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Peter A. Rinck:
Kleine Geschichte der klimatischen Kurorte im Oberitalienischen Seen­gebiet.

60 Seiten.
Zur Zeit vergriffen.

© 1979, 2007, 2017 by Peter A. Rinck

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist ur­he­ber­rech­tlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Ur­he­ber­rechts­gese­tzes ist ohne vorherige schriftliche Zu­stimm­ung des Autors un­zu­lässig und straf­bar. Dies gilt insbesondere für Ver­viel­fäl­ti­gungen, auszugsweise Nutz­ung, Über­set­z­ungen und die Ein­spei­cherung und Ver­ar­bei­tung in elek­tro­ni­schen Systemen.

Die Wiedergabe von Ge­brauch­snamen, Handels­namen, War­en­be­zeich­nungen usw. Auch ohne besondere Kennzeichnung in diesem Buch bedeutet nicht, daß solche Namen im Sinne der einschlägigen Ge­set­ze als frei zu be­trach­ten wä­ren und daher von jeder­mann be­nutzt wer­den dür­fen.

Dieser Text wurde 1979 zum ersten Mal ver­öffent­licht. Da es sich um eine ge­schicht­liche Ar­beit han­delt, wurden spä­tere Daten für diese Aus­gabe nicht erfaßt.

Der Nachdruck der Ab­bil­dungen er­folg­te mit der Ge­neh­mi­gung der In­ha­ber der Rech­te, soweit er­mit­tel­bar.

Die Deutsche Bibliothek ver­zei­chnet diese Ver­öffent­li­chung in der Deut­­schen Na­tional­bib­lio­gra­phie; de­tail­lierte bi­blio­gra­phi­sche Da­ten fin­den sich im Inter­net unter http://dnd.ddb.de.

Peter A. Rinck
Kleine Geschichte
der klimatischen Kurorte
im Oberitalienischen Seengebiet

Einleitung

eit mehr als anderthalb Jahrhunderten, zunehmend nach dem Ersten und be­sonders nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Trend zum Erholungsurlaub und zur Kur zugenommen. Die Gründe hierfür liegen auf der einen Seite in der Wandlung der Arbeits- und Lebens­gewohn­heiten der Bevölkerung in den In­dustrie­staaten während der letzten zwei Jahr­hunderte und der hieraus folgen­den Änderung der Bevöl­kerungs­struk­tur mit dem Übergang des Pro­le­ta­riats in eine wohl­versorgte Mittel­schicht.

Der wachsende Wohlstand breiter Gruppen in der Bevölkerung erlaubte eine Stärkung der präventiven und der nachbehandelnden Medizin.

Auf der anderen Seite schritten die Medizin und die ihr nahestehenden Wissenschaften während dieser Zeit rasch in ihrer Entwicklung voran, neue Er­kenntnisse gewannen in allen Disziplinen Raum, und so erhielt auch die Idee der Erholung und Wiedererlangung der körperlichen und geistigen Leistungsfä­higkeit durch den Aufenthalt an ausgewählten, klimatisch bevorzugten Orten als medizinische Klimatologie ihren Platz in der Reihe der medizinischen Diszi­plinen.

Allein in Deutschland existieren heute nahezu 60 heilklimatische Kurorte neben rund 200 weiteren Kureinrichtungen wie Mineralquellen, Thermal- und Seebä­dern – wobei mit diesen Bezeichnungen natürlich auch Schind­luder betrieben werden kann.

In der Schweiz waren 1961 vom Eidgenössischen Gesundheitsamt und der Schweizerischen Vereinigung der Klimakurorte 42 Ortschaften als heil­klima­­tische Kurorte offiziell anerkannt. In diesem Zusammenhang bedeutet heil­kli­matischer Kurort nicht dasselbe wie Ferienort oder die altertümliche Sommerfri­sche. Das eine schließt zwar das andere nicht aus, beim heil­klimatische Kurort müssen jedoch bestimmte Voraussetzungen gegeben sein.

