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Peter A. Rinck:
Kleine Geschichte der klimatischen Kurorte im Oberitalienischen Seen­gebiet.

60 Seiten.
Zur Zeit vergriffen.

© 1979, 2007, 2017 by Peter A. Rinck

Peter A. Rinck: Klimatische Kurorte • Abschnitt 4

Reisezeit und Einteilung der Kurorte

Die einzelnen klimatischen Kurorte in der Schweiz wurden von den Autoren der klimatologischen Untersuchungen in Sommer-, Mittel- und Über­gangs­sta­tionen unterteilt, während die weiter südlich in Frankreich und Italien gelegenen Orte, die der Sonneneinstrahlung in den kalten Monaten stärker ausgesetzt waren, als Winterkurorte bezeichnet wur­den.

Zu den Übergangs- oder Mittelstationen rechneten die Erholungsplätze in Südti­rol, im Oberitalienischen Seengebiet und am Genfer See in der West­schweiz. Diese Gebiete stehen unter dem unmittelbaren Windschutz der Alpen, so daß die Temperaturen hier im Herbst, Winter und Frühling um zwei bis drei Grad über denen nördlich des Alpenkammes liegen. Dies be­deu­tet zwar nicht, daß man an diesen Orten ein südlich-mediterranes Klima vorfindet, aber immerhin ein Klima, das in den Monaten zwischen Sep­tem­ber und Mai zumeist angeneh­mer ist als das in den nördlichen Regionen Europas.

Die absolute Luftfeuchtigkeit liegt niedriger als im Norden, und die Tem­pe­ra­tu­­ren sind kühl, jedoch nicht kalt.

In den frühen Jahren der klimatischen Kuren verweilte ein Großteil der Rei­sen­­den an den Übergangsstationen jeweils einige Wochen im Herbst, um an­schlie­ß­end die Reise in den Süden fortzusetzen, und umgekehrt einige Wochen im Frühjahr, um dann nach Deutschland oder in die jeweiligen Hei­mat­län­der zurückzureisen.

Ein Schritt zum Ausbau der Übergangsstationen war der gewaltige kli­ma­ti­sche Unterschied zwischen den italienischen und deutschen Regionen im Frühlings. Während es in Italien bereits früh im Jahr sehr heiß werden kann, muß man hierauf in Deutschland meist bis spät ins Frühjahr hinein oder gar bis in den Juli warten.

Lindemann verwies darauf, daß die meisten Reisenden ihre Rückreise in den Norden zu früh anträten. Vor Juni sei in Deutschland nicht mit beständigem warmen Wetter zu rechnen, so daß es angeraten sei, sich im Mai an einer der Übergangsstationen zu akklimatisieren und erst später den Übergang über die Alpen zu unternehmen.

Sigmund meinte bereits 1859 hierzu:

„Die Rückreise aus dem Süden sollte niemals zu früh angetreten wer­den, als die meisten Curgäste im Vertrauen auf den ‘schönen Mai’ in Mitteleuropa zu thun pflegen. Der Mai war von jeher nur den Malern und Dichtern d.h. der Phantasie schön, ..."

Später wandelte sich das Bild der Übergangsstationen, und Orte wie Meran, Como, Lugano und Pallanza wurden auch als Winteraufenthalte populär, denn inzwischen hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß die Wärme nicht des eigentliche Ziel der therapeutischen Maßnahmen sein sollte, son­dern daß sie nur Mittel zu dem Zweck sein konnte, sich mehrere Stun­den am Tag im Freien an einer frischen und reinen Luft aufhalten zu können. Reimer umriß diese Ent­wicklung folgendermaßen:

„Wegen ihrer relativ niedrigen Wärmegrade hat man diese Kurorte als Überg­angsstationen bezeichnet. Für manche Wärmebedürftige sind sie es in der That; diese finden dort im Her­bst und Frühling bei gleich­zei­ti­gen Trauben- oder Molkenkuren ein vortreffliches Asyl. Aber schlecht­weg ist ihr Wirkungskreis mit diesem Namen keineswegs genügend be­zeich­net; denn Hunderte von Kranken bleiben dort den ganzen Win­ter und machen eine recht gute Kur, und wir kennen viele Norddeutsche, welche zu wiederholten Malen in Meran, Montreux etc. waren und im­mer wieder mit Vorliebe auf diese Orte zurückkommen.“

