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AvW_book

Peter A. Rinck:
Kleine Geschichte der klimatischen Kurorte im Oberitalienischen Seen­gebiet.

60 Seiten.
Zur Zeit vergriffen.

© 1979, 2007, 2017 by Peter A. Rinck

Peter A. Rinck: Klimatische Kurorte • Abschnitt 7

Der Norden – das Schweizer Seeufer des Lago Maggiore:
Locarno und Ascona


Abbildung 19:

Blick über Locarno, etwa 1910.

Über das der Sonne zugewandten nördliche schweizerische Seeufer be­rich­te­te François Medoni 1835 in einem Buch, das er den Reisenden der Dampf­schif­­fahrts­linie zugeeignet hatte. Die Schiffe verkehrten seit 1826 zwischen dem ita­lienischen Sesto Calende am südlichen Ende des Sees und dem Schwei­zer Magadino am nördlichen Seeausgang und benötigten für diese Strecke fast einen ganzen Tag.

Von dem steil abfallenden westlichen Seeufer zwischen Ascona, Ronco und Brissago wußte er folgendes zu erzählen:

„Ce pays se compose de peu d’habitations éparses dans la colline; elles sont pour la plupart occupées par de riches mila­nais, qui viennent ordinairement y passer l’automne. Sa situation toute au midi est des plus agréables, son terroir est passablement fertile en vins d’assez bonne qualité ... on remarque aussi que beau coup de ses habitants parvien­nent à un âge très avancé ce qui est une preuve de la pureté de l’air qu’on re­spire.“

Weiter im Norden, vom Gebiet der Maggia-Halbinsel bis auf die andere Seesei­te nach Magadino galt die Gegend jedoch als der Gesundheit nicht zuträglich. Mitten in diesem Gebiet liegt die Stadt Locarno.

Sie stand unter den Einwirkungen des Sumpfgebietes im Mündungsdelta des Flusses Tessin in den Lago Maggiore. Die Malaria war hier eine verbreitete Er­krankung unter der Bevölkerung. Deswegen war für die Kur­ort­klima­for­scher diese Gegend lange Zeit nicht als Aufenthaltsort für Kranke dis­ku­ta­bel; Locarno wurde entweder überhaupt nicht erwähnt oder mit einigen kurzen Sätzen als für den Aufenthalt von Kranken nicht geeignet abgetan:

„Bei Locarno an der Nordspitze des Sees ist die Gegend ungesund und sump­fig. Es brechen aus dem Ticino(Tessin-) und Maggiathal kalte mit Gletscherluft gemischte Winde hervor, und die Breite des Sees scheint bei den starken Tem­peraturschwankungen die Bildung von Nebeln zu begünstigen.“

Erst 1885 schaffte die Korrektur und Kanalisierung des Verlaufes des Tessin eine Abhilfe, so daß 45 Jahre später sogar die Malaria eine der Indikationen für eine Kur in Locarno bilden konnte.



Abbildung 20:

Die Wallfahrtskirche Madonna del Sasso oberhalb Locarno auf einem Frem­­den­ver­kehrs­plakat von 1944. Der Kreuzweg zur Kirche Ma­donna del Sasso, etwa 1910.

Exakte medizinische Beschreibungen des Klimas und der Klimawerte Lo­car­nos finden sich erst gegen Ende des neunzehnten und Anfang des zwan­zig­sten Jahrhunderts. Die erste Abhandlung zu diesem Thema veröffentlichte der Ho­telarzt des Grand Hôtel Locarno, Dr. Aloys Martin, im Jahre 1908. Er schrieb unter anderem:

„Die Luft in Locarno ist rein, völlig staub- und nebelfrei, milde an­re­gend und mässig feucht. Der Himmel ist meist klar, während der Win­ter­sai­son unveränderlich blau und von auffallender Transparenz. Die Zahl der sonnenhellen Tage mit auffallend starker Insolation ist sehr gross, während die Zahl der Regentage sehr gering ist.

