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Peter A. Rinck:
Kleine Geschichte der klimatischen Kurorte im Oberitalienischen Seen­gebiet.

60 Seiten.
Zur Zeit vergriffen.

© 1979, 2007, 2017 by Peter A. Rinck

Peter A. Rinck: Klimatische Kurorte • Abschnitt 2

Der "Klimakurort"

Rasch erkannten die Anhänger der beiden Schulen jedoch, daß sich ihre Ansichten zur Behandlung der Tuberkulose nicht gegenseitig ausschlossen, sondern ergänzten und daß nicht Wärme oder Kälte allein die aus­schlag­ge­ben­den Momente für die Auswahl eines klimatischen Kurortes sein konnten.

Auf einen Nenner brachte dies 1879 Josef Schreiber mit der Feststellung:

„Die beiden Extreme, d.I. hohe Wärmegrade ... sowie sehr niedrige Temperatu­ren vereiteln den Hauptzweck der klimatischen Cur: Mög­lichst ausgedehnten Aufenthalt in der frischen Luft.“

Reimer wies 1881 in seinem Handbuch über klimatische Winterkurorte auf die folgenden fünf Gesichtspunkte hin, die nach seiner Ansicht als die wich­tig­sten Größen bei der Beurteilung eines Platzes berücksichtigt werden mußten, der als klimatischer Kurort in Betracht zu kommen schien:

   die Temperaturen am Ort;
   die Luftbewegungen;
   der Luftdruck;
   die Luftfeuchtigkeit;
   die Niederschläge.

Reimers streng naturwissenschaftlich ausgelegter Beschreibung steht die von E. Preller in der „Allgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften und Künste“ aus dem Jahre 1885 gegenüber, eine eher populärwissenschaftlich-medizini­sche Definition des Begriffes Klimakurort:

„Klimatische Curorte sind Orte, deren Klima eine heilsame Einwirkung auf den menschlichen Organismus äußert, auf den gesunden durch Kräftigung dessel­ben und Fernhaltung von Schädlichkeiten, auf den kranken durch den direc­ten Einfluß auf bestehende Leiden aller Art, auf den krank gewesen oder geschwächten Organismus durch be­le­ben­de und re­stau­riren­de Einflüsse.“

Daß allerdings das Klima allein nicht die Voraussetzung für einen kli­ma­ti­schen Kur­ort ausmachen kann, hatte Rudolph von Vivenot bereits 1896 festgestellt. Er erhob in einer ausführlichen Darstellung Palermos als kli­ma­ti­scher Kur­ort zwei generelle Punkte zu den Vorbedingungen für einen der­ar­ti­gen Ort:

Hauptbedingung bildeten natürlich günstige klimatische Verhältnisse, hinzu kam eine zweite Conditio-sine-qua-non, die er als die „socialen Ver­hält­nisse“ umschrieb, diejenigen einheimischen Voraussetzungen also, die man heute ge­meinhin als „lokale Infrastruktur“ bezeichnet.

Hierzu gehören günstige Anreisemöglichkeiten, bequeme Unterkünfte am Ort, eine gute medizinische Versorgung der Kurgäste und Möglichkeiten zur Zerstreuung und Unterhaltung der Kurgäste am Ort ihrer Erholung.

Vivenots Definition kommt der heute noch gültigen des Eidgenössischen Ge­sundheitsamtes aus dem Jahre 1957 sehr viel näher als die rein meteorolo­gisch, klimatologisch oder medizinisch ausgerichteten Eingrenzungen des Be­griffes während der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Die folgen­den Voraussetzungen fußen auf den Erkenntnissen, die während des neun­zehnten und der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in der Kur­ort­kli­ma­for­schung und der medizinischen Klimatologie gewonnen wur­den. Sie besa­ßen damals wie heute die gleiche Gültigkeit:

„1. Klimakurorte im Sinne dieser Definition sind Ortschaften, Teile von solchen und unter gewissen Voraussetzungen einzelne Kuranstalten, die ein Klima mit Heilfaktoren be­sitzen.

Diese Faktoren müssen geeignet sein, eine Umstimmung des mensch­lichen Organismus zu bewirken und dadurch eine Krankheit oder eine Disposition zur Erkrankung so zu beeinflussen oder die Erholung und Kräftigung des Organis­mus derart zu fördern, daß eine Wie­der­her­stel­lung oder Besserung von Ge­sundheit, Leistungs- und Ar­beits­fä­hig­keit erwartet werde kann.

Als klimatische Heilfaktoren kommen in Betracht:

Reizfaktoren, wie Höhenlage, reichliche Besonnung und intensive Strahlung, oder Schonfaktoren, wie Schutz vor stärken Winden, ge­mäßig­te und ausgeglichene Abkühlungsgröße, relative Stabilität der Witterung oder eine Kombination von Rei­z- und Schonfaktoren. Un­gün­sti­ge Klimafaktoren, wie zum Beispiel Nebel und hohe Ab­küh­lungs­größe dürfen nur selten und nur in einem solchen Maße auftreten, daß der Kurerfolg dadurch nicht wesentlich beeinträchtigt wird. Dasselbe gilt in Bezug auf schädliche Auswirkungen von Industrie und Verkehr oder andere störende Einflüsse.

