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Peter A. Rinck:
Kleine Geschichte der klimatischen Kurorte im Oberitalienischen Seen­gebiet.

60 Seiten.
Zur Zeit vergriffen.

© 1979, 2007, 2017 by Peter A. Rinck

Peter A. Rinck: Klimatische Kurorte • Abschnitt 6

Der Süden – das italienische Seeufer des Lago Maggiore:
Pallanza, Stresa und Baveno


Abbildung 17:

Lago Maggiore mit der Isola Bella. Aquarell von Gabriel Lory fils, 1807.

Am südlichen, dem italienischen Ufer des Lago Maggiore, bemühte sich ein halbes Dutzend Ortschaften, als klimatische Kurorte betrachtet und be­sucht zu werden.

Der Ort mit der Hauptanziehungskraft für Kurgäste und Touristen war lange Zeit Pallanza. Noch 1910, lange nachdem das schweizerische Locarno zu einem zumindest ebenbürtigen Kurort aufgestiegen war, nannte der Bäder-Almanach Pallanza „die Königin des Lago Maggiore“, auch wenn man dies wohl nur noch als Werbegag betrachten konnte.

In den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts standen auf dem italie­nischen Westufer des Sees Pallanza, Stresa und Baveno als kon­kur­rie­rende Orte auf etwa dem gleichen Niveau, was die klimatische Position und den Ortsausbau anging.

Baveno suchte im Jahre 1887 der kranke deutsche Kronprinz Friedrich auf. Er wohnte während seines Aufenthaltes in der schloßartigen Villa des Briten Hen­frey.

Helfft schrieb 1866 über Stresa:

„In Stresa findet man jetzt einen grossartigen Gasthof ‚Aux iles Borromées‘ ge­nannt.“

Zehn Jahre später deutete Lippert jedoch schon an, warum das Hôtel des Iles Borromées im Konkurrenzkampf um die ausländischen Gäste mit dem Grand Hôtel in Pallanza würde zurückstecken müssen:

„(Es) eignet sich wegen seiner kühlen, schattigen Lage ausschließlich zum Sommeraufenthalt.“

Auch dem Grand Hôtel des Iles Borromées wurde ein literarisches Denkmal gesetzt. Es stammt von Ernest Hemingway aus seinem Ende des Ersten Weltkrieges spielenden Romans „A Farewell to Arms“, veröffentlicht in New York im Jahre 1929 (deutsch „In einem anderen Land“):

"I felt damned lonely and was glad when the train got to Stresa.

At the station I had expected to see the porters from the hotels but there was no one. The season had been over a long time and no one met the train. I got down from the train with my bag, it was Sim's bag, and very light to carry, being empty except for two shirts, and stood under the roof of the station in the rain while the train went on. I found a man in the station and asked him if he knew what hotels were open. The Grand-Hotel & des Isles Borromees was open and several small hotels that stayed open all the year. I started in the rain for the Isles Borromees carrying my bag. I saw a carriage coming down the street and signalled to the driver. It was better to arrive in a carriage. We drove up to the carriage entrance of the big hotel and the concierge came out with an umbrella and was very polite.

I took a good room. It was very big and light and looked out on the lake. The clouds were down over the lake but it would be beautiful with the sunlight. I was expecting my wife, I said. There was a big double bed, a letto matrimoniale with a satin coverlet. The hotel was very luxurious. I went down the long halls, down the wide stairs, through the rooms to the bar. I knew the barman and sat on a high stool and ate salted almonds and potato chips. The martini felt cool and clean."



Abbildung 18:

Links: Plakat mit dem Fahrplan der Dampfschiffahrt für 1892 zwischen Locarno am Nordende und Arona am Südende des Lago Mag­giore und für einige der führenden Hotels am See.
Rechts: Werbeplakat der Simploneisenbahn Paris-Mailand mit dem Fahrplan der Dampfschiffahrt zwischen Locarno und Arona für März 1906.

In seiner baulichen Gestaltung, insbesondere im Innenausbau, überragte das Grand Hôtel in Pallanza das Hôtel des Iles Borromées.

Zudem besaß Pallanza ein von Stresa unterschiedliches Mikroklima. Es er­hielt den ganzen Tag über Sonne, auch in den Wintermonaten. Dadurch war Pallan­za vor den ebenfalls bei Touristen beliebten Orten Stresa, Baveno und Canne­ro prädestiniert, der führende Kurort am Lago Maggiore zu werden.