Dadurch wird es möglich, sich fast täglich im Freien zu ergehen, zumal der Bo­den nach Regen sehr rasch wieder trocken wird. Locarno ist der­je­nige Ort am Langen See (= Lago Maggiore), der am besten gegen Win­de ge­schützt ist, da er ringsum, namentlich gegen Norden, von hohen Bergen umgeben ist, wofür die üppige südliche Vegetation uns den deutlichen Beweis liefert.“

Martin unterstrich damit das Gegenteil dessen, was Reimer über Locarno ge­äußert hatte. Von kalten Bergwinden war hier keine Rede mehr, ebenso wenig von einer ungesunden, sumpfigen Gegend.

Es ist allerdings zweifelhaft, ob man der Beschreibung der einzelnen Au­to­ren, hier der von Aloys Martin, ohne Bedenken folgen darf, denn ge­le­gent­lich han­delt es sich sicher auch bei wissenschaftlich ausgelegten Be­schrei­bun­gen um Public-Relations-Veröffentlichungen der einzelnen Kurorte, in denen die positi­ven Seiten herausgekehrt, die negativen jedoch ver­schwie­gen werden.

Verläßlich sind nur die kontrollierbaren Klimawerte.

Die ersten speziellen Heilanzeigen brachte ebenfalls Martin im Jahre 1908. Er schrieb:

„Indiziert ist Locarno in Fällen von:
1. chronischen Katarrhen und Entzündun­gen der Schleimhaut der Atmungsorgane, namentlich des Rachens und des Kehlkop­fes,
2. von Asthma und Bronchiektasie,
3. von chronischer Induration des Lun­gengewebes,
4. von pleuritischem Exsudate,
5. von chronischer Nierenentzün­dung,
6. von verschiedenen Krankheiten des Zentralnervensystems, wie Über­reizungen des Gehirns, Schlaflosigkeit etc.

Schliesslich ist es allen Rekonva­leszenten nach akuten Krankheiten und namentlich Kindern nach überstande­nen Masern oder Keuchhusten und bei gestörten körperlicher Entwicklung und allen Ruhebedürftigen zu empfehlen.“

Die Sterblichkeit an Kinderkrankheiten war zu dieser Zeit noch sehr hoch. Ex­emplarisch seien hier einige Zahlen aus der Sterbestatistik der Berliner Klini­schen Wochenschrift (Nr. 17, 1880) angeführt:

„In der Woche vom 11. bis 17. April sind hier 630 Personen gestorben. Todes­ursachen: Masern 18, Scharlach 12, ... Schwindsucht 88, ..., Keuchhusten 6, ...“

Bei dem ausgesprochenen Schonklima Locarnos im Herbst und Winter, das im Frühjahr durch eine leichte Reizwirkung ergänzt wird, ergab es sich ganz natür­lich, daß zunächst allgemeine Erkrankungen, Schwächezustände und nervöse Erscheinungen hier eine Behandlung erfuhren.

In einer ausführlichen Untersuchung des Arztes Dr. H. Feitis, der im Kurhaus Orselina über Locarno arbeitete, wurden diese noch spärlichen Indikationen er­gänzt.

Locarno, so meinte Feitis, sei geeignet für Rekonvaleszenten, besonders nach Infektionskrankheiten, Frauenleiden, Operationen und Apoplexie. Ferner könne der Ort aufgesucht werden von Patienten, die unter chro­ni­schen und subchro­nischen Magen-Darmerkrankungen, Leberund Herzleiden, ohne oder mit leich­ten Dekompensationen, Coronarsklerose, Hypertonien, Arteriosklerose, Diabe­tes und Fettsucht litten.

Auch zur Behandlung oder Auskurierung von Psychoneurosen, Psychosen, Neurasthenie und organischen Nervenkrankheiten sei Locarno richtig als Kur­ort, und natürlich bei allgemeiner Konstitutionsschwäche und im Se­nium.