2. ...

3. An den Klimakurorten muß qualifizierte ärztliche Versorgung gesichert sein, und es müssen medizinische Einrichtun­gen für die Untersuchung und Behandlung von Kranken zur Verfügung stehen.

4. An Klimakurorten müssen außerdem folgende Voraussetzungen erfüllt sein:
a) gut eingerichtete und einwandfrei geführte Kurhäuser oder Hotels mit ent­sprechendem Personal und Möglichkeiten für Spezialdiät;
b) einwandfreie Trinkwasserversorgung und Abfallbeseitigung. Für eine wirksame Bekämpfung der Lärm-, Rauch-, Staub- und Insektenplage muß, sofern notwendig, ebenfalls gesorgt sein;
c) geeignete Spazierwege und Gelegenheit zu einem den Kuren ange­passten Training.“


Entstehung von Klimakurorten
in Europa

Nach diesen Definitionen war es vielen Orten nicht mehr möglich, sich als „kli­matische Kurorte“ zu bezeichnen, während andere den Sprung vom Bauern- o­der Fischerdorf zum offiziell anerkannten Kurort unternahmen.

So kristallisierten sich neben Madeira im Laufe der Jahre in Mittel- und Südeuro­pa folgende Orte als internationale Hauptanziehungspunkte heraus:

   Wiesba­den und Baden-Baden im Deutschen Reich,
   die Winter- und Übergangskurorte Meran, Gries, Arco in Österreich-Ungarn,
   daneben der Comer See mit der Tremezzina in Italien, Lugano, Mon­treux, Vevey und Bex an den südlichen Abhängen und an südli­chen Fuß der Mittelalpen,
   Pau und Biarritz im westlichen Frankreich,
   die beiden Rivieren und Südfrankreich mit Cannes, Antibes, Hyères, Nizza, Monaco, Mentone, Bordighera und San Remo.

Dazu kamen einige Orte an der spanischen Mittelmeerküste, das öster­rei­chi­­sche und italienische Küstenland mit Venedig und Görz, und weiter im Süden Ajaccio auf Korsika und die Städte Palermo und Catania auf Sizilien.

Als Höhenkurorte standen Tuberkulosepatienten Davos und Sankt Moritz zur Verfügung.

Die ersten Kurorte in der Schweiz, die internationalen Zuspruch fanden, waren diejenigen am Genfer See. Sie waren aus Skandinavien, Deutschland, Eng­land, Frankreich und Italien gut erreichbar, besaßen ein ausgeglichenes und angenehmes Klima und waren politisch ruhig sowie kulturell attraktiv.

Später gesellten sich Höhenkurorte in Graubünden und die vorerst als Über­gangs­sta­tionen für Reisen in den Süden Europas betrachteten Ortschaften im Kanton Tessin hinzu.

Im Jahre 1876 zählte man in der Schweiz bereits 72 Heilbäder und 104 Mol­ken-, Trauben- und Luftkurorte.

Die Anforderungen für die Gestaltung und den Ausbau der kli­ma­ti­schen Kur­orte waren hoch, aber das Gros der Schweizer Orte, die sich als kli­ma­ti­sche Kur­orte prädestiniert fühlten, schaffte es rasch die gestellten Be­din­gun­gen zu erfüllen, so daß sich die Schweiz schnell international mit ihren Kurorten an die Spitze schob und der Entwicklung im Ausland weit voraus war. Es gelang dem Land besonders mit seinen großen Tu­ber­ku­lo­se­heil­stätten über sechzig Jahre hin eine Monopolstellung in Europa zu halten, die endgültig erst während des Zweiten Weltkrieges beseitigt wurde.


Die Entwicklung der medizinischen Klimatologie

Im Laufe dieser Zeitspanne, etwa zwischen 1850 und 1910, wuchsen auch die Kenntnisse in der medizinischen Klimatologie beträchtlich.

Dieses Grenzgebiet zwischen der Meteorologie und der Inneren Medizin mußte sich am Anfang des 19. Jahrhunderts auf die wenigen bereits vor­han­denen Daten aus der Meteorologie und auf medi­zi­ni­sche Spe­­ku­la­tionen und persönliche Erfahrungen einzelner Ärzte auf der anderen Seite ver­lassen.

Noch im Jahre 1868 wies der Berliner Arzt Dr. Helfft, der sich ausführlich mit bio­klima­to­lo­gischen Fragen beschäftigte, darauf hin, daß vielen kli­ma­ti­schen Kur­or­ten meteorologische Beobachtungen über eine Reihe von Jah­ren hintereinander ohne Unterbrechung fehlten und daß so­mit eine In­di­ka­tions­stellung zur Behandlung bestimmter Krankheiten für diese Ortschaften noch nicht in allen Fällen möglich sei.