Dieser Essay beschäftigt sich mit der Entstehung und Entwicklung der me­di­zi­­ni­schen Kli­ma­to­logie am Beispiel des westlichen ober­italieni­schen Seen­gebie­tes. Sie gibt einen kurzen Einblick in die, nicht nur medizinische, Ge­schich­te und regt vielleicht auch zu ein paar Rückschlüssen aus der heu­ti­gen Warte an.

Nicht alles, was heute oft mit einem Lächeln abgetan wird, muß unbedingt schlecht oder unwirksam für einen Patienten sein; die die Medizin beherr­schenden Technologien haben zwar viele Erleichterungen in Diagnostik und Therapie gebracht, aber letztendlich ist die Medizin keine exakte Wissen­schaft, und Wohl­befinden (neudeutsch „Wellneß“) und Re­kon­va­les­zenz von Patienten werden von vielen äußeren Faktoren bestimmt.

Das Klima und der Aufenthalt in einer angenehmen Umgebung sind zwei von ihnen.


Vorbilder in der Antike

Den Gedanken, daß ein Klimawechsel sich positiv auf die Gesundheit eines Kranken auswirken könnte, hatten bereits antike Mediziner. Aretaios, der Kap­padozier (um 50 n. Chr.), riet zum Beispiel zur Behandlung der Phthisis:

„Wenn es die Umstände des Kranken erlauben, so mag er auf dem Meer um­herfahren, und da sein Leben zubringen, denn das salzige Meeres­was­ser hat einen trocknenden Einfluß auf die Geschwüre“.

Abbildung 1:
Aretaios (etwa 80–131 n. Chr.) schrieb ein zweibändiges Kom­pen­dium der Heil­kun­de mit Krank­heits­schil­derun­gen, unter anderem der Lepra, Lun­gen­­schwind­sucht und des Tetanus.


Abbildung 2:
Galen (etwa 129–200 n. Chr.). Vor allem seine Ver­öffent­li­chun­gen zur Ana­tomie waren die Haupt­stütze mit­tel­alter­licher Medizin­lehre. Erst 1400 Jahre nach sei­nem Tode veränderten die Einflüsse von Andreas Vesalius die Lehre der Anato­mie.


Wenig später meinte er bei der Besprechung der Therapie des hartnäckigen Kopfschmerzes, den er als Cephalaea bezeichnete:

„Reisen aus kalten Gegenden in warme und aus feuchten in trockene bekom­men gut.“

Zu den ersten Griechen, die mit der in der Heimat erlernten Medizin in Rom ihr Glück zu machen versuchten, gehörte Asklepiades. Er war ein Ver­fech­ter des­sen, was man heute als physikalisch-diätetische Therapie be­zeich­net: Wasser­kuren, Massagen, genau geregelte aktive Kör­per­be­we­gung, Spa­zier­gän­ge, Gymnastik – und Luftveränderung.

Galen übernahm einen Teil der Lehre von Asklepiades. So schilderte er in seinen Methodi medendi die Larynxerkrankung eines jungen Mannes aus Rom, wahrscheinlich eine Kehlkopftuberkulose, die sich bei einem Auf­ent­halt in Tabiae, einem Ort zwischen Neapel und Sorrent in der Nähe des Gol­fes von Neapel, besserte.

Wie Asklepiades ließ sich Galen keinen natürlichen Heilfaktor entgehen. Schwindsüchtige schickte er zum Beispiel nach Ägypten oder in Höhen­luft­kur­­orte.

Im Vordergrund standen jedoch während des Altertums, des Mittelalters und der frühen Neuzeit die Badekuren in Thermal- und Mineralquellen. Sie wurden im 17. und 18. Jahrhundert durch die Trinkkuren aus ihrer füh­ren­den Rolle ver­drängt, und wenig später trat dann der Aufenthalt von Kran­ken in klimatisch be­günstigten Regionen als weitere Methode der Therapie und Kur hinzu.