Von Lugano, das etwa dreißig Kilometer östlich hinter einer Bergkette liegt, un­terscheidet sich das Klima von Pallanza nur geringfügig. Die lang­ge­streckte, im Norden schmale, von hohen Bergen eingefaßte, im Süden weit in die lombardi­sche Ebene aufgehende Form des Lago Maggiore be­gün­stigt den Wind, der wie in einen Trichter hinein oder aus einem Trichter heraus von Norden nach Süden als Tramontana und von Süden nach Norden als Inverna gelegentlich in unangenehmer Stärke und Kühle wehen kann.

Stresa und Baveno sind besonders der Tramontana ausgesetzt. Pallanza in­dessen genießt den Vorteil, durch die umliegende Hügelketten und Berge vor diesem Wind geschützt zu sein, während der Südostwind Inverna den Ort aller­dings voll trifft.

Doch durch die sonst geschützte Lage erreichen die Durch­schnitts­tem­pe­ra­tu­­ren in der kalten Jahreszeit Werte, die etwa zwei Grad über denen in Lugano liegen.

Aus diesem Grunde verschob sich die Kurzeit, verglichen mit der von Lu­ga­no, in den Herbst und begann im Frühjahr eher. Peters empfahl den Auf­ent­halt in Pallanza bis Ende November und ab Anfang März; die Som­mer­mo­na­te ab Mitte Juni, den Juli und August klammerte er wegen der großen Wärme, die häufig für Kranke kaum zu ertragen wäre, als Kurzeit für Pallanza aus.

Als deutscher Arzt residierte in Pallanza der aus Bonn stammende Dr. C. Scharrenbroich. Er was als Anstaltsarzt im Grand Hôtel beschäftigt und verfaß­te 1877 für die größte Schriftenreihe über klimatische und Quell­kur­orte in der damaligen Zeit, die Badebibliothek des Verlages Braumüller in Wien, einen Be­richt über den Ort.

Neben Scharrenbroich arbeiteten in Pallanza und der näheren Umgebung fünf italienische Ärzte, sowie je zwei schweizerische und italienische Kran­ken­pfle­­ge­rinnen. Scharrenbroichs Broschüre diente wie die von Cornils über Lugano verschiedenen weiteren Autoren als Vorlage. Peters zum Bei­spiel zählte unter Berufung darauf einen breit gefächerten Katalog von In­di­ka­ti­onen auf und nannte die folgenden Erkrankungen:

„Chron. Catarrhe der Respirationsorgane, auch bei Emphysem. – Chron. Phthi­se ohne oder mit geringem Fieber, auch bei Dispos. Zu Blutungen, vorzüglich in den Anfangsstadien. – Stationäre Phthise. – Pleuriten oder pleuritische Ex­sudate. – Chron. Rheumatismen leichteren Grades. – Nervosität. – Allgemeine Körperschwäche bei Diabetes, Albuminurie, chron. Magen- und Darmcatarrhen, Vitia cordis und nach acuten Krankheiten.“

Peters vervollständigte diese Liste mit einigen Kontraindikationen. Seiner Mei­nung nach sollten Patienten mit floriden Phthisen, chronischen Phthisen mit ho­hem Fieber und alle an Respirationsund Zirkulationserkrankungen mit großer nervöser Reizbarkeit Leidende nicht die Reise nach Pallanza antreten.

Bei den erstgenannten Patienten, wo die jeweilige Krankheit bereits weit fortge­schritten war, war es fraglich, ob sie einen in ihrem Falle an­ge­zeig­ten lang­jäh­ri­­gen Aufenthalt im Süden überhaupt überleben würden, und den letztgenannten Patienten schadete die lange und außerordentlich an­stren­gen­de Reise in den Süden so sehr, daß ihre Beschwerden so weit zu­nah­men, daß der behandeln­de Arzt in der Heimat eine Reise nicht zulassen konnte.