Derartige Beobachtungen erfolgten während des 17. und 18. Jahrhunderts größtenteils unkoordiniert von einzelnen daran In­teressierten, mit In­stru­men­ten, die nicht aufeinander abgestimmt waren und mit un­ter­schied­lichen Grad­ein­tei­lungen, die sich nicht miteinander vergleichen lie­ßen. Erst im neunzehnten Jahrhundert richteten viele europäische Staaten ei­gene Wetterstationen ein.

Die erste staatliche Unterstützung für Meteorologen gewährte in der Schweiz der Kanton Tessin; als erster Kanton der Eidgenossenschaft be­wil­lig­te er 1843 die Mittel für die Errichtung eines Netzes me­teo­ro­lo­gi­scher Stationen. Im De­zember 1863 und Januar 1864 folgte die Gründung der Meteorologischen Zentralanstalt in Zürich, die an mehr als 80 Standorten auf dem Gebiet der Eid­genossenschaft meteorologische Stationen ein­rich­te­te und unterhielt; hier er­folgten mehrmals täglich Messungen, die nach Zürich gemeldet wurden.

Im Kanton Tessin wurde die erste offizielle Beobachtungsstation im Jahre 1864 in Lugano eröffnet, in demselben Jahr folgte die Gründung einer Beob­achtungsstation in Bellinzona; 1876 wurde eine Station in Locarno- Monti einge­richtet und 1892 eine weitere auf dem Monte Generoso bei Lugano.

Unter anderem waren folgende Stationen im Kanton Tessin in Betrieb: Airolo (seit 1876), Bellinzona (seit 1864), Comprovasco (seit 1892), Monte Generoso (auf 1224 m über dem Meeresspiegel seit 1869, auf 1610 m Höhe seit 1892), Locarno (seit 1864), Rivera-Bironico (seit 1885) und San Vittore (seit 1868).

Zu diesen Stationen gesellten sich auf der italienischen Seite der Grenze dieje­nigen von Como, Villa Carlotta (Comer See), Luino-Canobbio und Pallanza.

Bereits 1770 hatte der Pfarrer Rudolf Schinz Wetterbeobachtungen und Tem­peraturvergleiche zwischen der Südschweiz und der Nordschweiz an­ge­stellt. Er setzte den Temperaturen in Zürich die gleichzeitig ge­mes­se­nen Werte von Locarno gegenüber. Allerdings sind seine Angaben ungenau und wegen der verwandten Instrumente und Maßeinheiten schlecht nach­voll­zieh­bar.


Zusammenschluß der Klimatologen

Die medizinischen Klimatologen und Balneologen benötigten eine etwas länge­re Zeit als die Meteorologen, um ihre Kenntnisse zu erweitern und schließlich auch zusammenzutragen. Sie gründeten zur Koordination des medizinischen Ausbaus der Kurorte in der Schweiz im Jahre 1900 die Schwei­ze­ri­sche Balneo­logische Gesellschaft, mit dem Ziel, die Ärzteschaft und Erkrankte über die Kurorte der Schweiz und deren Anwendung bei Erkrankungen aufzuklären.

Sehr bedeutsam für den weiteren Gang der schweizerischen Kur­ort­klima­for­­schung war die Gründung des physikalisch-meteorologischen Ob­ser­va­to­rium in Davos durch Karl Dorno (1865-1942). Sein Institut wurde 1922 mit dem Institut für Hochgebirgsphysiologie und Tu­berkuloseforschung zu­sam­men­ge­legt.

Bei der Gründung der Schweizerischen Balneologischen Gesellschaft be­ton­te der Initiator der Unternehmens, Dr. H. Keller, unter anderem einen Wunsch und ein Ziel, das ihm besonders am Herzen lag: Er war davon über­zeugt, daß die klimatischen Kurorte nicht nur, wie bislang geschehen, le­dig­lich den bemittelten Kreisen, die ihren Aufenthalt und ihre Kur aus der eigenen Tasche finanzie­ren konnten, sondern dem ganzen Schweizer Volk und auch weiteren Schichten im Ausland zur Verfügung stehen müßten – eine These, die in diesen Jahren noch als revolutionär galt, denn es fand sich zu diesem Zeitpunkt noch niemand, der die Kosten hierfür über­nom­men hätte.


Abbildung 7:

Übersichtsbücher zur medizinischen Klimatologie und klimatischen Kurorten zuerst bri­ti­scher Autoren, dann auch deutscher folgten den Reisebüchern des späten acht­zehnten und frühen neun­zehnten Jahrhunderts. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erschienen die ersten Bücher über klimatische Kur­orte, meist über Winterkurorte, wo man den har­schen Monaten des Nordens entgehen konnte.


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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Einleitung
Antike Vorbilder
Neue Impulse
Tuberkulose
Der „Klimakurort“
Kurorte in Europa
Klimatologie
Klimatologen
Kosten
Anreise
Der Kanton Tessin
Erschließung
Reisezeit
Indikationen
Lugano
Pallanza, Stresa
Locarno
Schlußbemerkungen

Bibliographie

Home Page


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