Abbildung 3:

Das Thermalbad in Leuk (Leukerbad) war das beliebteste Bad in der Schweiz im acht­zehn­ten Jahrhundert (Gemälde eines unbekannten Malers um 1780).


Neue Impulse

Als das zu dieser Zeit am weitesten handelstreibende und somit überall in der Welt anzutreffende Volk griffen die Engländer die Idee des Kli­ma­wech­sels als Therapeutikum bei Krankheiten, die auf andere Weise nicht an­ge­gan­gen und beherrscht werden konnten, von neuem auf.

Obwohl zu dieser Zeit die Reiselust und der Drang nach Süden andere Völ­ker im Norden Europas auch überkam, waren die Briten lange Zeit sowohl experi­mentell als auch in der Theorie führend auf den Gebieten der Kli­ma­to­lo­gie und Kur­ort­klima­forschung. Im Laufe der ersten Jahrzehnte des neun­zehn­ten Jahr­hunderts übernahmen die Franzosen diese Ideen ebenfalls und trugen viel Ma­terial zum Ausbau der neuen Disziplinen zusammen, vor allem da Südfrankreich zu den herausragenden Reisezielen für heil­kli­ma­ti­sche Kur­auf­ent­halte zählte.

„Les médecins ne peuvent plus maintenant se borner à l’étude des maladies: ils doivent aussi étudier les climats et connaître spéciale­ment ceux qui sont capables de modifier un état pathologique de quelque nature qu’il soit.“

Unterstützt wurde dies durch die klinischen und pathologischen Be­schrei­bun­gen des französischen Arztes René-Théophile-Hyacinthe Laennec (1781-1826), dem Erfinder des Stethoskops, die dieser über die Lun­gen­tu­ber­ku­lose und andere Erkrankungen des Brustraumes lieferte.

Abbildung 4:
René-Théophile-Hyacinthe Laennec (1781-1826).


Tuberkulose –
der Anstoß zur Klimakur

Tuberkulöse Patienten bildeten zu dieser Zeit den Hauptanteil unter den chro­nisch Kranken, für den es kaum eine Hilfe gab. Die Tuberkulose war vom frü­hen Industrie­zeit­alter an wie heute in den Entwicklungs- und zu­neh­mend auch wieder in den „entwickelten“ Ländern die herausragende und eine der bedroh­lichsten Erkrankungen.

Die Anschauungen zur Entstehung und Bekämpfung dieser Krankheit waren selbst unter den Ärzten, die sich ausschließlich mit ihr beschäftigten, sehr un­terschiedlich und umstritten. Noch wußte niemand mit endgültiger Sicher­heit, wodurch sie ausgelöst wurde.

Hunderte von antituberkulösen Mitteln wurden angeboten, angefangen bei Hustenbonbons, über Zucker bis zum Morphium.

Nach der Meinung des in Madeira tätigen deutschen Arztes Dr. Rudolf Schultze bildeten die Phthisiker mindestens fünfundzwanzig Prozent der Kundschaft der Apotheker.

Die Entstehung der Tuberkulose werde durch vielfältige Fak­to­ren unter­stützt. Besonders wies er auf folgendes hin, was in seiner Abhandlung über die Insel Madeira gesperrt gedruckt im ersten Kapitel zu lesen ist:

„Jede überanstrengende Geistes­be­schäf­ti­gung, besonders nächtliches Studi­ren, ist der heranwachsenden Jugend streng zu untersagen.“

Alle waren sich jedoch darüber einig, daß der Aufenthalt an frischer und saube­rer Luft und eine „gesunde Lebensweise“ nur von Nutzen bei der Hei­lung der Krankheit sein könnte.

Der Baden-Badener Arzt Biermann umriß in einem allgemein gehaltenen Werk über klimatische Kurorte und ihre Indikationen einen klimatischen Kurort als ein „aus vielen verschiedenen Bestand­theilen zusammen­ge­setz­tes Medicament“.