1881 billigte Reimer – wiederum mit Verweis auf die Publikation Scharren­broichs – mit anderen Worten Pallanza dieselben Indikationen zu. Er machte darüber hinaus den Vorschlag für einen ununterbrochenen Winteraufenthalt in Pallanza für Patienten

„von schwacher Constitution, mag dieselbe erblich bedingt oder im Gefolge von Blutarmuth oder erschöpfenden Krankheiten auftreten.“

Diesen Kranken böte der Kurort eine den Stoffwechsel leicht anregende Luft und unter ärztlicher Aufsicht und guter, fachkundiger Pflege günstige Bedingun­gen für ihre Erholung. Wärmebedürftigen Patienten riet jedoch auch er die Weiterreise in den Süden, da die Temperaturen in Pallanza im November zu weit für diese Patientengruppe zurückginge.

Mehr noch als in Lugano kam der große Auftrieb für die touristische und insbe­sondere die Erschließung für Kranke in Pallanza durch die Errichtung des Grand Hôtels. Hierdurch war es dem Ort möglich, die erste Stelle unter den Kli­mastationen am Lago Maggiore über einige Jahre hin einzunehmen und sich in die Kette der international renommierten Kurorte einzureihen.

Das Grand Hôtel wurde 1870 eröffnet und entsprach den modernsten Kennt­nis­­sen im Hotelbau. Es war architektonisch dem Grand Hôtel in Vevey am Genfer See nachempfun­den und bildete den Mittelpunkt des 1880 etwa 3000 (etwa 5000 im Jahre 1890) Einwohner zählenden Ortes.

Auch hier war die Initiative von einem Ausländer ausgegangen. Der Deut­sche Georg Seyschab hatte das Haus mit großem finanziellen Aufwand errichten lassen.

Das Hotel selbst faßte mit seinen 120 Zimmern etwa 200 Fremde. Es war nur durch den hoteleigenen Park vom See getrennt und hatte anfangs eine, später drei kleine Villen als Dependancen. Das Zentrum des Gebäudes bildete eine geräumige, durch die gesamte Höhe des Hauses gehende Glashalle. Bei un­günstiger Witterung versorgte eine Zentralheizung das Gebäude mit Wärme, und ein Aufzug führte in jedes der fünf Stockwerke:

„In die oberen Etagen des Hauses können die Kranken mittelst einer neuer­dings angebrachten hydraulischen Aufzugsmaschine gelangen.“

Fischer lobte in seinem Buch über den Lago Maggiore aus dem Jahre 1890 das Hotel über alle Maßen und verwies auf die

„besonderen Specialitäten, von denen hier nur die eigene deutsche Bäckerei, die ingeniöse maschinelle Anlage für elektrisches Licht und die Eisfabrikation, das elektrische Dampfboot u.A.m. angedeutet seien. Das Hotel ist eine Welt im Kleinen.“

Auch die eigene Trinkwasserversorgung des Hotels war beim Bau schon gewährleistet. Während in den achtziger Jahren die Stadt noch aus Zieh­brun­nen versorgt wurde, besaß das Hotel eine eigenen Wasserleitung mit Quell­wasser. Erst nach der Jahrhunderwende konnte die Kurverwaltung für die ge­samte Stadt erklären:

„Die Hygiene wird in der denkbar skrupellosesten Weise beobachtet. Pallanza ist mit vorzüglichem Trinkwasser versorgt, aus welchem auch künstliches Eis hergestellt wird.“

Die Preise des Grand Hôtels waren seinen – für die Zeit – Superlativen ange­paßt. Bei vollständiger Pension kostete ein Zimmer im Winterhalbjahr zwischen dem 1. November und dem 1. April acht bis neun Lire pro Tag.

Inbegriffen waren bei diesem Preis Zimmer nach Süden, Frühstück, Lun­cheon, Diner und Bedienung. Ein Glas Milch kostete 20 cent, Heizung 75 cent, und eine Öllampe ein bis an­derthalb Lire. Bei längerem Aufenthalt gewährte die Hotelleitung Ermäßigun­gen.

Für eine italienische Lira oder einen Schweizerfranken mußte man zu dieser Zeit 1,23 Reichsmark bezahlen.

Für die mit ihren kranken Eltern mitreisenden oder für Kinder, die selbst krank waren, bot das Grand Hôtel Privatunterricht an. Den Schulunterricht erteilten auch außerhalb des Hotels der evangelische und der englische Hausgeistliche neben einigen deutschsprechenden Lehrerinnen und Lehrern aus dem Ort.