Weit wichtigere Bedeutung habe allerdings die klimatologische Beratung bei folgenden Krankheitszuständen:

„1. Erkrankungen der Atmungsorgane: Chronische und subchronische Laryngi­tis, Tracheitis, trockene Bronchitis.
2. Feuchte und eitrige Bronchitis, Bronchiektasen.
3. Asthma bronchiale.
4. Lungentuberkulose, mit der besonderen Indikation für Locarno bei Frühinfiltraten.
5. Tuberkulose der Knochen, Gelenke, des Bauchfells, der Halsund Halsdrüsen, Skrophulose.
6. Nierenerkrankungen.
7. Bluterkrankungen.
8. Neuritis, Neuralgie, Tabes.
9. Rheumatische Erkrankungen, chronische Arthritis, Gicht.
10. Chronische Malaria, chronische Dysenterie, Sprue, Tropenneurasthe­nie.“

Als Kommentar zur Indikation der Lungentuberkulose meinte Feitis unter Hin­weis darauf, daß für Tuberkuloseerkrankte viele unterschiedliche Kli­ma­ta emp­fohlen würden, daß die Lungentuberkulose nicht zu den kli­ma­sen­si­be­len Er­krankungen gehöre, sondern dort ausgeheilt werden könne, wo auch für den Gesunden ein optimales Klima herrsche.

Die Zusammenstellung von Indikationen von Feitis muß auch heute noch als die umfassendste für Locarno gelten. Die im Kleinen Klimabuch der Schweiz aus dem Jahre 1961 enthaltenen Heilanzeigen sind bei weitem nicht derart de­tailliert wie die von Feitis. Die in dieser Broschüre zusammengefaßten In­di­ka­­ti­onen schließen lediglich folgende Krankheitszustände ein:

„Schlecht kompensierte Herzschäden, chronisch-degenerativer Rheumatismus, Nervosität und Schlaflosigkeit, Rekonvaleszenz, insbesondere bei älteren Per­sonen.“

Für die Leiden empfahl Schmid-Curtius die Zeit zwischen dem 1. September und dem 1. März als die günstigste für eine Kur.

Alle neuen Erkenntnisse, die sich in irgendeiner Weise mit der bio­kli­ma­ti­schen Medizin in Verbindung bringen ließen, wurden von den Kurärzten herangezo­gen, um die gesundheitsfördernde Wirkung ihres Kurortes zu untermauern.

So maß man nach der Entdeckung der elektromagnetischen Strahlung in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ihr eine Unterstützung der kli­ma­ti­schen Wirkung zu.

Schmid-Curtius wies auf eine hohe Bodenradioaktivität im Bereich von Lo­car­no hin, und was für Lugano der Ozon war, wurde für Locarno die Ra­dio­ak­ti­vi­tät.

„An der vielfach beobachteten Regenerationskraft des Klimas von Locarno, vor allem bei Rekonvaleszenten und Neurasthenikern, dürfte die Erdstrahlung mit der Zeit der ihr gebührende Anteil zugesprochen werden. Gerade Menschen, die sonst auf einem emanationsarmen Untergrund leben (Kalk, Keuper, Sedimente usw.) finden überraschend schnelle Wiederherstellung. Auch für Diabetiker liegen ärztliche Erfahrungen aus dem Tessin vor, die darauf hinweisen, daß der feste Un­tergrund bei der Klima- und Heilwirkung mit beteiligt sein muß.“

Zur Unterstützung der klimatischen Kur bei diesen Indikationen schlug Schmid-Curtius neben einem ausgedehnten Aufenthalt im Freien phy­si­ka­li­sche Anwen­dungen vor. Der Kurgast könne außerdem Diätkuren, wie zum Beispiel Trau­ben-RohkostKuren oder die Bircher-Diät, durchführen. Zudem seien Grat-, Gip­felund Gletscherwanderungen möglich, und Freiluft- und Sonnenbädern stehe fast das ganze Jahr über nichts im Wege.


Abbildung 21:
Locarno. Werbeplakat 1932.