Wichtig für eine endgültige Bestimmung eines Ortes zum klimatischen Kur­ort ist das

„Mikroklima, das örtliche Klima, das bestimmt wird durch die Lage zu umliegenden Bergen, Gewässern, abhängig ist von der Größe und Rich­tung von Tälern, von der Flora der Umgebung, vom Windschutz und von vielen weiteren Einzelfaktoren.“


Indikationen

Besonders günstig seien die Übergangsstationen, urteilte Schreiber 1879, für solche Patienten, die aus dem hohen Norden stammten und sehr nie­dri­ge Tem­peraturen von dort gewohnt seien. Für sie wäre es ausgesprochen abträglich, in den tiefen Süden zu reisen, wo auch im Winter hohe Tem­pe­ra­tu­ren auftreten, da sie diese Temperaturen nicht vertrügen.

Denn der Kranke müsse wissen, daß man mit Sonne sein Leiden nicht heilen könne und daß auch sonnenlose und regnerische Tage, an denen er unter dem Schutz einer Wandelbahn oder eines Regenschirmes seine Runden im Freien ziehe, zur Heilung beitrügen.

Nach der Meinung der Kurärzte dieser Zeit bedeutete für viele die leichte Ab­härtung, die sie den Orten im südlichen Alpengebiet erlebten, einen bes­se­ren Heilerfolg als der Aufenthalt an weiter im Süden gelegenen Ort­schaf­ten, die im Winter und insbesondere im Frühjahr wärmer und damit für den Körper weniger herausfordernd seien als die kühleren nördlichen Kurorte.

„Das Idealklima des kranken Menschen wäre wohl ein mäßig feuchtes, bzw. Ein mäßig trockenes mit periodischen kräftigen Niederschlägen, sodaß die Staub­entwicklung gerade hintangehalten wird, aber die Bo­den­feuch­tig­keit keinen zu hohen Grad erreicht und die Son­nen­ein­wir­kung gut zur Geltung kommt. An den Südhängen der Alpen scheint die­ses Idealklima ... sich bis zu einem gewissen Grade zu ver­wirk­li­chen.“

Diese Feststellung van Oordts aus dem Jahre 1920 läßt sich durch die An­wei­­sun­gen Klenckes in seinem „Taschenbuch für Badereisende“ er­gän­zen.

Nach seiner Meinung muß zu der Auseinandersetzung des kranken Körpers mit dem Klima eine Änderung der Lebensgewohnheiten des Patienten tre­ten, ohne die eine Kur nicht sinnvoll durchgeführt werden könne.

„... es genügt nicht, daß der Kranke in einem solchen Klima wohnt und lebt: er muß hier nicht als Tourist, Naturfreund oder zum Zwecke sei­ner Annehmlichkeiten, son­dern ganz und gar seiner Gesundheit le­ben, in Diät, angemessener Bewegung und Ruhe, Tageseintheilung, Be­klei­dung, und dieselben den lokale Verhältnis­sen anpassen.“

Den Behandlungserfolg der klimatischen Kur in allgemeinen machte Lebert in einem Essay über Vevey und die Bucht von Montreux am Genfer See von einer guten „Hygiene“ als Grundbedingung abhängig. Lebert verstand unter Hygiene im klimatischen Sinne eine generelle Ruhe, den Aufenthalt an der frischen Luft mit viel Bewegung, gute und nahrhafte Kost und eine richtige psychische Be­handlung des Patienten von seiten des Kurarztes aus.

Unter den Patienten bildeten die an Tuberkulose, zumeist an Lun­gen­tu­ber­ku­lo­­se Erkrankten den Hauptteil derer, die sich im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert an kli­­ma­ti­schen Kur­orten aufhielten. Wie in der Inneren Medizin wid­me­ten auch die Kurärzte und die wissenschaftlichen Autoren, die sich mit klimatischen Kuren beschäftigten, einen Großteil ihrer Betrachtungen die­ser Krankheit.