Außer dem Grand Hôtel eröffneten noch rasch weitere Hotels und Pen­si­onen ihre Tore. Dazu zählte in der Nähe des Landungsplatzes der Schif­fahrts­linie das Hotel Eder, das „nach deutschem Muster“ verwaltet wurde und dessen Zimmer ebenfalls beheizbar waren, was damals für die Gegend ungewöhnlich war.

Außerdem boten die Schweizer Pension San Gottardo, laut Fischer „bei be­scheidenen Ansprüchen sehr zu empfehlen“, das Hotel Milan, ebenfalls in der Gegend des Landeplatzes des Linienschiffes gelegen, und fünf weitere Hotels, die teilweise in Zentrum der Stadt lagen, Fremdenzimmer an.

1910 besaßen das Grand Hôtel 200 Betten, das Hotel Eden 130, das Hotel San Gottardo 60 und das Hotel Milan 30; insgesamt konnte Pallanza mit 750 Fremdenbetten in Hotels und Pensionen aufwarten.

Hinzu kamen mehrere Villen und Privatwohnungen in Pallanza und der nä­heren Umgebung, die an Kurgäste vermietet wurden.

Wie Peters schrieb, waren alle Villen gut eingerichtet, bei den Wohnungen in­des waren unterschiedliche Qualitäten zu verzeichnen. Der Preis für eine Woh­nung mit zwei bis drei möblierten Zimmern belief sich auf achtzig bis hundert Franken im Monat, der einer Villa mit acht bis zehn Zimmern und alle nötigen Einrichtungen zur Führung eine Haushaltes auf 250 bis 350 Franken pro Mo­nat.

Als besonderes Kurmittel bot das Grand Hôtel seinen Gästen auch in den Win­termonaten die Möglichkeit zu warmen Bädern in drei eigens dafür ausgerüste­ten Zellen, außerdem bestanden die notwendigen Einrichtungen für kalte Duschen in den Zimmern selbst. In der Sommerzeit unterhielt das Hotel zudem ein kleines Badehaus im See.

Im Herbst konnten die Kurgäste wie in Lugano mit einheimischen und aus Me­ran oder Montreux importierten Trauben Kuren unternehmen. Später erweiter­ten die Kurärzte in Zusammenarbeit mit der Kurdirektion das Kur­mit­tel­an­gebot über die Weintrauben hinaus auf Milch- und Mi­ne­ral­was­ser­kuren, und 1910 hieß es:

„Alle modernen Heilmethoden können hier befolgt werden, von den Luft- und Sonnenkuren anfangend bis zu den hydro-elektrischen Bä­dern, den See, Fluß und Lichtbädern ...“

Die Qualität der Spazierwege in Pallanza war bei den zeitgenössische Au­to­ren umstritten und wurde oftmals kritisiert. Reimer verteidigte die Pro­me­na­den, für Spaziergänge stände nicht nur die – wie von Kritikern behauptet – oftmals staubige Chaussee nach Intra zur Verfügung, sondern von dieser Landstraße zweigten verschiedende ebene und sanft ansteigende Wege ab, auf de­nen sich angenehm und windgeschützt promenieren ließe.

Für die nachmittägliche und die abendliche Unterhaltung der Fremden stan­den in den ersten Jahrzehnten nach der Gründung des Grand Hôtel in Pallanza zwei Theater zur Verfügung. Im Hotel selbst wurden für Hausgäste und aus­wärts wohnende Besucher des Ortes mehrmals wöchentlich Mu­sik­aben­de ge­geben. Als weitere Abwechslungsmöglichkeit verwies Peters auf die – auch Fremden zugängliche – Fischerei im See.

Dreißig Jahre später sah es auch hier anders aus: An Unterhaltung und Sport zählte der Bäder-Almanach Seeregatten, Tennis, Fußball und Schlitt­schuh­lau­fen auf einer Kunsteisbahn auf. An kultureller Entspannung boten die Hotels und die Kurdirektion neben dem Theater öffentliche Konzerte des Stadtorches­ters und Kaffeekonzerte der einzelnen Hotelorchester.

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Inhaltsverzeichnis


Vorstellung

Einleitung
Antike Vorbilder
Neue Impulse
Tuberkulose
Der „Klimakurort“
Kurorte in Europa
Klimatologie
Klimatologen
Kosten
Anreise
Der Kanton Tessin
Erschließung
Reisezeit
Indikationen
Lugano
Pallanza, Stresa
Locarno
Schlußbemerkungen

Bibliographie

Home Page


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