Hierzu komme ein nicht zu unterschätzender Faktor:

„... das ist der erleichternde und erhebende Einfluß, den die Lichtfülle dort auf den Menschen ausübt.“

Die Sonne, die im Gebiet von Locarno weit mehr Stunden im Jahr scheint, als in der Deutschschweiz und in Deutschland, läßt eine Vegetation ent­ste­hen,

“die in ihrer Formen-und Farbenpracht gerade den manchmal ver­hetz­ten, bedrück­ten und verfinsterten Großstadtmenschen eine helle Freu­de zu sein vermag.

Ob es die Blütenpracht der Mimosen, Camelien, Azaleen und Rho­do­den­dren im Frühjahr ist, oder die Ginsterblüte an den Berghängen, na­ment­lich am Hö­henweg nach Ronco, im Mai, oder der Traubensegen in den Reblauben im Her­bst, oder die langandauernden Abend­be­leuch­tungen nach Sonnenuntergang im Winter, immer trifft das Auge auf Bilder, die durch Naturschönheit die Seele des Menschen zu erheben vermögen. Die Lichtfülle dieses Gebietes, mit allem, was damit zu­sam­men­hängt, ist ein Heilfaktor von nicht zu unterschätzender Be­deu­tung.“


Abbildung 22:
Das den Seeblick dominierende Grand Hôtel Locarno Anfang des zwan­zig­sten Jahrhunderts.


Das größte Gebäude Locarnos war seit 1876 das Grand Hôtel Locarno, ein mächtiger, dreistöckiger Bau, der aus der Mitte der Stadt herausragte, zum See hin gewandt, mit einem großen, parkähnlichen Garten, der mit Ge­wäch­sen aus Afrika und Asien bepflanzt war.

„Das Innere des Hôtels zeichnet sich aus durch hohe luftige Räume, einen herrlichen Speisesaal und ein mit wahrer Raumverschwendung gebautes grossartiges Stiegenhaus, sowie durch breite und helle Cor­ri­dore. Im Winter sind all’ diese Räume durch Luftheizung gleichmässig erwärmt und ersetzen somit eine Wandelbahn vortrefflich, falls Regen eine Promenade im Freien nicht zulässt.“

Der Kurverwalter Bally schrieb 1910 über das Grand Hôtel Locarno:

„Dieser auf leichter Anhöhe zwischen dem angrenzenden Gotthard-Bahnhof und der Schiffslände in prächtigster und ganz besonders ge­schütz­ter Lage, mit seiner Hauptfront nach Südost gelegene und dem See zugekehrte grossartige Hotel­bau zählt zu den schönsten Gebäuden dieser Gattung in der Schweiz und wur­de erst in den allerletzten Jah­ren unter Leitung eines erfahrenen Arztes nach den Vorschriften der Hygiene besonders für den Winterwie den Frühjahrs- und Herbst­auf­ent­halt eingerichtet und von seinen Eigentümern mit allem nur mögli­chen Komfort ausgestattet.

Wie nirgends sonst in der Schweiz, in Italien und dem südlichen Frank­reich, sind die 200 hohen und geräumigen, zum Teil mit Erkern und Balkons ge­schmückten Salons und Zimmer sämtlich electrisch be­leuch­tet, mit Parkettfuss­böden belegt, mit Warmwasser-Zentralheizung und trefflich heizenden Kachel­öfen, Winterfenstern und eisernen Bett­stel­len versehen, Badekabinette und Ap­partements mit Pri­vat­bade­zim­mern in jedem Stockwerke eingerichtet, das un­gewöhnlich grosse und weite Treppenhaus mit Personenaufzug, wie die lichten und breiten, zum Teil von oben beleuchteten und vorzüglich ventilierten Gänge mit Zentralheizung versehen und mit dichten Teppichen belegt, und den pracht­vol­­len Speise-, Konversations-, Lese- und Musiksalons ist ein klei­ner Wintergarten zugebaut, durch welche verschiedenen An­nehm­lich­kei­ten und Bequemlichkeiten es den Gästen ermöglicht wird, sich selbst bei regnerischem Wetter ebenso ausgiebige wie angenehme Bewegung zu verschaffen.