Clark hatte zwar bereits 1829 eine breite Palette von Erkrankungen be­schrie­­ben, bei denen er riet, England zu verlassen oder zumindest Orte an der bri­tischen Küste aufzusuchen, und auch Helfft hatte 1868 eingeräumt:

„(Es) giebt eine große Anzahl anderer Krankheiten, bei welchen durch Aufent­halt in südlichen Breiten entweder dem Fortschreiten des pa­tho­lo­gi­schen Pro­cesses Einhalt gethan oder die Heilung gefördert wird...“

Dennoch blieb die Tuberkulose das Hauptaugenmerk auch dieser Autoren. Eine Ausnahme bildeten hierbei die Kurorte im Oberitalienischen Seen­ge­biet. Die Heilanzeigen für die Südschweiz und Oberitalien enthielten von Anfang an nicht nur die traditionellen Erkrankungen des tuberkulösen Krei­ses, sondern waren bereits auf weitere Krankheiten aus­gerichtet. Carrière hob beispielsweise 1849 in seinem Buch über das Klima Ita­liens hervor, daß er den Comer See dem Lago Maggiore als Heilstätte für die Lun­gen­schwind­sucht vorziehe, daß jedoch der Lago Maggiore auf andere Er­krankungen durchaus einen positiven Einfluß habe:

„L’influence de son atmosphère, plus agitée, plus changeante, plus fraîche et plus tonique, exercerait une action favorable sur les catar­rhes chroniques, les débilités générales et celles des organes de la di­ges­tion ... il ne faut pas (ce­pendant), laisser ici une lacune en oubliant la folie sous les formes paralytique et lypémaniaque.“

Eine ähnliche Auffassung vertrat Helfft 1866 zum Thema der Lun­gen­schwind­sucht:

„Weit weniger geeignet für an Lungenaffektionen leidende Kranke ist der Auf­enthalt am Lago Maggiore ...“

Neun Jahre später schrieb Klencke ebenfalls zur Behandlung von Lun­gen­er­­kran­kungen:

„Lago Maggiore, klimatische Kurlandschaft, ist weniger für Lun­gen­kran­ke ge­eignet, als der Comersee, weil die umgebenden Berge nicht hoch genug sind, um vor Winden zu schützen ... “

Später wurden diese Auffassungen teilweise wieder aufgegeben oder re­vi­diert. Wahrscheinlich haben sich außer dem ersten Autor, der sich zu diesen Thema noch seine eigenen Gedanken machte, selbst nachforschte und aus eigener Erfahrung schrieb, die nachfolgenden Autoren nicht weiter mit dem Gegen­stand beschäftigt, sondern kritiklos Carrières Ansichten über­nom­men. Helfft verwies in seinem Artikel in der Berliner klinischen Wo­chen­schrift sogar direkt auf Carrière.

Für die Ufer des Lago Maggiore gab Helfft als weitere Indikationen die fol­gen­­den Erkrankungen an:

„Personen, welche an alten chronischen Bronchialcatarrhen, all­ge­mei­ner Schwäche nach überstandenen acuten Krankheiten leiden, sowie Anämischen und Chlorotischen mag ... eine solche, mehr tonisirende, belebende Luft zusa­gen, und diesen dürfte ein längerer Aufenthalt in Baveno, Pallanza, Stresa, auch Isola Bella während des Spätsommers zu empfehlen sein.“

Biermann schlug eine Kur an den Oberitalienischen Seen im Herbst und Früh­ling als Prophylaxe gegen die Phthise bereits 1872 vor; er stand zwar mit die­ser Indikationsstellung nicht alleine da, aber vorbeugende Maß­nah­men gegen Erkrankungen gleich welcher Natur gehörten zu dieser Zeit noch selten zur Ge­sundheitsfürsorge; sie stellten eine neuen Aspekt bei der klimatischen Kur dar. Neben dieser Heilanzeige empfahl Biermann den Auf­ent­halt bei Rekonvales­zenz, chronischem Pharynxkatarrh, Laryngitis und Bronchitis am Lago Maggio­re.

Knapp zehn Jahre später erschienen bereits die ersten detaillierten In­di­ka­tio­nen für die Ortschaften Lugano, Pallanza und Locarno.


Abbildung 12:

Plakate für die Gotthardbahn, teilweise mit Landkarten und Fahrplänen, um 1900.


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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Einleitung
Antike Vorbilder
Neue Impulse
Tuberkulose
Der „Klimakurort“
Kurorte in Europa
Klimatologie
Klimatologen
Kosten
Anreise
Der Kanton Tessin
Erschließung
Reisezeit
Indikationen
Lugano
Pallanza, Stresa
Locarno
Schlußbemerkungen

Bibliographie

Home Page


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