Schultze faßte in seiner Broschüre über Madeira die Be­hand­lungs­mög­lich­kei­ten der Tuberkulose mit folgende Worten zusammen:

„Fast alle wissen­schaftlichen Ärzte der Jetztzeit anerkennen, daß die Heilung der Tuberkulose nicht aus der Apotheke, sondern aus der At­mo­s­phäre kommt. Unsere ganze materia medica für diese fürch­ter­liche Seuche besteht in einer reinen, frischen Luft, welche beständig durch Strömungen in sich erneuert wird.“

Während der frühen Zeit der klimatischen Kuren herrschte über­ein­stimmend die Auffassung vor, daß allein ein warmes und mildes Klima einem an Lungen­schwindsucht Erkrankten helfen könne, sich von dieser Erkrankung zu befrei­en.

„Mild nennen wir allgemein dasjenige Klima, wo der Organismus nur eines ge­ringen Kraft­auf­wandes bedarf, um Wetter und äußere Vor­gänge zu ertragen. Je milder das Klima, um so besser für den Kranken.“

So galt die im Atlantik vor der Nordwestküste Afrikas gelegene por­tu­gie­sische Insel Madeira mit ihrem reizfreien, warmen Klima in den ersten vier Jahrzehn­ten des neunzehnten Jahrhunderts als der klimatische Kurort. Die Insel war als wichtige Zwischenstation für die Seeschiffahrt von 1807 bis 1814 in englischer Hand und wurde in erster Linie auch von englischen Pa­ti­en­ten aufgesucht. Für viele Tuberkulöse brachte der Aufenthalt auf Madeira eine Besserung oder zumindest keine weitere Verschlimmerung ihres Lei­dens, doch einige Fälle von Schwindsucht verliefen dort entschieden un­gün­stiger, als man es vorher erwartet hatte. Als Reaktion auf diesen un­er­war­te­ten Ausgang der Kuren bildete sich eine zweite Schule, die eine ent­ge­gen­ge­setzte Lehrmeinung vertrat, und Kälte und Rauheit des Klimas als Heilmittel gegen die Tuberkulose predigte.


Abbildung 5:

„If I must go abroad and forego the pleasures of home, it is better to go to Ma­deira, re­sort­ing at once to the most advantageous climate, than to adopt the half measures of going to Italy, Jersey, or the south of England.“
Andrew Combe zitiert von Dr. Rudolf Schultze in seiner Abhandlung über die Insel Ma­deira: „Aufenthalt der Kranken und Heilung der Tuberkulose daselbst“. Elisabeth von Österreich-Ungarn, Sisi, be­gab sich im Herbst 1860 nach Madeira und verbrachte dort den Winter; ihr Lungenleiden besserte sich.


Am 24. März 1882 hielt Robert Koch im Physiologischen Institut der Berliner Universität seinen berühmt gewordenen Vortrag “Über Tuberculose”.


Abbildung 6:

Am Ende seines Vortages faßte Robert Koch seine Forschungen zu­sammen:
“Und alle diese Tatsachen zusammengenommen, berechtigen zu dem Ausspruch, daß die in den tuberku­lösen Substanzen vorkommenden Bazillen nicht nur Begleiter des tu­ber­ku­lö­sen Prozesses, sondern die Ursachen desselben sind, und daß wir in den Bazillen das ei­gent­liche Tuberkelvirus vor uns haben ...“
Allerdings sollten bis zur möglichen Heilung der Krank­heit durch Antibiotika noch mehr als sechzig Jahre vergehen.


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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Einleitung
Antike Vorbilder
Neue Impulse
Tuberkulose
Der „Klimakurort“
Kurorte in Europa
Klimatologie
Klimatologen
Kosten
Anreise
Der Kanton Tessin
Erschließung
Reisezeit
Indikationen
Lugano
Pallanza, Stresa
Locarno
Schlußbemerkungen

Bibliographie

Home Page


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