Niemand, selbst nicht der erfrorenste und verwöhnteste Nordländer, wird hier – in diesem Muster eines Gasthofes im Süden – die Vorzüge seines Heimes vermissen, zumal das ‚Hotel Locarno‘ noch ein grosser, terrassenförmig ansteigender, parkähnlicher Garten umgibt, den selbst im Winter eine vollkommene südliche Vegetation schmückt und hierdurch dem Besucher nicht bloss täglich neue Unterhaltung und Wechsel im Vergnügen bietet, sondern auch durch den prachtvollen Aus­blick auf die wahrhaft grossartige Umgebung mit ihren stets wech­seln­den Be­leuchtungen sein Auge hoch erfreut und ihn im Anschauen dieser zauberischen Natur nicht müde werden lässt.“

Außer diesem Hotel, das auch über einen eigenen Arzt und ein Schiffahrts- und Eisenbahnbüro verfügte, existierten in Locarno noch das Hôtel Suisse (Schwei­zerhof), das Fischer als ein Hotel zweiten Ranges bezeichnete, die Hotel-Pen­sion Reber – “für längeren Familienaufenthalt,“ und die Hotel-Pension de la Couronne in der Nähe des Landungsplatzes der Schif­fahrts­linie.

Die Stadt Locarno selbst rühmte sich in diesen Jahren bereits für Fahrräder und Automobile geeignete Straßen zu besitzen. Eine neue Wasserleitung ver­sorgte die gesamte Stadt mit Trinkwasser, die Abwässer wurden durch ein Ka­nalisationssystem in den See geleitet.

Sport treiben konnten die Kurgäste und Touristen auf mehreren, aufwendig an­gelegten Tennisplätzen und einem Golfplatz in der Nähe.

1938 verzeichnete das Schweizerische Medizinische Jahrbuch bereits 50 Ho­tels mit 1500 Betten.


Abbildung 23:
Oben: Diligence für den Post- und Personenverkehr zwischen Locarno und Ascona, 1880.
Unten: Postbus für die Strecke Locarno-Ascona-Brissago, 1910.


Wenige Kilometer südlich von Locarno, auf der anderen Seite der vom Delta des kleines Flusses Maggia in den See vorgeschobenen Halbinsel liegt Asco­na. In der Nähe des damaligen kleinen Dorfes ließen sich um das Jahr 1900 ei­nige Ausländer nieder, denen der Lebenwandel in ihrer Heimat zuwider war und die ein naturverbundenes, einfaches Leben anstrebten.

Zu ihnen gehörte der Belgier Henri Oedenkoven, der das Kapital für den An­kauf eines dreiein­halb Hektar großen Landstückes oberhalb von Ascona zur Verfügung stellte. Hier entstand unter dem Namen „Monte Verità“ eine Ko­lo­nie von Naturaposteln und Vegetariern, denen im Laufe der Zeit ein Groß­teil ihres Idealismus schwand. Der Geldgeber Oedenkoven und die übrigen Mitglieder begannen bereits von 1901 an die Kolonie in eine Na­tur­heil­an­stalt umzuwandeln.


Abbildung 24:
Oben: Naturheilanstalt „Monte Verità” – Heliotherapie.
Unten: Vor den Stufen des Ge­sell­schafts­hau­ses und späteren Res­tau­rants steht Her­mann Hesse (Mitte, frontal zum Haus) in einer Gruppe der „Naturapostel“; er unterzog sich 1906 einer Kur auf dem Monte Verità.


Noch lebten die Angehörigen in einer Art Urkommunismus als Kommune zu­sammen, als 1902 der erste Prospekt des Sanatoriums „Monte Verità“ er­schien.

Er kündigte eine Naturheilanstalt auf freigenossenschaftlicher Basis an. Eine Kaltwasserheilanstalt wurde angegliedert, außerdem führten die Grün­der die Heliotherapie ein; sie wurde nach der Er­richtung des Haupt­ge­bäudes der Kolonie auf dessen Dach durchgeführt, um die Patienten vor neugierigen Blicken zu schützen.

