich auch erklären, warum der Kriminalroman einen bedeutenden Anteil am Büchermarkt besitzt. Besond­ers in den wohlfeilen Taschenbuchausgaben erschei­nen pro Monat in Deutschland mindestens dreißig dieser Bücher, in den USA sind es bei weitem mehr. Für den Liebhaber dieser Literaturgattung ist es unmöglich, alle Neuerscheinungen kennenzulernen, falls er nicht jeden Tag ei­nige Romane le­sen will.

Er liest nur dieses oder je­nes, den Schriftsteller, dem er sich verschworen hat, Bü­cher mit dem Protagonis­ten, mit dem er sich verkör­pern kann, das Buch, das die Werbung oder ein Rezensent ge­rade gelobt oder getadelt ha­ben, oder er liest nur die Bü­cher eines bestimmten Verlages. Vieles andere bleibt ihm unbekannt und verschwindet im Laufe der Zeit so lautlos, wie es gekommen ist.

Manches jedoch lebt weiter, es wird immer wieder neu aufgelegt und immer noch gelesen, Bücher von längst ver­storbenen Schriftstellern wie Poe, Ches­terton, Doyle oder auch Wallace, Chandler oder Fleming, die teilweise zu Klas­sikern geworden sind.

spaceholder khaki   Fast alle der großen frühen Kriminalschriftsteller stam­men aus dem anglo-ame­rikanischen Raum. In diesen Ländern unterteilt man den Kriminalroman, den man im Deutschen nur unter diesem Namen kannte, in verschie­dene Kategori­en. Der Engländer kennt erstens die detecti­ve story oder detecti­ve novel, die sich am weitesten von allen Kriminalgeschicht­en zurückführen läßt. In ihr spielt – wie der Name schon sagt – ein Detektiv die Hauptrolle.

Im weiteren unterscheidet man unter einem Oberbegriff mysteries die crime novel (amerika­nisch suspense novel - Spannungsroman), die im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts entstand. Es handelt sich dabei um eine Weiterentwicklung der detective story. Beide Kri­minalromanarten überlappen sich teilweise in ihrem Aufbau; die crime novel betont jedoch stärker des Verbrechen und dessen Motivation als die Arbeit des De­tektivs. Ein thriller ist ein reißerischer Kriminalroman jedweder Prägung.

Auch die spy novel, der Spionageroman, wird heute zur Gattung der Kriminalromane gezählt. Sie entstand je­doch un­abhängig vom Detektivroman, fand sich aber mit einigen Erzählern dieser Gattung zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Detektivroman zu­sammen und bildet jetzt mit ihm bis auf wenige Ausnah­men eine Einheit als entweder wirklichkeitsgetreue oder zumindest wirklich­keitsnahe oder als phantastische Er­zählung – mit vielen Zwischenstufen, wie zum Beispiel dem oftmals mehr literarischen political thriller – der wiederum nicht reißerisch ist wie ein thriller.

Generell betrachtet verlaufen die Gattungen oftmals ineina­nder, es gibt zahlreiche „Hybride“.

spaceholder khaki   Häufig können die in diesen Romanen agierenden Detekti­ve als ein Spiegelbild ihrer Zeit betrachtet werden. Doch alle Detektive, die es jemals gab, aufzuzäh­len, stellt eine Sisy­phusarbeit dar; das Vorhaben, auf alle bekannt gewordenen Detektive einzugehen, ist ebenfalls unaus­führbar. So begnü­gen wir uns hier damit, die – subjektiv – wichtigsten Hel­den dieses Genre aufzuzeigen und kurz auf sie einzugehen.

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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Einführung
Die Vorläufer
Edgar Allan Poe
Sherlock Holmes
Holmes’ Nachfolger
Hercule Poirot
Blick nach Amerika
Kommissar Maigret
„Hard-boiled“
Und in Europa?
„Sex and Crime”
Spionageromane
Epilog

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