Wegen der widersprüchlichen Artikel in der deutschsprachigen Presse ließ der Besuch des Sanatoriums jedoch zu wün­schen übrig. Die Finanzlage blieb schlecht, so daß sich Oedenkoven ent­schloß, von den in großen Mengen aus dem Süden, der Mailänder Gegend, und aus der Deutschschweiz an­rei­sen­den Besuchern, die nur einen Tagesaus­flug machten, um das Sanatorium zu besichtigen und die Rohköstler zu bestau­nen wie die Tiere im Zoo, jeweils zwei Franken Eintritt zu verlangen.

Im Laufe der Jahre wurde die Propaganda in der Schweiz und in Deutsch­land ausgeweitet, und die Zahl der Gäste wuchs langsam. Trotz der Na­tur­ver­­bun­den­heit der Kolonisten waren moderne technische Errungenschaften beilei­be nicht vom Monte Verità verbannt; die Siedler hatten zum Beispiel als erste in der weiteren Umgebung bereits kurz nach der Gründung einen Stromanschluß.

Im Jahre 1907 besuchte ein Berichterstatter des Berliner Lokal-Anzeigers den Monte Verità und verfaßte anschließend hierüber einen Artikel für sei­ne Zei­tung.

Er schilderte das Sanatorium folgendermaßen:

„Im Zentralhause befinden sich ein Konversations- und Lesezimmer, ein Musikzimmer, ein Spielzimmer usw., kurz: alles, was man allerdings in verkleinerter und vereinfachter Weise in ei­nem modernen Sanatorium vorfindet.

Um das Hauptgebäude gruppieren sich kleine Häuschen, die nur ein großes Zimmer für ein, höchstens zwei Personen enthalten; das Mobiliar besteht aus eisernen Normalbetten, Stühlen und Waschtischen; ein Vorhang trennt Schlaf- und Arbeitsteil, der einen Sekretär, einen französischen Schütt­holz­ofen, einen Sessel und einen Schiffsstuhl aufweist; in die Wände sind Schrän­ke eingelassen. In diesem Wohnsystem soll die Freiheit des In­di­vi­duums, das nicht als Herdenoder Hotelmensch gelten soll, zum Ausdruck kom­men.

Alle Bauten, alle Innenräume sind aus geöltem Holz hergestellt, sauber gehal­ten, mit elektrischem Licht und breiten Fensteröffnungen versehen; denn Licht und Sonne – viel Sonne suchen die hier in der Natur lebenden Menschen. Luft- und Sonnenbäder, bei denen die Ge­schlechts­ge­mein­schaft ausgeschlos­sen ist, Garten- und Ackerplätze für die Beschäftigung im Freien, ja selbst ein Tennisplatz fehlen nicht.“

In der darauf folgenden Jahren, besonders in der Kriegs- und Nach­kriegs­zeit machte die Gruppe um Henri Oedenkoven auf dem Monte Verità den kleinen, damals noch weltabgeschiedenen Tessiner Ort Ascona zu einem Mekka der von der Zivilisation Enttäuschten, der Vegetarier und Theo­so­phen, später auch der Maler, Musiker und Schriftsteller, deren Anwesenheit das Bild des Ortes zu prägen begann, Ascona für Fremde anziehend machte und zu seiner Gestalt bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg beitrug.

Dabei ging der idealistische Charakter der Kolonie auf dem Monte Verità rasch verloren, und das Sanatorium wandelte sich später in ein mondänes Hotel, in den sich berühmte, aber auch lediglich reiche Leute ein Stell­dich­ein gaben. Heute ist es ein Schulungszentrum der Eidgenössichen Tech­ni­schen Hoch­schule in Zürich.



Abbildung 25:

Werbeplakate: Ascona und Brissago, etwa 1934.

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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Einleitung
Antike Vorbilder
Neue Impulse
Tuberkulose
Der „Klimakurort“
Kurorte in Europa
Klimatologie
Klimatologen
Kosten
Anreise
Der Kanton Tessin
Erschließung
Reisezeit
Indikationen
Lugano
Pallanza, Stresa
Locarno
Schlußbemerkungen

Bibliographie

Home Page


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